London ist riesig. 8,5 (13,6*) Millionen Einwohner leben auf 1.600 km2; Das sind durchschnittlich 5.423 Menschen pro Quadratkilometer. Hamburg hofft bald 2 Millionen Einwohner zu zählen und kommt auf eine Bevölkerungsdichte von 2.393 Einwohnern pro km2. Auch nicht schlecht. Aber London ist eine Klasse für sich und vielleicht kann man es erfassen, wenn man mal einen Blick von ganz oben auf die Insel wirft. Beispielsweise beim Anflug auf den Flughafen Heathrow, wenn man einen Fensterplatz auf der Steuerbordseite erwischt hat. Bei Britisch Airways sind das die Sitze mit dem Buchstaben ‚F‘. Und selbst nachts ist die Stadt eindeutig auzumachen, denn London geht niemals schlafen.

*) Zahl in Klammern gibt die Einwohner der Metropolregion an. Das ist der Bereich, in denen die Menschen leben, die tagtäglich mit der Bahn nach London fahren, weil sie dort ihren Arbeitsplatz haben.

 

London im Süden, Birmingham in der Mitte/Westen, Manchester u. Leeds an der Ostküste. Im Norden reichen die Lichter von Glasgow bis nach Edinburgh.

 

Für den Fototouristen bieten sich natürlich auch andere Möglichkeiten, nachdem man gelandet ist. London hat viele wunderbare Roof-Top-Pubs und Cafés. Allerdings machen die meisten erst im Sommer Spaß. Ich war im Dezember dort und mußte mir deshalb einen anderen Platz suchen. Tagsüber bzw. solange es noch hell ist, könnte man den oberen Fußgängersteg der Tower Bridge nutzen, oder die Aussichtsplatform im Monument, Fish Street. Keine Bange, in dem Turm ist ein Lift eingebaut. Auch der Blick von St Paul’s ist nicht schlecht aber leider kostenpflichtig. Wer nicht so großen Wert auf das Ambiente legt, sondern nur an der Aussicht interessiert ist, sollte das Einkaufszentrum (1, New Change) gleich neben der Kathedrale aufsuchen. Die lassen jeden kostenlos auf das Dachgeschoß, von wo man einen sehr schönen Blick über die City und die Themse hat. 

Ich hatte mir aber etwas exklusiveres ausgesucht, nämlich den Skyscraper in der Fenchchurch No 20. Auch bekannt als Walkie-Talkie. Dort findet man einen Sky Garden auf der obersten Etage. Immerhin 37 Stockwerke, mit einer Gesamthöhe von 160 Metern. Mehr wurde nicht erlaubt, denn die ehrwürdige St Paul’s Cathedral steht in unmittelbarer Nachbarschaft und sollte weder optisch, geschweige denn real, erschlagen werden.

 

Da oben will ich hin. Typisch London, vor mir sehe ich Strassen und Häuser wie zu Queen Victorias Zeiten und gleich dahinter ragt die Moderne in den Himmel. Irgendwie passt es trotzdem, vielleicht weil man sich gar nicht die Mühe machte, irgendwelche nicht vorhandenen Gemeinsamkeiten zu erzwingen.

 

Das Gebäude mit der eigenwilligen Form, die an ein Walkie Talkie erinnert wird auch gerne das ‚Pint‘ genannt. Auch der Vergleich spielt natürlich auf die sanft gewölbte Fassade an. Der Wolkenkratzer wurde Anfang 2015 fertiggestellt und machte sofort Schlagzeilen. Die Passanten wurden plötzlich von heftigen Windboen umgepustet, verursacht durch die eigenwillige Form des Gebäudes und wenn es mal nicht wehte, dann konnte man Eier in der Pfanne braten. Die gewölbte Glasfassade reflektierte die Sonne brennpunktmäßig nach unten. Auf der Straße registrierte man Temperaturen von bis zu 130° Celsius, was auch geparkte Autos nicht lange verkraften konnten. In den Stoßstangen bildeten sich erst Blasen und dann Löcher. Nun ja, die Dinger werden längst aus Plastik gefertigt und dann hübsch lackiert. Der Architekt, der selbst ein Büro in dem Haus bezogen hatte, mußte nachbessern und dabei auch die Liftschächte dicker isolieren, denn dort entwickelten sich angsteinflößende Pfeiffgeräusche, wenn die Kabinen durch den Schacht sausten. Inzwischen ist aber alles in Ordnung, man kann die Aufzüge ohne Bedenken benutzten. 

Der Aufenthalt im Sky Garden ist kostenfrei, aber man muß sich ein Ticket im Internet reservieren. Man kann immer für eine volle Stunde buchen, allerdings sind die Timeslots während der Dämmerung heiß begehrt, denn dann lassen sich die besten Bilder schiessen. 

 

Der Sky Garden in 20, Fenchchurch Street. Londons schönste Aussichtsplatform. – Aber nehmen Sie sich auch Zeit mit, denn trotz Ticket sind die Schlangen lang. Ich war in einer Touristen schwachen Zeit dort und musste fast eine Stunde anstehen. Nächstes Mal werde ich etwas mehr Geld ausgeben und gleich in die Bar gehen. Obwohl auch dort die Plätze besser vorbestellt werden sollten.
Das Erdgeschoss des Walkie Talkie. Hier kann man die hohe Kunst der Queue Bildung studieren, bevor es dann irgendwann in die obere Etage geht.

