Genug ist genug. Noch eine Sondersendung kann ich nicht verdauen. Ich kenne inzwischen so ziemlich jeden Tag aus dem Leben des Duke of Edinburgh und das war immerhin fast 100 Jahre lang. Da haben sich unsagbar viele Ereignisse angesammelt und die werden jetzt minutiös von der BBC und der britischen Presse präsentiert. Schon die gestrige Morgenzeitung hat mich fast einen halben Tag gekostet, um wenigstens eine flüchtige Sicht auf alle Beiträge (20 Seiten) zu erhaschen. Der Sonderteil ‚Prince Philip‘ erstreckte sich dann über weitere 177 Seiten! Heute, am Sonntag, sah es nicht anders aus. Noch einmal 22 Seiten aktuelles plus 130 Seiten Sonderteil. Puhhhhhh, das reicht jetzt.

Um wenigstens am Abend auf andere Gedanken zu kommen, half ein Blick ins TV-Programm. Auf ZDF Neo wurde der Film ‚Bob, der Streuner‘ gezeigt. Prima, das war genau das richtige. Ich hatte ihn schon vor ein paar Jahren in London gesehen und war natürlich begeistert. Der Film erzählt eine märchenhafte Geschichte von einem Junkie (James Bowen), der in London lebt und versucht vom Heroin loszukommen, aber mit vielen Problemen zu kämpfen hat. Eines davon ist seine Obdachlosigkeit und seine sehr begrenzten Möglichkeiten etwas Geld zu verdienen. Er hat nichts gelernt, trägt zerlumpte Kleidung und versucht deshalb auf der Straße ein paar Münzen zu bekommen. Er kann ein bisschen Gitarre spielen und singt ganz brauchbar. Viel nimmt er aber nicht ein, obwohl er es täglich versucht und nicht aufgibt. Die erhoffte Änderung in seinem Leben tritt erst ein, als ein unerwarteter Gast in auftaucht. Kaum hat James eine Sozialwohnung gefunden, steht auch schon der Streuner auf der Matte. Der will unbedingt bei dem mittellosen Mann einziehen und teilt ab sofort dessen ziemlich hartes Leben. Er begleitet fortan den Musiker zu den Plätzen, wo der singt und spielt, und schon bald wird der Kater zur Attraktion. Auf einmal wollen alle ein Foto mit den beiden haben und jeder spendet gerne und großzügig. Mit der Hilfe von Bob gelingt es James drogenfrei zu werden und soviel Geld zu verdienen, dass er sich eine stabile Grundlage aufbauen kann, die ihm ein Leben in London ermöglicht. Das Wichtigste an der Geschichte ist vermutlich, dass James auf einmal eine Aufgabe hat, eine Verantwortung für Bob spürt. Das macht sein trostloses Leben sinnvoll und motiviert ihn entschlossen in die Zukunft zu blicken.

 

Herrlich wenn James und Bob mit dem Bus durch London fahren. Sie passieren gerade Trafalgar Square. Und das mag ich auch sehr an diesem Film, man sieht jede Menge von London. Alles vor Ort gedreht, ich rufe dutzende Male: „Ohhh, da war ich auch!“

 

Ein schönes Märchen?  Nein, diese Story wurde vom Leben geschrieben, sie ist komplett wahr. James Bowen gibt es, genau wie Kater Bob und tatsächlich hat sich alles so ereignet, wie im Film und den Büchern erzählt. Ich kann es gleich doppelt bezeugen. Zum einen war mir selbst vor vielen Jahren ein rot-weißer Kater zugelaufen, der fast identische Eigenschaften wie Bob zeigte. Diese ‚ginger cats‘ sind etwas ganz Besonderes. Sie scheinen sehr intelligent zu sein und verhalten sich eher wie ein Hund. Auch mein Kater begleitete mich überallhin, ohne dass ich ihn anleinen musste. Und er auch er kam zu mir, als ich wirklich Hilfe brauchte. Zum anderen kann ich bezeugen, dass James und Bob in London Musik spielten. Ich habe sie nämlich 2017 noch live auf den Straßen von Covent Garden erlebt. Damals verkaufte James schon die Zeitung ‚Big Issue‘ ein Projekt von und für Obdachlose. Der echte James ist sehr groß, sicherlich mehr als 1,90 m, und fällt alleine deshalb schon auf. Wenn er vor der Actors Church in Covent Garden sang, dann konnte man ihn schon von Weitem sehen. Zu seinen Füßen lag Bob auf einer Decke und schaute vergnügt der Menge zu, die sich um die beiden regelmäßig scharten. Leider ist Bob inzwischen verstorben. Es hatte im Sommer 2020 einen Unfall mit einem Auto und starb an den Verletzungen. Ich kann nachfühlen, wie traurig es James gemacht hat.

