Es ist jetzt fast einhundert Tage her, als die Briten ihren Lockdown ausriefen. Am Freitag, also übermorgen, werden die einhundert Tage geknackt, ein trauriger Rekord. Zwar sind inzwischen die recht strengen Ausgangssperren aufgehoben oder deutlich gemildert worden, aber vom normalen Alltag ist man zumindest in London weit entfernt. Sogar die Friseure sind noch immer geschlossen, werden jetzt aber gemeinsam mit den Zahnärzten die Arbeit wieder aufnehmen. Was machen bloß die Leute, die akute Zahnschmerzen hatten? Das fehlende Haarschnitt ist vielleicht verkraftbar, wenn ich mir dann aber Boris Johnson ansehen, dann kommen mir Zweifel. Sein blonder Haarschopf wuchert in alle Richtungen und erinnert mich an einen Teddybären, dessen Innenleben aus einer geplatzten Naht quillt. Sehr eigenwillig, aber er hält es eisern durch.

Trotz Lockerungen gilt noch immer das Gebot von zu Hause aus zu arbeiten, wann immer möglich. Busse und U-Bahnen verkehren noch immer im Notbetrieb. Damit ist ein zehn- bzw. fünfminütiger Takt gemeint, normal verkehren die Bahnen alle 2-3 Minuten. Für uns Hamburger ist das noch Zukunftsmusik. Die Hotels planen ihre Türen am nächsten Dienstag zu öffnen und die 14-tägige Quarantäne für Einreisende wird wohl heute etliche Ausnahmen erfahren. Die Einreise ohne Selbstisolierung soll ca. 50 Nationalitäten zugestanden werden. Jeder geht davon aus, dass Deutschland dazugehören wird. Irgendwo müssen die Hotelgäste ja herkommen; noch reist kein Mensch auf die Insel. Deshalb ist London auch von Platz 1 auf 10 gerutscht, bezüglich der Touristenzahlen innerhalb Europas. Selbst am Flughafen Heathrow ist noch immer gähnende Leere. 

 

Eine Mitarbeiterin meines Hotels schrieb mir: „Schade, dass Sie mit Ihrer Kamera nicht hier sind. Es ist ganz merkwürdig in London, so als wäre alles ‚under conctruction‘. Irgendwie ganz surreal. Es fehlen die Menschen, die Touristen. Und damit fehlt der Stadt das Leben. Es ist, als würde auch London um Atem ringen.“ – Keine Sorge, man wird zurückfinden. Aber wie lange wird es dauern? Und wer bleibt auf der Strecke? Hotels? Theater? Museen? Restaurants? … (Parlament Square + Regent Street)

 

End of hibernation

Das Wort bedeutet: Winterschlaf. Die Engländer planen ihr Erwachen am kommenden Samstag. Sie fiebern dem Datum entgegen, denn dann öffnen endlich wieder die Pubs. Der Tag (4. Juli), wurde inzwischen zum UK-eigenen ‚Independance Day‘ erklärt. Er wird unweigerlich im Chaos enden. Die Regeln sind wie immer zu kompliziert und praktisch nicht durchführbar. Man muß im Pub 1,50m Abstand halten und darf sich keine Getränke holen. Die sollen am Tisch serviert werden. Ein Service, der bislang unbekannt war. Der normale Ablauf ist anders und gesellschaftlich wichtig: Wer durstig ist, begibt sich zum Tresen, gibt die Bestellung auf, bezahlt sofort und bahnt sich dann den Weg zurück. Dabei umklammert er etliche randvoll geschenkte Biergläser, die er zu seinen schon wartenden Kumpels bringt. In diesem Ritual sind etliche Botschaften versteckt, die der Einheimisch natürlich versteht und achtet. Darüber könnte ich mal einen eigenen Beitrag schreiben, denn es ist nicht so simpel, wie man denken könnte. Auf jeden Fall, kann ich mir nicht vorstellen, das man darauf verzichtet. Und am späteren Abend, nach der vierten Runde, sowieso nicht.

