Als ich letztes Jahr im Juni nach London fliegen wollte,  zum Queen’s Birthday, blieb kurz vorher meine Armbanduhr stehen. Früher hätte man sie aufziehen können, heute ist ein Batteriewechsel fällig. Der freundliche Schuster, der so etwas nebenbei anbietet, hatte ausgerechnet in der Woche wegen Renovierung geschlossen. Nach kurzer Überlegung beschloß ich ohne Uhr zu reisen. Im Fall des Falles würde mir mein Smartphone die Zeit anzeigen, aber in London geht das auch viel einfacher. Mir fiel nämlich ein, dass überall Uhren zu sehen sind. An Häusern und Kirchtürmen, an Palästen und Bürobauten. Fast alle sind alt, aber bestens in Takt. Ehemalige Haus- und Ladenbesitzer müssen eine besondere Vorliebe für große und dekorative Zeitmesser gehabt haben. Zum Glück sind die meisten davon bis heute erhalten. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Strassen und Häuser fielen mir ein. Dann schaute ich meine Fotos an und suchte mir die heraus, die die schönsten Uhren zeigen. Es waren viel mehr, als ich dachte. Fangen wir mit der bekanntesten an:

 

Elizabeth Tower oder einfach ‚Big Ben‘

 

 

Fällt Ihnen etwa auf? Das linke Foto machte ich im November 2018 und das rechte im April 2019. Auf beiden ist der Turm eingerüstet, die Großbaustelle Big Ben wird leider noch einige Zeit bestehen bleiben. Nur eins von den vier Zifferblättern blieb sichtbar. Ein Zugeständnis an die Touristen und natürlich eine Information für die Londoner, damit sie wissen wie spät es ist. Der ganze Rest des Turmes wird von dichten Bauplanen verhüllt. Anfangs konnte man nur die Uhr sehen, die zur Westminster Bridge zeigt, neuerdings ist die Seite zum Victoria Embankment unverhüllt. Sie wurde inzwischen restauriert und zeigt sich seitdem überraschenderweise in ganz neuen Farben. Jahrzehntelang waren die Zeiger und die Ziffern schwarz lackiert, jetzt sind sie blau. Und zwar prussian blue! Aufwendige Recherchen brachten es ans Licht. Preußisch-blau ist die Originalfarbe der Uhr. So wurde sie Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut und gezeigt. Noch ein Unterschied ist am oberen Rand der Uhr zu sehen. Die Wappen sind jetzt wieder mit einem roten Kreuz bemalt. Auch das entspricht den alten Plänen. Ich glaube das lange Warten lohnt sich, der Turm wird prachtvoll aussehen, wenn alles fertig ist. Und dann hören wir auch endlich wieder die große Glocke, die den Namen Big Ben trägt, in ihrem unverwechselbaren Ton klingen. Der ist übrigens deshalb so einmalig, weil die Glocke eine Beschädigung hat und deshalb leicht verstimmt ist.

 

Shell Mex-House

Wer glaubt Big Ben wäre die grösste Uhr, irrt sich. Sie bringt es nur auf Platz zwei. Die Nummer eins gar nicht weit weg, sogar in Sichtweite von Westminster. Kein Zifferblatt ist größer als das am Turm  des Shell Mex-Houses. Es steht am Nordufer der Themse, kurz vor der Waterloo Bridge. Abends sieht man die Uhr schon von Weitem, denn sie wird dekorativ angestrahlt. Ein Bürogebäude, wie das Shell Haus, braucht eigentlich keine riesige Uhr an der Fassade. Ein Logo, wie die Muschel, wäre doch viel wirkungsvoller, oder? Es gab Gründe, die Uhr war sogar unverzichtbar, um das Haus überhaupt zu bauen. Es war nämlich höher geplant, als erlaubt. Baugenehmigung fraglich. Kurzerhand montierte man die Uhr an den Turm und erklärte damit die oberen Etagen als nichts anderes als eine Haltevorrichtung für den Zeitmesser. Die Behörde schluckte den Köder. Inzwischen wurden die Vorschriften geändert und man konnte dann sogar noch drei Etagen aufstocken. Der Grund für die damalige Begrenzung hing mit dem geringen Wasserdruck in Londons Leitungssystem zusammen. Im Falle eines Brandes hätte man nicht löschen können. Bessere Pumpen lösten das Problem.

