Villiers Street

Strand – Victoria Embankment

Die Villiers Street ist eine schmale, nicht besonders lange und ziemlich abschüssig Strasse, Jedenfalls wenn man vom Strand dort einbiegt. Kein Wunder, denn sie führt schnurstracks zur Themse runter und die liegt deutlich tiefer als die Häuser am Strand. Schon am frühen Morgen drängen sich die Menschen durch diese Straße, abends ist kaum ein Durchkommen. Das liegt auch daran, dass hier der grosse Bahnhof Charing Cross seine Eingänge hat. Man könnte meinen, die Villiers Street wäre eine Fußgängerzone, das stimmt aber nicht. Die Autos dürfen vom Embankment bis zur Adam Street fahren, dort müssen sie dann abbiegen. Irgendwie bekommt man es hin, dass niemand verletzt wird, aber es sieht schon abenteuerlich aus, wenn sich ein Auto durch die Menschenmenge seinen Weg sucht, wo eigentlich keine Fliege mehr Platz findet. 

Ich bin schon sehr bald auf diese Strasse aufmerksam geworden. Als erstes fragte ich mich, wie man den französisch anmutenden Namen wohl korrekt ausspricht. Eins war sicher, die Engländer werden sich keinen Knoten in die Zunge binden, die lösen das eleganter. Mein Freund Richard, geborener Londoner, half mir auf die Sprünge: ‚Villas Street‘, very simple, war seine Antwort. Stimmt, dachte ich mir, das kommt leicht über die Lippen. Es gab aber noch mehr, was meine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Nämlich einen Imbiss mit dem auch nicht ganz gewöhnlichen Namen ‚Herman ze German‘. Eine Frittenbude, abends gerammelt voll, die original deutsche Currywurst mit Pommes verkauft. Original? Na ja, sie kommt der Wurst, wie ich sie vom Imbiss kenne, ziemlich nahe und vor allem ist die Portion riesig und das ist gut. Denn in London bin ich von morgens bis abends zu Fuß unterwegs und das macht hungrig. Da ist mir dann die fettige Kalorienbombe gerade recht und ich verdrücke auch noch das letzte Stück Kartoffel, dass sich im praktischen take-away-Karton finden lässt. Für Feinschmecker ist das allerdings nicht die richtige Adresse, eher für Taxifahrer und ausgehungerte Foto-Touristen.

 

Die Villiers Street ist abends voller Menschen. Aber sie ist keine Fußgängerzone. Der Autofahrer bahnt sich seinen Weg und zeigt viel Geduld. Typisch englisch, die Hupe wird so gut wie nie benutzt.

 

Ein bekannter Mieter in der Villiers Street No 47 war der Schriftsteller Rudyard Kipling. Er hat in seinem Tagebuch notiert:

“ From my desk I could look out of my window through the fanlight of Gatti’s Music-Hall entrance, across the street, almost on to its stage. The Charing Cross trains rumbled through my dreams on one side, the boom of the Strand on the other, while, before my windows, Father Thames under the Shot tower walked up and down with his traffic.“

Das hätte er auch heute, gut einhundert Jahre später, schreiben können. Es gilt noch immer, uneingeschränkt.

Woher stammt nun aber der ungewöhnliche Name der Strasse? Nun, es ist tatsächlich ein französischer Familienname. Einer seiner Träger war George Villiers, der 1st Duke of Buckingham. Der König belohnte ihn für seine Dienste mit einem Palast am Strand, dessen Grundstück bis zur Themse reichte, Es handelte sich um den Norwich Palace, der unter dem Namen York House besser bekannt ist. Allerdings ist heute davon nichts mehr übrig, bis auf ein kleines Tor. Es blieb unerfindlicherweise all die Jahrhunderte an Ort und Stelle stehen. Heute steht es etwas seitlich in den Embankment Gardens. Interessant ist die Lage; der kleine Mauerbogen liegt nämlich gut fünfzig Meter vom Fluss entfernt. Früher aber, vor dem Bau des Victoria Embankments, stand er unmittelbar am Ufer. Die Themse wurde also ganz erheblich zurückgedrängt und das kann man nirgends so gut wie hier erkennen.

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Einen Blick in die Stammbäume des englischen Hochadels zu werfen, macht mir immer Spass. Schon nach wenigen Generationen stößt man auf bekannte Namen. Die Familie Villiers macht da keine Ausnahme.

Stammvater war Georg Villiers (1550-1605), sein Sohn und sein Enkel trugen denselben Vornamen. Sie waren die Besitzer des York Houses. Verfolgen wir die Linie ein bißchen weiter, dann tauchen bekannte englische Namen auf: ‚Somerset‘, ‚Seymour‘ und ‚Spencer‘. Und schon sind wir mitten im Königshaus, denn Diana Spencer war die Ehefrau von Prince Charles und eine Nachfahrin von George Villiers.

Eine Anekdote will ich noch loswerden. Als der zweite Duke of Buckingham, auch ein George Villiers, das Grundstück und den inzwischen wohl etwas maroden Palast verkaufte, bestand er auf eine Klausel. Er verlangte, dass sein Name in der Gegend verhaftet bleibt und das war nicht ganz einfach, denn es ging immerhin um ein wortreiches Konstrukt: George Villiers, 2nd Duke of Buckingham. Aber es gelang! Man findet seinen Namen plus Titel auf den Strassenschildern verewigt. Es sind alles kleine Nebenstrassen zwischen Strand und der Themse:

  • George Street
  • Villiers Street
  • Duke Street
  • Of Alley
  • Buckingham Street

Ganz schön tricky, oder? Besonders die ‚Of Alley‘, die es leider nicht bis ins 21. Jahrhundert schaffte.

 

Das York Water Gate hat die Zeiten überstanden. Man findet es im Embankment Garden. – Das Gemälde wurde von Henry Pether gemalt und hängt heute im Museum of London.