Das ist er also, der Regent’s Park. Zu finden zwischen St John’s Wood, Marylebone und Camden Town. Nicht ganz so zenral gelegen, wie die anderen Royal Parks, aber bequem mit der U-Bahn erreichbar. Ich stieg am Charing Cross ein und war nach drei Stationen am Ziel. Alternativ bietet sich der Bus an. Die Londoner lieben ihren Regent’s Park ganz besonders. Hier sind sie unter sich, denn die Touristen bleiben oft zwischen Whitehall und St Paul’s stecken. Ich nutze die Gelegenheit, denn ich will ‚locals‘ treffen und das geht am Sonntag besonders gut. Das Wetter spielt mit. Eigentlich hätte ich die Baker Street (1.) entlang gehen können, dort ist auch Mdm. Tussaud’s Kabinett zu finden, aber mich zieht es gleich in den Park. 

 

2.) Ein langgezogenes Wasser führt bis zum Boating Lake. Jede Menge Wasservögel sind zu sehen. Auf zwei großen Inseln können sie ungestört brüten. Das Aussteigen dort ist strikt untersagt und auch für den Fuchs wird es schwierig an die begehrten Eier zu kommen.
3.) Herrliche Häuser säumen den Regent’s Park. Die beiden Türme, hier am Sussex Place, gehören zur Londoner Business School. Ein Hochschule, die mit Harvard und Stanford in einer Liga spielt. Wer hier studiert, muß Eltern haben, die sich im Business bereits gut etabliert haben.

 

Ich treffe jede Menge Londoner. Sie halten sich mit Laufen fit oder führen ihren Hund aus. Gute Gelegenheit zum Plaudern. Ich versuche es mit: „What a lovely boy! Or is it a girl?“ und habe Erfolg. Der Sonntagsmorgen Plausch kann beginnen. Falls Sie es nachmachen wollen, dann bitte an die Spielregeln halten. Freundlich, witzig, charmant lautet das Motto. Also keine Politikthemen oder andere ernste Dinge diskutieren, kein Gejammer über das Hotel, kein Hinweis auf wunde Füße oder ähnliches. Versprühen Sie gute Laune und genießen Sie den small-talk.

 

 

4.) Ich nähere mich dem Garden Café. Schade, dass ich schon gefrühstückt habe, hier wäre eine gute Gelegenheit. Ich könnte mir auch ein Tretboot leihen, aber das ist mir zu anstrengend. – Ein Polizeiwagen parkt vor dem Café. Ist etwas passiert? Nein, zum Glück nicht, die Bobbies sind nur hungrig und sitzen in voller Mannschaftsstärke an einem der Gartentische. Guten Appetit.

 

Leider habe ich meinen Stadtplan im Hotel vergessen, auf dem ich mir einen Weg bereits eingezeichnet hatte. Aber kein Problem. An mehreren Stellen hängen große Tafeln, die mir genau zeigen, wo ich bin. Ausserdem laufe ich einfach immer am Wasser entlang und weil es sich dabei um einen Teich handelt, sollte ich schließlich am Startpunkt wieder angkommen. Theoretisch. Und ausserdem bin ich ein bißchen müde, von den Vortagen. Deshalb keine ganz große Tour, sondern immer sutsche (‚relaxed‘) im Einklang mit den watscheligen Enten.

Links von mir, auf der Wiese in Richtung des London Zoos, kann ich urenglisches Treiben erkennen. Ganze Familien haben sich dort eingefunden. Man spielt Cricket und Fußball. Kids & Mates toben sich noch auf dem Rasen aus, aber die Frauen haben es sich längst auf den mitgebrachten Decken bequem gemacht. Ein gut gefüllter Hamper ist mit Sicherheit dabei, darin eine Thermoskanne Tee, Sandwiches mit Ei, Schinken und Thuna und vielleicht ein paar kalte Sausages & Puddings vom Vorabend. Natürlich ist auch der Hund dabei, der gehört zur Familie wie ‚the old man‘ und dessen Frau.

 

5.) Der Engländer ist ein Familienmensch. Am Wochenende geht man ins Grüne und verbringt dort den Tag mit Spielen, Essen, Trinken und gute Laune verbreiten. – Am Wasser rauscht es; ich entdecke zwei künstliche ‚Wasserfälle‘, die vermutlich auch zur Verbesserung der Qualität beitragen.

 

Schließlich komme ich zum gärtnerischen Mittelpunkt, zum Queen Mary’s Garden. Ein Höhepunkt, besonders im Mai/Juni, wenn die Rosen blühen. Hier ist auch das Freilichttheater zu finden, dass viel größer ist, als man vermutet. Ich denke mehr als eintausend Menschen finden dort Platz, alles unter freien Himmel. Und wenn dann am Abend, bei sanften Mondschein, der Midsommer Night’s Dream gespielt wird, dann ist das eine sehr traumhafte und romantische Kulisse. Unbedingt empfehlenswert für Frischverliebte. 