 

 

Royal Court of Justice im Strand

Eine besonders schöne Uhr hängt hoch oben am Königlichen Gerichtshof. Das Haus selbst ist ein architektonischer Hingucker, ein bißchen Disney Welt. Davor, mitten auf der Strasse, steht der Drache, der die City bewacht. Auch er ein echter Eye Catcher. So kommt es, dass Passanten die Uhr oftmals gar nicht sehen. 

Das gute Stück ist reich verziert. Sonne und Mond sind in den unteren Ecken zu sehen. Daneben leuchten Sterne und das Dach hat aufwendige Verzierung. Wahrscheinlich aus Messing geformt. Leider ist die Uhr so hoch angebracht, dass man es ohne Vergrößerung kaum erkennt. Meine Kamera hat ein Teleobjektiv, damit ist es möglich. Warum sie dort oben angebracht wurde, weiß ich nicht. Sollte man sie schon von weitem sehen können? Vielleicht schon vom Ludgate Hill, auf dem St Paul’s gebaut wurde? Oder wollte man sicher gehen, dass niemand die Uhr berühren oder gar abmontieren konnte?

Was ich weiß, ist das Datum, als sie erstmals aufgezogen wurde. Es war im Dezember 1883. Um das Uhrwerk zu warten, mußte man viele Stufen im Gebäude hochsteigen und dann durch eine Wandklappe in den Uhrenkasten klettern. Dort sind auch Glocken untergebracht, die zur vollen Stunde läuten. Stolz war man auf das Innenleben, denn das war von besonderer Präzision. In der Zeitung war zu lesen: „The clock is guaranteed to keep time within one second per week, and it is stated that a clock made by this firm for Manchester has not in six months varied as many seconds.“ Das scheint bis heute zu stimmen, denn wann immer ich dort vorbeigehe, kann ich keine Abweichung zur aktuellen Zeit feststellen.

Etwas unsicher bin ich bezüglich der Adresse. Ist das noch the Strand oder sind wir schon in der Fleet Street? Der Royal Court of Justice hat seine Adresse im Strand. Und da die Uhr an seiner Fassade montiert ist, denke ich, dass der Strand richtig ist. Aber keine Frage, ziemlich genau hier, exakt an der Figur des Griffin, gehen die beiden Strassen nahtlos ineinander über.

 

 

City of London

Rund um die Bank of London, also mitten in der City of London, wimmelt es nur so von Uhren und Schildern. Hier hatten die Kaufleute ihre Geschäfte, hier wurde Geld verliehen und hier versicherte man seinen Besitz und ganze Schiffsladungen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Allerdings sitzt man inzwischen in supermodernen Glastürmen, wo man sich eher via Internet mit dem Kunden aus aller Welt trifft. Früher waren hier kleine Büros, Tür an Tür, und darüber zeigte man sein Markenzeichen, sein Logo. Aus wertvollen Metall gefertigt, glänzten die Schilder in der Sonne. Das ist noch heute so, besonders in der Lombard Street, wo man die kunstvollen Werke hängen gelassen hat. Darunter auch ein riesiger goldener Grashüpfer. Daneben überall Uhren, oft so eng beieinander, dass man gleich ein halbes Dutzend von ihnen gleichzeitig sehen kann. Alle sind kleine Meisterwerke, alle zeigen die richtige Zeit. Fängt man erst einmal an auf die Uhren zu achten, dann sieht man sie plötzlich überall.

 

 

Gerade wenn man mit der Kamera unterwegs ist, macht es Spaß, ein bestimmtes Motiv zu suchen. Ich denke es eignet sich auch, um Kindern den Spaziergang interessanter zu machen. Man kann nicht nur nach Uhren oder alten Messingschildern Ausschau halten, sondern auch nach Drachen. Sie sind überall in der City versteckt. Ein anderes Motiv ist die Ananas. Man verwechselt sie schnell mit einer Eichel, aber tatsächlich war die Frucht Vorbild. Sie wurde als Verzierung an Gebäuden, auf Säulen oder auch Zaunspitzen genutzt. Die Lambeth Bridge hat an beiden Brückenköpfen große Säulen, die mit einer Ananas an der Spitze verziert sind. Die Frucht war früher etwas ganz exotisches und kostete sehr viel Geld. Man vermutet darin den Grund, also ein Zeichen des Reichtums. Egal, sobald man sich ein Thema gesucht hat und die Jagd eröffnet ist, macht das Herumlaufen noch einmal so viel Spaß.