Ich bin es gewohnt alleine zu leben und ziehe mich gerne mal für einige Zeit zurück. Jetzt aber, nach gut zwei Monaten Lockdown, wird das Abwarten sogar mir zu viel. London hatte sich am 23. März isoliert, das war vor 11 Wochen oder 75 Tagen oder 1.800 Stunden … irgendwie klingt das alles schlecht. Seit es in Deutschland bergauf geht, sehne ich den Moment herbei, wo ich wieder unbeschwert das Flugzeug in Hamburg besteigen kann und achtzig Minuten später in London aussteige. Das wird allerdings noch dauern, denn die 14-tägige Quarantäne, die für alle Einreisenden gilt, egal woher, egal welcher Nationalität, wird erst einmal bis Ende Juni praktiziert werden. Für die Reisebranche ein Desaster. British Airways steht das Wasser bis zum Hals und man versucht jetzt gerichtlich gegen die unsinnige Anordnung vorzugegehn. Den Hotels geht es nicht viel anders, sie brauchen Gäste, aber niemand wird kommen, wenn er zwei Wochen im Zimmer bleiben muß. Es scheint pure Dickköpfigkeit zu sein, die eine Rücknahme dieser Entscheidung verhindert. Ein kluger Virologe wies lächelnd darauf hin, dass ein Gast aus Deutschland, wo die Ansteckungszahlen viel geringer sind, bestenfalls die Corona Zahlen in UK senken kann, jedenfalls statistisch gesehen. Und das ist nun mal der Blickwinkel, auf den alle Verantwortlichen bauen müssen.

 

Das britische Parlament bei der Abstimmung. Man wahrt die 2-Meter Regel und bildet eine fast ein kilometer lange Schlange. Man könnte glauben die Zeit wäre im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Was bei den traditonsverliebten Engländern oftmals auch tatsächlich so ist.

 

Es wird Zeit für England sich langsam wieder zu öffenen. Der strikte Lockdown muß beendet werden. Das ist mit Risiken verbunden, aber ein Verharren im Nichtstun wird nicht helfen. Mir scheint die Regierung hat leider längst die klare Linie verloren, nachdem auf dem Höhepunkt der Krise die wichtigsten Leute sich selbst angesteckt hatten. Voran der Premier, der um haaresbreite überlebte, allerdings wochenlang ausfiel. Ob er aktuell seine volle Kraft wiedererlangt hat, ist fraglich. Und nach dieser ernüchternden Erfahrung hat man jetzt nichts besseres zu tun, als so schnell wie möglich das Parlament in Westminster zusammenzurufen. Der englische Bürger arbeitet noch immer im heimischen Behelfsbüro aber die Politiker treffen sich ohne jeden Schutz im stickigen House of Commons. Dort gibt es weder eine Klimaanlage, noch funktionierende Fenster und noch nicht einmal ein elektronisches Abstimmsystem. Notfalls könnte man es ja auch über eine Handy App machen. Aber man wählt einen anderen Weg, eine skurrile, also sehr britische Lösung. Man wählt traditionell mit Abstandsregel. Das bedeutet, das einige hundert Abgeordnete durch die Halle des alten Palastes mäandern, um schließlich wieder im Sitzungssaal zu landen, wo sie ihren Namen nennen und ihre Stimme abgeben. Mundschutz trage die wenigsten. Weder beim Herumlaufen noch auf den grünen Bänken. No risk, no fun. Man könnte sich amüsieren, wenn die Folgen nicht so dramatisch wären. Denn leider sind genau diese Leute für die Bewältigung der Epedemie zuständig.

 

Vor drei Tagen im britischen Parlament. Am Rednerpult steht der Entwicklungsminister, Alok Sharma. Während seiner Rede wischt er sich immer wieder über die Stirn. Er wirkt sehr angeschlagen. Danach wird bei ihm hohes Fieber gemessen. Er geht in Isolation. Wenn es Covid-19 ist, dann müssen viele der Politiker sofort in 2-wöchige Abschottung. Darunter auch der Premierminister und sein Schatzmeister. Dann Entwarnung, es war ’nur‘ Heufieber. Trotzdem unverantwortlich.

