Über London strahlt die Sonne. Ich bin seit dem frühen Morgen auf den Beinen, um den besten Platz bei der Geburtstagsparade zu ergattern. Heute feiert die Queen zusammen mit der Horse Guard und Tausenden von Zuschauern. Mittags wird sich die Familie auf dem Balkon versammeln und erst mal in die Luft starren, um den Überflug der Royal Air Force nicht zu verpassen. Wird schon alles gut gehen, war ja immer so. 

Nein, ich bin natürlich nicht in London. Aber meine Planung hatte genauso ausgesehen und man darf doch bitte mal träumen. Wir haben 2021 und stecken noch immer fest in der Reisekrise, verursacht durch ein Virus. ‚Trooping-the-Colour‘ wurde längst abgesagt, genau wie im letzten Jahr. Eine Mini-Parade findet in Windsor statt, was sich terminlich gut passt, denn einen Tag später erwartet man Präsident Biden und Gattin zum Afternoon Tea.

Einige wenige Gäste sind anwesend. Ansonsten jede Menge Soldaten in Galauniform und hoch zu Ross. Die Queen wird von ihrem Cousin, dem Duke of Kent, begleitet. Der Mann ist inzwischen auch schon hochbetagt, wird demnächst 86 Jahre alt. Trotzdem arbeitet er regelmäßig für die Königin und darf deshalb im Kensington Palace wohnen. Er betont zwar gerne, dass er Miete zahle, die ist aber so gering, dass man es nicht glauben konnte, als er die Höhe öffentlich preisgab. Er scheint bezüglich der Londoner Mieten etwas weltfremd zu sein, aber woher soll er es auch wissen.

Heute war jedenfalls einer seiner großen Auftritte und der war unabsichtlich komisch. Sogar sehr komisch. Ich war neugierig, wer die Queen begleiten würde. Wer wird neben ihr Platz nehmen? Und da taucht der Duke auf. Groß gewachsen, sehr schlank und etwas wackelig auf den viel zu dünnen Beinen. So stakst er hinter seiner Cousine her und orientiert sich mithilfe der rechten Hand, die an der Mauer entlanggleitet. „Was ist bloß mit dem Mann los?“, frage ich mich und fürchte, dass seine Knie gleich ganz nachgeben werden. Und da sehe ich es, was ihn behindert. Es sind nicht nur die müden Beine, nein es ist vor allem die Bärenmütze. Sie ist ihm tief ins Gesicht gerutscht, wird nur noch von der Nasenspitze gehalten. Seine Augen und Ohren sind längst im Fell versunken. Der Mann kann einfach nichts mehr sehen. Aber er hält sich wacker. Die Queen hat es wohl bemerkt, gibt ihm ein paar aufmunternde Worte und dann ist endlich der Stuhl erreicht, auf den er sich jetzt plumpsen lässt. Nicht schlecht, es hätte auch ein Komödiant sein können, der sich heimlich eingeschlichen hat.

 

Links die Queen und rechts ihr Cousin, Edward, Duke of Kent. Der sitzt im Dunklen, die Mütze ist ihm über die Ohren gerutscht.

 

Die Königin war wie immer in bester Laune und guter Verfassung. Gestern noch als Ehrengast auf dem G7-Gipfel, heute zur Parade in Windsor und nächste Woche zum Pferderennen in Ascot. Sie macht es richtig. Sie hat sich zweimal impfen lassen, gibt niemanden die Hand, trägt stets Handschuhe und holt aus dem jedem Tag das Beste heraus, was möglich ist.

 

Dann wurde es doch noch sehr feierlich. Die Horse Guards gratulieren der Königin zum Geburtstag. Diesmal in Windsor.

 

Ich muss meinen Geburtstag alleine feiern. Ja, der ist auch heute. Wäre so schön gewesen, es zusammen mit der Königin in London zu erleben. Aber das musste auch dieses Mal ausfallen, genau wie im letzten Jahr. Egal, alles guten Dinge sind drei. Next year in London. Das ist meine Hoffnung und das Versprechen. Dann wird die Queen nicht nur ihren Geburtstag, sondern auch mal wieder Thron-Jubiläum feiern und deshalb wird die Party dann vier Tage (und Nächte) füllen. Nun könnte man sich Sorgen machen, weil die Königin dann bereits ihren 96-sten feiert, aber das wird sie nicht hindern. Sie ist der Fels in der Brandung und scheint mit allen Widrigkeiten fertig zu werden. Es ist eher meine eigene Fitness, die mir Sorgen machen sollte. Die unfreiwillige Untätigkeit während der letzten 500 Tage haben mir nicht gutgetan. Etwas mehr Bewegung wäre vielleicht ein guter Vorsatz für den Start ins neue Lebensjahr.

 

Beim G7 Treffen ist die Königin bester Laune. Erst fragt sie den Premierminister beim Gruppenfoto: „Soll ich so tun, als würde es mir Spaß machen?“ und dann bittet sie den Offizier um sein Schwert, weil kein Messer zur Hand ist, um die Torte anzuschneiden. Anschließend zieht sie die geputzte Klinge durch den Marzipan-Sahne-Kuchen und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

 

Finally ladies and gentlemen, a few personal words from me

Neuigkeiten aus London finden sich täglich. Gute Geschichten bieten die Engländer gratis und zuhauf. Mir war es stets ein Vergnügen darüber zu schreiben, aber jetzt ist Schluss. Gestern wurde ich mal wieder ein Jahr älter und da zieht man gerne Bilanz. Ich komme langsam einer gefürchteten Altersgrenze nahe. Nämlich der markanten Linie, die wesentliche Lebensabschnitte trennt. Es hilft nix, ich werde sie queren müssen und vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm, wie befürchtet. Vielleicht habe ich eine falsche Sicht auf das Leben, das von jedem irgendwie gemeistert werden muss. 

London ist auch deshalb ein wenig in die Ferne gerückt. Aber es gibt weitere Gründe. Der Brexit und das Coronavirus haben Spuren hinterlassen. Jedenfalls in meiner Welt. Nun scheint beides (fast) überwunden, aber lieber nicht zu früh jubeln. Die Engländer, die Weltmeister im Impfen sind, haben es gemacht und jetzt steigen prompt die Infektionszahlen auf beängstigende Werte. Eine Reise wird wohl frühestens im August möglich sein.

Und schließlich habe ich fast mit Schrecken festgestellt, dass ich jetzt seit sieben Jahren über London schreibe. Und das ist eindeutig zu lange. Ich muss mir unbedingt etwas Neues suchen, sonst wird die Sache langweilig. Und Sie liebe Leserin und lieber Leser empfinden es genauso, auch wenn Sie viel zu höflich sind, um es auch nur zu erwähnen. Danke für Ihre Rücksicht und für die Aufmerksamkeit, die Sie mir all die Jahre gegeben haben. Bye-bye, alles Gute.