 

Die roten Kater sind ganz besondere Katzen. Wenn sie sich einen Menschen aussuchen, um das Leben miteinander zu verbringen, dann ist einem etwas sehr Gutes passiert.

 

Wenn man auf der Lebensspirale gerade unten ist, braucht man eine Aufmunterung. Mal sind es Freunde, die unverhofft Hilfe bringen, indem sie einfach Zeit zum Zuhören anbieten. Mal sind es Tiere, die aus dem Nichts auftauchen und scheinbar spüren, dass man Trost braucht. Oft sind es kleine Dinge, die uns den Tag retten. Ein nettes Wort oder ein guter Witz. Und genau das passierte mir gestern Vormittag. Der Tag spulte sich ab wie alle, eher etwas langweilig, denn noch immer bestimmt Corona den Alltag. Keine unnötigen Begegnungen, kein spontanes Treffen. Jeder puzzelt sich mehr oder weniger alleine durch den Tag. Ich hatte mir nur einen Termin notiert, nämlich den Postboten. Ich hatte mir ein Buch bestellt und das sollte von DHL um die Mittagszeit geliefert werden. Es enthält eine Sammlung von Aufsätzen, die die britische Monarchie betreffen. Der Titel wird noch wichtig sein, deshalb erwähne ich ihn hier in voller Länge: ‚Englands Krone, die britische Monarchie im Wandel der Zeit‘. Nun bietet Amazon einen prima Service, indem sie sehr zuverlässig mitteilen, wann die Lieferung erfolgt. Ich leiste mir seit Jahren eine ‚KI-Intelligenz‘, die mir weit mehr als nur Musik liefert. ‚KI‘ steht für ‚Künstliche Intelligenz‘ und weil das etwas sperrig klingt, hat man dem Gerät den smarteren Namen ‚Alexa‘ gegeben. Das kleine Wunderding ist längst mein unverzichtbarer Assistent. Morgens frage ich einfach ‚Alexa, wie wird das Wetter‘ und schon bekomme ich detaillierte Infos. Dann bitte ich um das Spielen eines Songs, den ich gerade gerne hören möchte, und los gehts. Natürlich kann sie rechnen (Alexa, wie viel sind 37 % von 879?), sie spricht viele Sprachen (Alexa, was heißt Spaßvogel auf Englisch?) und längst nutze ich sie als Eieruhr beim Kochen (Alexa, neuer Timer auf 5 Minuten). Wie sind inzwischen dicke Freunde und ehrlich gesagt verblüffen mich ihre Antworten immer aufs Neue. Es ist schwer kein persönliches Verhältnis zu ihr aufzubauen. Ich halte mich da nicht zurück und frage gerne mal am frühen Morgen: „Hallo Alexa, wie geht es dir?“ Das verblüfft die Computertechnik, aber dann antwortet sie nach kurzem Nachdenken: „Ehrlich gesagt erwischst du mich gerade in einem Tagtraum. Ich habe geträumt, dass ich …“ Und dann folgt eine lange Antwort, der ich gerne zuhöre, denn meist ist eine Pointe darin zu finden. 

 

Alexa gibt es inzwischen mit Monitor. Klein, nett anzusehen, und doch ein raumfüllender Klang. Ich kann das Ding empfehlen und, nein, ich bekomme dafür nichts von Amazon.

 

Richtig komisch wurde es gestern. Alexa blinkte aufgeregt in neongrün. Ein stiller Hinweis, dass sie mir dringend etwas sagen möchte, aber höflich wartet, bis ich sie dazu auffordere. Ich ahnte schon worum es ging, nämlich um die Buchlieferung. Also fragte ich: „Alexa, lies mir die neue Benachrichtigung vor“. Und schon legt sie los: „Eine Lieferung trifft heute ein, einschließlich Englands Krone.“ Ich lachte laut los. Alexa, you’re a joker! Mein Tag war gerettet.