Der Queen Mary’s Garden wird von einer kreisrunden Strasse begrenzt, dem sogenannten Inner Circle. Dort sind auch einige Häuser zu sehen, u.a. das Regent’s College. Auch das eine Privat-Uni für angehende Wirtschaftsbosse. Hier trifft man auf Königskinder aus aller Herren Länder. Der Semesterbeitrag wird gigantisch sein. Auch das ist typisch englisch, superreich und bettelarm teilen sich Strassen und Parks. Irgendwie kommt man miteinander aus. Natürlich gibt es Barrieren, aber die sind zumindest physikalisch eher niedrig.

 

6.) Deckchairs werden in allen großen Parks zur Miete angeboten. Staffelpreise von 30 Minuten bis ganztägig. Es ist bezahlbar und macht einfach Spaß dort ein Stündchen zu sitzen. Vielleicht mit einem guten Buch; ich hatte Michael Bond dabei: ‚Paddington marches on‘.

 

Für den ersten Eindruck reicht es, aber eins ist klar, der Regent’s Park wird künftig regelmäßig auf meinem Plan stehen. Jedenfalls im Sommer. Besonders Sonntags ist er eine gute Alternative zur völlig überfüllten City of Westminster. Dort drängen sich die Touristen im St James’s Park, strömen die Mall rauf und runter und wechseln dann in den Green Park. Da ist mir der Regent’s Park angenehmer. Ausserdem ist er größer, ursprünglicher und -ganz wichtig- ein guter Ort um Bekanntschaften zu machen. Und das teste ich dann gleich noch einmal aus, nachdem ich mich im runden Queen Mary’s Garden komplett verlaufen habe. Nach mehrmaligen 360° Runden, weiß ich nicht mehr wo der Ausgang sein könnte. Weil mir der Rücken langsam weh tut, will ich keine Umwege machen und frage deshalb lieber beherzt zwei ältere Senioren. Sie sitzen auf einer Bank, am Brunnen, und unterhalten sich lebhaft. Es sind ganz bestimmt Londoner. Liebenswerte Grumpies, aber das sagen Sie bitte niemals zu jemanden. Das dürfen nur kleinere Geschwister und Ehefrauen machen.

Mit Abstand und schüchtern taste ich mich an die beiden heran. Ich weiß, wie unangenehm dem Engländer ein aufgedrängtes Gespräch ist. Das mag er gar nicht, deshalb ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Excuse me Sir, I am a bit lost. Can you help me?“ Ich habe immerhin die Aufmerksamkeit der beiden und mit einem Lächeln gewinne ich dann auch schnell ihre Herzen. Sie finden meine Frage nach dem kürzesten Weg zu nächsten U-Bahn interessant, sind aber absolut unterschiedlicher Meinung. „This way is the shortest.“ „Are you kidding? The way over there is much better.“ Es geht einige Zeit zwischen ihnen hin und her. Dann hat einer von ihnen eine geniale Idee. Er zeigt auf die nächste Bank, wo zwei ältere Damen sitzen und rät mir: „Ask the lady with the blond hair. She’s my wife. She knows everything.“ Ich bedanke mich und marschiere zu den Damen. „Excuse me, your husband sent me …“. Guter Einstieg und schon bekomme ich detailllierte Antworten. Die Ehefrauen sind nicht nur diejenigen die alles wissen, sondern auch diejenigen, die das Smartphone in der Tasche haben. Wir klären den Weg in null-komma-nix, chatten noch ein wenig und wünschen uns dann einen glücklichen Sonntag. Ich gehe den gezeigten Weg, biege um die Ecke, wie mir gesagt wurde, und schon sehe ich das Ziel in der Ferne.

 

 

Was ich noch zeigen wollte … 

Der Regent’s Park ist ein Naturparadies für Mensch und Tier, hat aber auch eine Menge Kultur zu  bieten. Da gibt es Brunnen und Figuren, ein Theater und sehr viel Bilderbuch Architektur (u.a. von John Nash). Ganz in der Nähe ist der BT Tower. Er steht mitten im wuseligen Camden und strahlt TV- und Radioprogramme aus. Ja, das kann der Londoner noch immer per Antenne empfangen werden, da hinkt man technisch etwas zurück. Aber auch Telefondaten werden von hier übertragen. Der BT Tower fällt von der City aus gesehen kaum auf, aber wenn er hier im Regent’s Park durch die Baumgipfel zu sehen ist, dann schaut man neugierig hin. Bei besonderen Anlässen, wie beispielsweise königlichen Geburten oder sportlichen Siegen, wird per Laufschrift vom Turm aus gratuliert. Und schließlich habe ich noch ein Foto vom Regent’s Canal aufgenommen. Hier eher ein kleiner Bach, der aber immerhin zum Boat Lake gestaut wurde, und der früher einer der größeren Flüsse in London war. Die Quelle ist in der nahe gelegenen Hampstead Heath auf dem Parliament Hill und die Mündung in der Nähe des Towers, an der Themse.