Der Londoner Stadtteil Chelsea liegt westlich von Westminster, direkt an der Themse und gehört zu den reichen Wohngegenden. Eigentlich sehr zentral und doch etwas versteckt für den Touristen. Kaum einer von ihnen folgt dem Uferweg an der Themse über die Westminster Bridge hinaus und deshalb bleibt den Besuchern Chelsea verschlossen. Gut so, denn so kann sich der Stadtteil seinen ganz eigenen Charakter bewahren. Es gibt allerdings eine Ausnahme und das sind die zwei Tage im Mai, wenn die Royal Horticultaral Flower Show ihre Tore für die Öffentlichkeit öffnet. Dann strömt ganz London dorthin und bestaunt die Pflanzen und Gärten, die hier für insgesamt vier Tage aufgebaut wurden. Auf dem Luftbild ist die riesige Halle der Veranstalter zu sehen, die, wie gesagt, nur temporär auf dem Rasen des Royal Hospital Parks steht. Stammgast ist dann immer die Queen, und zwar meistens gleich an mehreren Tagen.

 

Die blaue Linie zeigt die Grenze des Royal Hospital Geländes. Ausserhalb liegen die weltbekannte Saatchi Gallery (6), ein private Mädchen College (7) und das Lister Hospital. Teure Adressen.

 

Ich wollte das Royal Hospital besuchen, dass von Christopher Wren  (Architekt der St Paul’s Cathedral) gebaut worden ist. Ein imposanter Gebäudekomplex, unmittelbar an der Themse. Es diente nie als Krankenhaus, wird aber von der British Army als Altenheim für Soldaten und Invaliden genutzt. Gut 400 Pensionäre haben dort ihren Alterssitz gefunden und darüber sind sie mehr als glücklich. Eine makellose Karriere in der Armee und eine gutes Portion Losglück entscheiden darüber. Die Chelsea Pensioniers, die man sofort am wunderbar altmodischen, roten Uniformrock erkennt, sind in London, -und auch weit über die Grenzen hinaus-, hoch angesehen und stets sehr willkommen. Für mich ein guter Grund einmal einen Gegenbesuch zu machen, was gerade noch an meinem letzten Tag möglich war. Vorher fand die Flower Show statt und das bedeutet, dass das Areal total überlaufen ist, mit Besuchern, TV Teams und Promis aller Art. Dann verbarrikadieren sich die Alten, schließen ihre Tore und warten die Belagerung einfach in aller Ruhe ab. Verständlich. 

Ich wartete also bis Montag und bestieg dann am Trafalgar Square die London Underground. Schon nach drei Stationen war der Sloane Square erreicht. Ich war in Chelsea angekommen. Ein kurzer Fußweg brachte mich zum Eingang des Royal Hospitals. Man begrüßte mich freundlich, verzichtete auf eine Durchsuchung und half mir den Weg zu finden. Noch waren die Schilder aufgehängt, die den Besuchern der Flower Show den Zutritt zum Gelände untersagten. Aber für mich galt das nicht und zum Glück machte man mich darauf aufmerksam. So konnte ich also nach Herzenslust umherwandern und es ist einiges auf dem großen Areal zu sehen:  Beispielsweise das National Army Museum (1), The College (2), The Long Wards (3), The Light Horse Court (4) und schließlich die Pflegestation (5). Die fidelen Senioren, -und inzwischen wohnen dort auch Frauen-, haben ihre modernen Wohnungen in den drei Flügeln des Long Ward. Dort ist auch die Great Hall und die Chapel zu finden. In der Halle treffen sich die Alten zum Mittagessen. An diesem Tag wird es Fish&Chips geben, das verriet mir der Duft, der aus den Fenstern zog und mir Appetit machte. Während des Essens ist die Great Hall für Besucher geschlossen, aber davor und danach darf man dort herumspazieren. Die Senioren sind sehr gastfreundlich und immer zu einem Schwätzchen bereit. Natürlich nur, wenn man höflich fragt und echtes Interesse zeigt. Ich habe mich beim ersten Besuch sehr diskret verhalten, wurde dann aber von einem der Senioren angesprochen und hatte auf diese Weise doch noch einen höchst interessanten small talk. Nächstes Mal bin ich schlauer und frage ob jemand Lust hat mit mir im Café einen Tee zu trinken. Das wird interessant und lustig werden. Für mich ist es ungewohnt und gleichzeitig befreiend, dass man auch ohne Schuldgefühle über Kriegszeiten reden kann. Und so fing unser Gespräch auch gut an: „From where are you?“ „I’m from Hamburg, North Germany.“ „I know that. That’s where we dropped our bombs.“ Ein breites, herzliches Lächeln und dann schnell noch eine lustige Bemerkung über die eigenen Fehler waren genug, um einen kurzweiligen und sehr herzlichen und Austausch zu starten. Thank you my friend.

 

Blick auf den imposanten Gebäudekomplex über den Light Horse Court. Links die Pflegestation, in der Mitte der Ostflügel der Seniorenwohnungen und rechts der Ein- und Ausgang zum Gelände. Natürlich können die Senioren jederzeit kommen und gehen und wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, nimmt sich einen der vielen E-Scooter, die zahlreich an den Stromsäulen geparkt sind.

 

Aus meinem Fotoalbum:

 

 

 

Knapp verpasst:

Wenige Tage nach meinem Besuch kam ein gern gesehener Gast ins Royal Hospital. Es war Prince Harry, Duke of Sussex, der den D-Day zum Anlass nahm, um die pensionierten Soldaten zu ehren. Ich denke alle von ihnen, ohne Ausnahme, waren im Kriegseinsatz. Sie erzählten mir vom Koreakrieg (1950-53) und von der Sueskrise (1956). Und auch von den ‚Troubles‘, womit der Nordirlandkonflikt gemeint ist, der von 1969-98 ausgefochten wurde, und über den man nicht gerne spricht. Am wenigsten mit mir, einer Fremden aus Deutschland. Die Frauen und Männer, die jetzt in Chelsea ihren Ruhestand geniessen können, kennen andere Zeiten und Umstände. Ich denke sie haben sich über den Besuch des charmanten Prinzen ganz besonders gefreut, denn er ist hochangesehen und hat selbst eine aktive Armee Karriere geleistet. Und so sprang auch gleich der Funke über. Harry fand die richtigen Worte in seiner Begrüßungsrede: „… I stand here before you to not only acknowledge the incredible contribution you have made to this nation but to acknowledge that you, my friends, are also seriously good fun to be around. You will always stand out in your scarlet coats and white gloves, but to me, whether I see you at Westminster Abbey, the Chelsea Flower Show, Twickenham Stadium or the pub, I notice that you are always smiling. Don’t ever underestimate the joy that you bring to everyone you meet. You represent something really quite special, you are special, and society will always recognise that.“ – Schöner hätte ich es auch nicht sagen können; genau so sind sie, die Chelsea Pensioners, sie bringen sehr viel Freude unter die Menschen.

 

6. Juni 2019: Vor 75 Jahren landeten die allierten Truppen in der Normandie. Der D-Day war angebrochen. Die Briten ehren ihre Soldaten. Wir sollten uns auch erinnern, es geht uns auch an.