 

Der Blick von dort oben ist grandios und doch werden mir die vielen Menschen bald zuviel. Ich habe meine Fotos gemacht und fahre vorzeitig wieder runter. Auf der Straße atme ich erst einmal tief durch und dann versuche ich mich zu orientieren, denn inzwischen ist es stockfinster. Um mich herum sind kleine, alte Häuser. Sie stammen alle aus dem 19. oder sogar späten 18. Jahrhundert. Wahrscheinlich werden sie von Anwälten, Maklern und Finanzberatern als Büros genutzt. Die Straßen sind eng und auffallend verlassen, dabei ist es mal gerade sechs Uhr abends. Kein Mensch ist hier unterwegs. Ich gehe ein paar Schritte weiter und schon stehe ich vor dem nächsten Büroturm. Ganz plötzlich habe ich freie Sicht auf den Kasten, ein Spaziergang voller Überraschungen.

 

 

Es ist das Cheesegrater (Käsereibe) Gebäude, das eigentlich wie ein Keil geformt ist, allerdings nicht von dieser Seite erkennbar. Aber die diagonalen Stahlträger an der Fassade sind eindeutig. Das Haus ist ungefähr genauso alt wie das Walkie Talkie, also ca. zwei Jahre. Auch hier gab es nach der Eröffnung erst einmal eine Panne, aber das wird fast schon erwartet, denn es dient der Unterhaltung. Es fielen Stahlbolzen herunter, insgesamt drei Stück. Sie landeten auf dem Strassenpflaster, zum Glück ohne jemanden zu verletzten. Die Dinger waren armlang und hatten einen steilen Flug hinter sich. Das will niemand auf den Kopf bekommen. – Beide Hochhäuser wurden übrigens im Sommer 2017 an asiatische Großinvestoren verkauft. Eine Firma sitzt in China, die andere in Hongkong. Sie zahlten pro Gebäude über 1.200 Milliarden (!) Euro. Die gehen wohl nicht davon aus, das die Londoner City nach dem Brexit verwaist sein wird.

Dann gehe ich die kleine Strasse weiter in Richtung Themseufer und komme an einer Kirche vorbei. Dort dringt warmes Licht aus dem Fenster, die Gemeinde scheint sich hier gerade versammelt zu haben. Die Strasse ist menschenleer, ich fühle mich wie in einer Erzählung von Charles Dickens. Es ist ein bißchen unheimlich, aber Angst habe ich eigentlich nie. In London fühle ich mich immer gut beschützt, würde allerdings einige Gegenden abends nicht mehr alleine aufsuchen. Da sollte man sich, wie in jeder Stadt, vorher informieren.

 

 

Am Ende der Straße habe ich freien Blick über die Themse. Da steht ein anderes Hochhaus, das Shard, das noch immer alle Londoner Gebäude überragt. Mal sehen, wie lange der Rekord hält. Wer eine sehr großzügige Reisekasse hat, kann sich natürlich im Shard Hotel einmieten. Aber wenn man den Blick zur richtige Seite haben möchte, dann wird die Übernachtung wohl mehr als £350 kosten. Preisgünstiger wird ein Besuch im Shangri-La Restaurant bzw. in der Bar. Die sind in der 60. Etage des Hauses untergebracht und bieten einen unvergesslichen Blick über ganz London. Da kann man dann beispielsweise beim Afternoon Tea ungestört seine Fotos machen. Tischreservierung ist unbedingt erforderlich, sonst rückt man womöglich in die zweite Reihe.

 

 

Tagsüber bieten sich natürlich noch andere Plätze an. Einfach eine Fahrt mit dem Riesenrad unternehmen, dann hat man eine gute halbe Stunde Zeit, um aus der rundum verglasten Kabine ganz London zu fotografieren. Oder mit der Seilbahn zur O2-Arena rüberfahren, auch ein preisgünstiger Hochsitz. – Für mich reicht es heute, es ist ganz schön kalt. Ein eisiger Wind schlägt mir ins Gesicht. Für heute habe ich genug fotografiert, ich will zurück ins Hotel, mir ein warmes Plätzchen suchen und die Fotos sichten. Aber erst einmal muß ich herausfinden, wo ich denn eigentlich bin. Ist hier eine Underground Station in der Nähe oder versuche ich es mit einem der vielen Busse? Aber wo fahren die? Als ich um die Ecke biege ist alles klar. Vor mir funkelt die Tower Bridge, ich sehe sie unverdeckt in voller Länge. Sie hat sich mit weißen Lichtbändern geschmückt, als wollte sie groß ausgehen. Nun bleibe ich doch noch länger stehen, als geplant. Diese Brücke ist wunderschön, egal wie oft man sie sich angesehen hat. Sie ist ein Schmuckstück an dem ich mich nicht satt sehen kann. Gut so, denn ich möchte noch oft wiederkommen.

 

Es ist Ebbe. Die kleinen Holzpontons, an denen Schiffe festmachen können, stehen meterweit aus dem Wasser heraus. Am Abend ist noch viel Betrieb auf der Themse, es werden ganze Schleppverbände mit Containern flussaufwärts gezogen. Die bringen neue Ware für die Stadt.