Die lang ersehnte Öffnung der Waterholes wurde bereits vor Tagen vom Premierminister angekündigt. Eigentlich viel zu früh, aber die Brauereien müssen erst einmal liefern und die Landlords, so heißen die Pub-Besitzer bzw. Betreiber, haben auch jede Menge vorzubereiten. Kaum fing man freudig damit an, da gab es auch schon einen ersten herben Rückschlag. Ein erneuter totaler Lockdown in Leicester (Mittelengland) war ein herber Rückschlag. Die Stadt gehört mit gut 300.000 Bewohnern zu den größeren. Nach dem riesigen London, kommt nämlich schon Birmingham mit gerade mal einer Million Einwohnern. Alle anderen Städte sind eher überschaubar. Trotzdem war der zweite Lockdown in Leicester eine kalte Dusche für die ganze Nation. In der Stadt selbst flossen Tränen, denn den Geschäften geht es nicht gut und nun wurde den Inhabern der rettende Strohhalm weggenommen, kurz bevor sie ihn mit letzter Kraft erreichen konnten. Jetzt macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Auch die könnte sich schnell über die ganze Insel verbreiten, denn seit heute segelt man ungebremst in den harten Brexit. Eine erneute Verlängerung ist definitiv vom Tisch; sie wurde letzte Woche bedenkenlos vom britischen Premier ausgeschlagen. Die Frist lief gestern, um Mitternacht ab.

 

Eine menschenleere Mall. Hinten der Buckingham Palace, auch dort seit Monaten kein Mensch. Das Personal, die vielen Helfer, sind erst einmal arbeitslos. – Die Piccadilly Line ohne Passagiere. Sie verbindet den Flughafen Heathrow mit Covent Garden, wo mein Hotel ist. Normalerweis ist der Zug voller Menschen und ihr Gepäck.

 

London schwankt aktuell zwischen Angst vor Ansteckung und großer Erleichterung, dass nun alles überstanden sei. Der Bürgermeister warnt, er sieht die Gefahr einer zweiten Ansteckungswelle. Der Samstagabend wird zur Nagelprobe. Man erwartet die Pubs so voll, wie am New Years Eve. Die Polizei sieht sich außer Stande es irgendwie zu kontrollieren. Die aktuellen Covid-19-Zahlen machen mir wenig Mut: Es haben sich bisher 312.654 Menschen nachweislich in Großbritannien infiziert. Der Zuwachs seit gestern, also innerhalb von 24 Stunden, betrug 689 Fälle. Am Virus verstorben sind bisher 43.730 Briten und seit gestern weitere 155 Menschen. In London sind die Zahlen seit einiger Zeit deutlich zurückgegangen, aber schaut man sich die Stadtteile an, dann ist es doch erschreckend hoch. In Westminster zählte man bisher 703 erkrankte Menschen, in der City of London waren es nur 18, aber diese Bezirke sind seit Ausbruch der Krise menschenleer. Dort wohnt keiner, dort sind Hotels, Büros, Theater und Museen. Aber im Stadtteil Barnet, der im Norden liegt und wo ich Freunde habe, zählte man 1.319 Virusfälle (in ganz Hamburg waren es 5.029). Das macht mir natürlich große Sorgen und ich hoffe sehr, dass ich alle gesund und munter antreffe, wenn ich nächstes Mal dort sein kann. 

Nun warte ich erst einmal etwas bange das Wochenende ab. Mal sehen, wie sich die Londoner verhalten werden. In Leicester wird der Grund der sprunghaft gestiegenen Infektionsfälle in einer Demonstration vermutet. Sie fand vor zehn Tagen statt und hatte deutlich zuviele Teilnehmer. Man demonstrierte für eine ‚gute‘ Sache, nämlich gegen Diskriminierung und meinte die Moral in den eigenen Reihen zu haben. Dass man dabei eine potentiell tödliche Gefahr verbreitete, die vermutlich erneut Opfer fordert, scheint zweitrangig in den Köpfen der Demonstranten gewesen zu sein. Dummerweise stecken sie sich nicht nur gegenseitig an, sondern tragen das Covid-Virus nach Hause, wo ihre Eltern und Großeltern schon auf sie warten. Einfacher kann man es der Krankheit eigentlich gar nicht machen. Und, ja ich bin empört, weil man ausgerechnet diejenigen gefährdet, die in diesen Zeiten unsere Hilfe mehr denn je brauchen. Wer ihnen die Solidarität verweigert, ist in meinen Augen ein schlechter Kämpfer für moralische Anliegen.

