Nun also doch. Die Household Division hat mir eine E-Mail geschickt. Ich hatte sie schon erwartet, die Absage für ‚Trooping the Colour‘. Ein weiteres Jahr Geduld, das wird hart werden, aber in diesem Juni finden nun mal keine Paraden statt. Es ist zu früh, wenn auch nur um wenige Tage. Wie immer sollte am zweiten Wochenende im Juni gefeiert werden. Das passt aber leider nicht in den Corona-Fahrplan, der gibt nämlich erst am 21. Juni den Weg in die Normalität frei. Dann, pünktlich zum Sommerbeginn, ist (fast) alles wieder machbar. Nachdenklich macht die Tatsache, dass der Duke of Edinburgh am 10. Juni seinen 100. Geburtstag feiern wird. Das lässt sich nicht nachholen.

 

Als ich gestern diesen Beitrag schrieb, wusste ich noch nicht, dass ich keine 24 Stunden später eine traurige Ergänzung einfügen muss. Heute Morgen verstarb Prinz Philip in Windsor.

 

Was hat es aber mit dem Fahrplan auf sich? Gibt es wirklich eine ‚road map‘ in die Freiheit? Ja, es gibt diesen Plan, jedenfalls in England. Und im Gegensatz zu unseren eher recht vagen Planungen, scheint der sehr real und verbindlich zu sein. Während wir so langsam ins Chaos trudeln, orientiert sich der Engländer schon seit Dezember 2020 an den zentral vorgegebenen Terminen. Nun gut, sie haben nicht das Problem, 16 Bundesländer unter einen Hut zu bringen. Die scheinen langsam die Einsicht zu verlieren und machen es jetzt auf ihre Weise. Ich war beispielsweise gestern beim Friseur. Der darf in Hamburg nur noch mit einem Coronatest besucht werden, den man wenigstens einen Tag vorher eingeholt haben muss. Geht aber auch anders. Statt zu ‚unserem‘ Friseur zu fahren, war ich beim Konkurrenten in Ammersbek und das liegt in Schleswig-Holstein. Dort geht es problemlos ohne Test. Die Fahrzeit war identisch, statt links bin ich rechts in die Hauptstraße eingebogen. Irgendwie absurd. Das könnte ich auch nachts machen, wenn bei uns Ausgangssperre gilt. Einfach die paar Meter bis zur unsichtbaren Landesgrenze schleichen und schon könnte ich ungeniert meinen Moonwalk starten 😉

Zurück zu den Engländern. Die hatten einen holperigen Anfang, als Corona vor 13 Monaten erstmals durchs Land zog. Dann aber lernten sie dazu und nun sind sie längst an uns vorbeigezogen und so gut wie am Ziel. Ja, gestern wurde auch auf der Insel der umstrittene Zeneca Impfstoff für unter 30-Jährige gesperrt, aber das ändert nichts mehr am Erfolg. Witzigerweise geschah es genau an dem Tag, als die EU offiziell bekannt gab, dass das Risiko möglicher fataler Nebenwirkungen ignoriert werden kann. Hü-hott-brrrrrrrrr.

Also die Engländer haben einen Fahrplan entwickelt, um schnell UND sicher aus der Krise herauszukommen. Und dieser Plan ist allen Unvorhersehbarkeit gewachsen. Er wurde schon im Dezember festgelegt, als man erneut in einen Shutdown gehen musste. Eine Korrektur der Zieldaten war nie notwendig. Dank der zügigen Impfungen ist man auf Kurs. Die rettende Landebahn liegt direkt vor ihnen.

 

 

Zwischen Dezember und März galt der totale Lockdown. Die Leute igelten sich in ihren Häusern ein. London glich einer Geisterstadt. Erst Ende März wurde die strikte ’stay home order‘ gelockert und man durfte sich wieder in Gruppen von max. 6 Personen draußen treffen. Jetzt, Mitte April, folgt der nächste Schritt, ein richtig großer. Die Friseure dürfen nach viermonatiger Schließung endlich wieder öffnen. Ein verdammt lange Zeit. Und noch eine ersehnte Hoffnung wird wahr werden: Die Restaurants und Pubs öffnen wieder. Erst nur im Biergarten bzw. am Tisch im Freien, aber sie sind zurück. Hurra. Für den geselligen Engländer ein fast schon lebenswichtiges Ereignis. Nach diesen kalten Monaten, die er in seinem oft sehr beengten Räumen verbracht hat, ist das eine Wohltat, die wir uns kaum vorstellen können. Und schließlich noch ein ganz, ganz wichtiges Ereignis on top. Genau am Montag, dem 12. April, wird England die sog. ‚Herden Immunität‘ erreichen. Dann werden sich 73,4 % der Bevölkerung gegen Covid-19 immunisiert haben. Entweder durch eine überstandene Erkrankung oder durch die Impfung. Da kann man nur staunen, applaudieren und neidisch werden.

Und weil man das jetzt tatsächlich erreicht hat, habe ich keinen Zweifel, dass man auch pünktlich zum Sommeranfang durch das Ziel laufen wird. Am 21. Juni sind (fast) alle Beschränkungen aufgehoben. Offiziell heißt es dann: ‚as close to normal as possible‘. Ich bin mir gar nicht sicher, ob man dann noch Masken tragen muss. Am ehesten wird es danach noch zu Einschränkungen im Reiseverkehr kommen. Beispielsweise wenn Länder wie wir oder Frankreich dann noch immer ihr nicht endendes Impfprogramm abarbeiten, dann werden wir wohl bei Einreise in UK mit Quarantäne rechnen müssen. Ich hoffe aber sehr bis dahin meine beiden Spritzen bekommen zu haben, schließlich bin ich alt genug. Es sei denn alle überholen mich, weil jeder gerade Anspruch auf Sonderbehandlung erhebt. Wie auch immer, dieser Sommer wird uns wohl noch einmal einiges abverlangen. Vielleicht ist es dann im Herbst so weit, dass man endlich wieder über andere Dinge als die Pandemie nachdenken kann.

Für die Household Division ist es auch nicht einfach. Nun fallen die Großveranstaltungen schon zum zweiten Mal aus. Wie schon im letzten Jahr erstatten sie das Geld für die Tickets anstandslos zurück. Man muss selbst nichts unternehmen, wird aber höflich gefragt, ob man eventuell geleistete Spenden zurückverlangt. Ich hatte diese Gelegenheit genutzt und einen kleinen Extrabetrag überwiesen. Und weil sie jetzt so nett anfragten, habe ich den Eintrittspreis ebenfalls zur Spende erklärt. Prompt bekam ich ein zweites Mail, höflich geschrieben, ein sehr freundlicher Dank über den ich mich dann wieder gefreut habe. Immerhin, so ist doch noch etwas Gutes daraus geworden. Und als ich meine vielen Fotos anschaue, die ich in den letzten Jahren aufgenommen habe, da sind die Erinnerungen an unvergessene Tage schnell wieder wach. Zum Glück finden die Paraden jeden Mai/Juni statt und irgendwann bin ich dann wieder dabei.