 

Wer die Regeln für das Volk macht, muß auch als Vorbild auftreten. Kommt er dieser Rolle nicht nach, dann wird es schwierig. Ausgerechnet diejenigen, die zur Vorsicht mahnen, misachten dieselbe nur allzu häufig. Und deshalb ist es kein Wunder, dass England völlig verängstigt ist. Viele wollen am liebsten für immer im Haus bleiben, weil sie einfach nicht wissen, wo und wann ihnen die Ansteckung droht. Viele Entscheidungen der Regierung sind unlogisch. Bestes Beispiel ist die Maskenpflicht in der U-Bahn (und anderen Zügen, Bussen, Fähren), die jetzt endlich eingeführt wird. Aber sie gilt erst ab 15. Juni. Man gönnt sich also noch zehn Tage ohne diesen Schutz und damit weicht man die Zustimmung der Menschen auf. Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum man sich in der Bahn schützen soll, wenn es im Supermarkt nicht nötig ist. Dort will man den Mundschutz erst später einführen, nämlich frühestens Ende Juni. Wer soll das verstehen? 

 

Eine aktuelle Umfrage erstaunt auf den ersten Blick. Kennt man aber die Vorgeschichte, dann wird klar, warum die Leute das Vertrauen in ihre politische Führung und deren Anordnungen verloren hat.

 

Aber trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge bleibe ich optimistisch. Ein medizinischer Artikel in der Zeitung machte mir Mut: Das Covid-19 Virus wurde der SARS Familie zugeordnet. Die letzte große SARS Epedemie, die ebenfalls medizinisch nicht bekämpft werden konnte, verschwand nach gut sechs Monaten von alleine. Die ersten Covid Fälle traten Anfang des Jahres auf, es könnte also im Juni spannend werden. Hoffentlich folgt der Covid-19 Virus seinen Vorfahren. Dann ist der Spuk endlich zu Ende.

Sollte das Wunder nicht eintreten, dann müssen wir auf die klugen Entscheidungen der Politiker vertrauen. Ich bin diesbezüglich ganz froh, in Deutschland zu leben. Was aber wird im Juni in England passieren? Es gibt ein paar Meilensteine. Übrigens gelten die nur für England, denn Nordirland, Wales und Schottland entscheiden für sich selbst.

Zahnärzte
Seit Ende März geschlossen! Manche Patienten haben sich selbst geholfen. Einige versuchten es traditionell und banden sich einen Zwirnsfaden um den schmerzenden Zahn, andere griffen gleich tiefer in den Werkzeugkasten. Immerhin plant man ab 8. Juni ca. ein Drittel der Praxen wieder zu öffnen. Grund für die lange Schließung ist die fehlende Schutzausrüstung. Man hat bis heute (!) nicht genug ‚personal protectiv equipment‘, kurz PPE. Das ist dann schon mal ein Vorgeschmack auf die Zeit, wenn man der EU nicht mehr angehört.

Friseur
Die größte Katastrophe in der Katastrophenzeit. Sie haben ihre Shops ebenfalls Ende März geschlossen und werden frühestens am 4. Juli öffnen. Der Grund ist auch hier der Mangel an einfachen Masken und Handschuhen. Die stets gut rasierten Engländer sehen auf einmal wie Neandertaler aus, aber das stört nicht wirklich, denn viele trauen sich nicht aus ihrem Haus. Die Damen sind da anderer Ansicht und helfen sich gegenseitig. Mancher Färbungsversuch ist allerdings schief gegangen. Immerhin haben sie erreicht, dass die Botox Kliniken ab 8. Juni wieder öffnen. Immerhin ein Monat vor den Friseuren. Das hat sicher damit zu tun, dass man nun wochenlang das eigene Gesicht im Zoom Bildschirm angestarrt hat und dabei Dinge entdeckte, die man vorher gar nicht ahnte. Fotografen raten dazu die Kamera auf Augenhöhe zu stellen, dann verschwindet das Doppelkinn von alleine. Ein bekannter TV-Mann, stets schich gekleidet und sehr smart aussehend, hat inzwischen einen beachtlichen Wildwuchs auf dem Kopf. Er sagte dazu: „My lockdown hair made my mother jump when I skyped her.“ Keine Angst Mum, ich bin es, dein Sohn.

