Wenn mir ein Londoner sagt, ‚meet me at St Pancras‘, dann weiß ich wo ich ihn finden werde. Dabei ist der Bahnhof St Pancras einer der großen Knotenpunkte in London, aber es gibt einen Meeting Point, der auch von Ortsunkundigen sofort gefunden wird. Wenn Reisende aus Paris oder Brüssel hier aus dem Eurostar steigen, dann sehen sie wahrscheinlich als erstes die neun Meter hohe Bronzestatue von Paul Day. Sie zeigt ein junges Paar, dass Abschied nimmt. Diese Statue ist in ganz London als ‚The Lovers‘ bekannt und gilt als Treffpunkt im Bahnhof.

 

 

Unter Fachleuten ist die Figur höchst umstritten. Ich muß gestehen, dass sie mich durchaus anrührt, was aber eher das harte Urteil bestätigt. Kunstkenner halten die Liebenden für ‚crappily kitsch‘. Soll sich doch jeder sein eigenes Bild machen und überhaupt bin ich eine Verfechterin des Banalen, zumindest von Zeit zu Zeit, denn manchmal will ich den Gefühlen einfach nur freien Lauf lassen und dann hat mein wertender Verstand Pause.

 

 

Allerdings auf den zweiten Blick scheint es mir, dass man dem Künstler nicht gerecht wird, wenn man sein Werk als unbedeutend abtut, nur weil es keine kritische Botschaft enthält. Denn genau so etwas erkenne ich durchaus, beispielsweise wenn ich eine zweite Darstellung der Liebenden betrachte. Sie ist viel kleiner, befindet sich am Boden der Figur und will erst einmal vom Betrachter gefunden werden.

 

 

 

Ist es ein anderes Pärchen? Auf jeden Fall hat sich die Situation gedreht. Noch während der innigen Verabschiedung schaut die Frau auf ihr Smartphone. Erwartet sie eine Nachricht, kontrolliert sie die Mailbox? Wer also auf den ‚Kitsch‘ abgefahren ist, kommt spätestens jetzt ins Schleudern. Und damit passt das Kunstwerk ziemlich gut in den Bahnhof, denn St Pancras ist ein Gebäude der Widersprüche. Hier wurde alt und supermodern vereint, aber darüber muß ich einen eigenen Beitrag schreiben, denn es gibt viel darüber zu erzählen.

Zurück zum Fries, der unter der Figur zu finden ist. Etliche kleine Szenen hat Paul Day hier dargestellt. Ich vermute, dass viele auf historische Ereignisse anspielen, weiß aber zu wenig von der britische Eisenbahngeschichte, um das erkennen zu können. Was mir aber auffällt, ist Kritik, mal versteckt, meistens ganz offen dargestellt. Betrachten wir die Szenen doch einfach einmal gemeinsam.

 

 

Die Darstellungen sind stark räumlich gearbeitet. Die dreidimensionalen Bilder gehen oft ineinander über, so wie hier, wo das Gesicht eines Arbeiters, wohl ein Schweisser, schon in die nächste Darstellung hinein ragt. Ich erkenne einen Bahnsteig. Zwei Männer mit Koffern warten auf ihren Zug. Der wird aus dem Vordergrund einfahren (Linksverkehr!) und die Reisenden an irgendeinen Ort hinter dem Horizont bringen. Wir erfahren nichts über ihr Ziel, aber es ist weit entfernt und sie werden für längere Zeit fortbleiben. 

 

 

 

Es fehlt nicht an Witz. Ein unübersehbar große Nase ragt aus dem Fries. Sie scheint den kleinen Jungen eher zu erschrecken. Auch ich staunte erst einmal. – Nasen haben eine gewisse Tradition in der Londoner Kunstwelt. Es gibt eine ganz ähnliche Nase in der Wand des Admiral Arch; das ist das riesige Tor, wo die Mall zum Buckingham Palace beginnt. Niemand weiß, wer das Riechorgan dort angebracht hat. In jüngerer Zeit haben Strassenkünstler die Idee aufgenommen und sieben Nasen in einem kleinen Areal der Stadt an Häuserwänden installiert. Wer Langeweile hat, -was ich mir in London kaum vorstellen kann-, kann losziehen und danach suchen. Man kommt dabei durch einen netten Teil der City.

 

 

Das nächste Bild zeigt Arbeiter, die die tonnenschweren Schienen verlegen. Eine knüppelharte Arbeit und entsprechend kräftig sind die Arme der Männer. Es gab bestimmt viele Verletzte und Tote. Diese Arbeiter tragen immerhin schon einen Kopfschutz, aber sie greifen noch immer mit bloßen Händen zu. Dann fällt mein Blick auf den Mann in der Mitte. Er ist der einzige der nicht mit anpackt, ja er scheint sich sogar gelangweilt auf dem Rücken eines anderen abzustützen. Und er trägt eine fremde Kopfbedeckung, die mich an den Orient erinnert. Vermutlich geht es hier um Geschicht, denn es waren britische Ingenieure, die Vorhaben wie die Bagdad Bahn verwirklichten. 

 

 

Ja, das ist wohl Kitsch, denn Herr und Hund schauen gar zu traurig aus den Augen. Ihre Gesichter sind sogar identisch, aber man weiß ja, dass Hundebesitzer im Laufe der Jahre ihren vierbeinigen Freunden immer ähnlicher werden. Oder ist es anders herum? Dieser Mann ist wohl obdachlos. Er trägt zwei große Bündel, darin vermute ich all seine Habseligkeiten. Der Hund ist sein treuer Begleiter, weicht nicht von seiner Seite, obwohl er könnte. Aber wo soll er hin? Ich denke die beiden wollen nicht verreisen, sondern suchen eher einen trockenen Platz für die Nacht. Irgendwo hier unten, im Tunnelsystem der Stadt. Ohne Frage, das ist keine Fiktion sondern tagesaktuelle Wirklichkeit. Hinten sieht man einen Gentleman die Treppen hinunter kommen. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann erkenne ich hinter ihm das Parlament und den Turm von Big Ben. Wir sind also in Westminster und der Mann könnte ein Politiker sein. 

Meine Überlegungen könnte ich fortsetzen und sie konfrontieren mich mit Tatsachen, die ich und die meisten anderen lieber ausblenden. Wie auch immer, sollte diese Darstellung Kitsch sein, dann führt sie den Betrachter doch in eine Welt, die von härtester Realität geprägt ist. Und deshalb pfeife ich auf das Urteil der Kunstkenner und nehme mir immer gerne die Zeit in St Pancras einen Blick auf die Liebenden am Meeting Point zu werfen. Ein Besuch des Bahnhofs lohnt sich immer, ich spare es mir gerne als first class Alternative für Regentage auf.