Wie geht es Ihnen? Ich dachte lange Zeit, dass ich wenig von den Auswirkungen der Krise spüre. Ich bin es gewohnt alleine zu sein und fühle mich in meiner Bewegungsfreiheit wenig eingeschränkt. Kulturelle Ereignisse verfolgte ich im TV oder am PC und meinen Englisch Unterricht bekam ich in den letzten Wochen mittels Zoom-Konferenz geliefert. Und doch merkte ich langsame Veränderungen. Ich verliess kaum noch die Wohnung, was meiner Fitness wirklich nicht gut tat. Ich wurde inaktiv, erst körperlich und dann auch geistig. Ich verlor die Freude am Blogschreiben. Dann stellten sich Schlafstörungen ein und merkwürdige Träume nisteten sich nachts bei mir ein. Der Alkoholkonsum wurde langsam aber stetig höher. Inzwischen bin ich mental etwas mutlos und kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal herzhaft gelacht habe. Wie schön wäre ein Tänzchen oder eine herzliche Umarmung. Das muß alles warten. Erstmals in meinem Leben verstehe ich die Sorgen mancher Rentner. Dieses ungute Gefühl für gar nichts gebraucht zu werden und eigentlich überflüssig zu sein. Ich arbeite hart daran aus dieser Misere herauszufinden und hoffe, dass es mir bald möglich sein wird, wenigstens eine Reise nach London zu planen. Mein Gefühl, dort ‚zu Hause zu sein‘, dass sich beim ersten Besuch sofort einstellte, scheint richtig zu sein. Mir fehlt die Stadt, mir fehlen die Engländer. Beides mehr als mir lieb ist. Ich weiß aber auch, dass ich nicht alleine so empfinde. Hoffentlich meistern sie die Herausforderung besser als ich. Mir bleibt mein Optimismus und deshalb vertraue auf ein baldiges happy-end.

 

East Finchley

Diese Bilder machte ich vor einem guten halben Jahr. Ich war bei meinen Freunden in East Finchley, Stadtteil Barnet, zu Besuch. Sie wohnen ganz in der Nähe der U-Bahnstation, was praktisch ist, denn dort verkehrt die Northern Line, am Wochenende sogar rund um die Uhr. Ich hatte mein Smartphone dabei, es war ein Sonntagvormittag, und leider kein schönes Wetter. Trotzdem würden die Geschäfte in der kleinen High Street später noch öffnen, der Friseur hatte bereits einen Kunden. Ich machte meine Bilder, die mir eine Erinnerung sein sollten, aber für diesen Blog kaum taugten. Jetzt denke ich anders, denn sie zeigen einmal das ganz normale London. Nicht die Innenstadt, sondern die typischen Reihenhäuser, die die Engländer so lieben. Die Gegend hat viel Charme, gehört zu den besseren Vierteln und doch entdeckt man überall Mängel. Kaputte Fenster, verwitterte Türen, Löcher in den Wänden, tiefe Ritzen und Spalten. Das stört niemanden und man wird es auch nicht reparieren. Lieber stellt man einen Topf davor, bepflanzt ihn mit wundervollen Blumen und nutzt die gesparte Zeit für andere Dinge, die mehr Freude machen als das Renovieren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in einem solchen Haus wohnen möchte. Sie sind eher klein, werden oft von zwei Familien bewohnt und kosten mindesten 400.000 Euro. Weil niemand soviel Geld hat, sind alle bis ans Lebensende verschuldet. Dazu wäre ich wohl nicht bereit, aber ich muß sagen, dass ich die Atmosphäre, die mich hier überall empfängt, sehr genieße. Ein paar Stunden reichen und ich fühle mich von Grund auf zufrieden, voller Energie und voller Lebensfreude. Es ist schwer zu beschreiben, wahrscheinlich unmöglich, denn es ist ein sehr emotionales Erlebnis und das kann man nur selbst erleben. Falls Sie jemals Gelegenheit dazu haben, dann greifen Sie zu. Sie werden es nicht bereuen.

 

 

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