Shops
Noch immer keine Maskenpflicht in den Supermärkten, dafür geregelter Einlass von Kunden. Lange Warteschlangen auf dem Parkplatz vorm Baumarkt, Gartencenter und IKEA. Die anderen Geschäfte sind noch geschlossen. Ab Ende Juni gilt dann auch beim Einkaufen das Tragen von Nase-Mundschutz und damit können dann endlich wieder alle Geschäfte öffnen. So mancher Corner Shop oder Souvernirladen wird seine Jalousie wohl für immer unten lassen. Zwecks Belebung plant man längere Verkaufszeiten am Sonntag. Das ist der einzige Tag an dem die Läden ’nur‘ sechs Stunden geöffnet sind. Das wird sich jetzt ändern. Shopping bis spät in den Abend, sieben Tage die Woche. – Übrigens noch eine Viren bedingte Neuerung. Schon bisher nutzten die Londoner viel häufiger die Kreditkarte zum Zahlen als wir es machen. Auch kleine Beträge wurden oftmals mit der Karte bezahlt. Jetzt wünscht man ausdrücklich dieses Verfahren und lehnt meistens das Bargeld ab. Also lieber mehrere Credit Cards einstecken, anstatt Notes + Coins. Und weil wir gerade dabei sind, noch ein Hinweis: Die 20 Pfund Note aus Papier wurde durch die Plastikversion ersetzt. Noch sind die alten Scheine gültig und das wird auch noch einige Monate so sein, aber wenn sie noch welche haben, dann unbedingt beim nächsten Besuch in London ausgeben. Und wenn Sie keinen Shop und kein Restaurant finden, dass Bargeld entgegennimmt, dann eben großzügiges Trinkgeld im Hotel verteilen. Die Damen und Herren können es nach der Zwangspause und finanziellen Durststrecke mehr als gut gebrauchen.

Extra Feiertag
Erste Forderung der Engländer nach dem Corona Schock war ein zusätzlicher Bank Holiday im Oktober. Die Begründung ist ziemlich englisch; ich konnte es mir nämlich auf Anhieb nicht so ganz erklären: Die beiden gesetzlichen Feiertage im Mai konnten nicht stattfinden, weil man sich in Isolierung befand. Natürlich mußte niemand an diesen freien Tagen im heimischen Büro arbeiten, aber man konnte auch nicht an die See fahren oder sich im Pub treffen. Schwerer Verlust aus Sicht des Insulaners und deshalb soll der Tag nachgeholt werden. Die Regierung hat nach anfänglichen Zögern abgesagt. Immerhin kostet so ein freier Tag viel Geld. Man rechnet mit einem wirtschaftlichen Verlust von über 1 Millarde Pfund. Das ist gerade etwas unpassend, denn man rauscht nicht nur in die Rezession sondern auch mit Volldampf gegen die Brexitwand.

Meine stärkste Hoffnung beruht aber auf einem edlen Vierbeiner, namens Frank. Das ist eines der vielen Pferde der King’s Troop Royal Horse Artillery. Die Soldaten und ihre Pferde sind in Woolwich stationiert, ein grüner Vorort in Londons Südosten. Es liegt in Greenwich, in Höhe des Themsesperrwerks. Den Pferden können wir täglich in London begegnen, wo sie die Soldaten zum Wachdienst im Palast bringen oder an Paraden teilnehmen. Weil das alles nicht möglich war und sogar der Queen’s Birthday schon im März abgesagt wurde, hatte man die Pferde in den Urlaub geschickt. Sie durften sich auf den weiten Wiesen an der Küste austoben. Jetzt sind sie zurück und werden wieder an die täglichen Pflichten gewöhnt. Die vielen Leute, der Strassenverkehr, die laute Musik usw. Dazu nimmt man sich sieben Wochen Zeit. Dann sind wir mitten im August und dann sind zwar keine großen Feste geplant, aber ich bin mir sicher, dass man da etwas nachholen wird. Prima, die Zeit kriege ich auch noch rum, ich werde schon mal meine Londonreise planen und vielleicht den Koffer vom Boden holen. We’re all going on a summer holiday … Have a lot of fun!

 

Das ist Frank und seine Reiterin. Zurück in London, Woolwich, in der Ha-ha Road. Die gibt es wirklich und wenn ich mich richtig erinnere, dann ist ‚ha ha‘ ein altes Wort für einen Grenzgraben. Mein kluger George hatte es mir beim Ausflug nach Greenwich erzählt. Selbst für Londoner Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Strassenname.

 

 

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