Von der Königin Boudiccan hatte ich noch nie etwas gehört und es half mir auch nicht weiter, dass ihr Name in vielen Schreibweisen auftaucht: Bondua, Boadicea oder auch Boudica. Damit konnte ich nichts anfangen, bis ich erstmals in London war. Dort begegnete mir die Dame auf Schritt und Tritt, auch wenn ich es anfangs gar nicht bemerkte. Ihr Denkmal an  der Westminster Bridge, gleich gegenüber von Parliament und Big Ben, war eines meiner ersten Fotomotive und noch am selben Tag fragte mich eine Bekannte, ob ich nicht Lust hätte, abends mit ins Globe Theatre zu kommen. „Was spielen sie denn?“ „Boudica, written by Tristan Bernays“, lautete die knappe Antwort. Leider habe ich gekniffen, mir schien der erste Abend in London zu wichtig und zu aufregend zu sein, um ihn im Theater zu verbringen. Eine Fehlentscheidung, denn das Stück soll großartig gewesen sein. Und überhaupt MUSS man sich einen Abend im Globe gönnen, denn das ist auch für erfahrene Theatergänger eine ganz neue Erfahrung. Dort spielt man unter freien Himmel (kein Dach) und die Bühne ragt weit in den Zuschauerraum hinein. Die stehen übrigens während der Vorstellung, wie zu Shakespeares Zeiten üblich.

 

An der Ecke Embankment / Westminster Bridge, vor dem Portcullis House, steht das Denkmal der Boudiccan. Sie ist zusammen mit ihren beiden Töchtern auf einem Streitwagen zu sehen. Die Pferde sind kaum zu zügeln, der Kampf gegen die Römer hat begonnen.

 

Boudiccan und ihre Töchter sind den Londonern gut bekannt. Fast jeder weiß, dass sie eine frühzeitliche Königin war, die London in Schutt und Asche gelegt hat. „Und warum bringt man ihr dann soviel Respekt entgegen?“ Nun ja, zu der damaligen Zeit lebten in London keine Engländer sondern Römer. Statt im lehrreichen aber manchmal etwas dröge formulierten Wikipedia nachzulesen, wende ich mich mal lieber an Jack. Mal sehen, ob ihm zu dem Namen etwas einfällt. Und der lässt mich nicht hängen, sondern antwortet spontan: „The ultimate girl power!“ Das hört sich nach einer spannenden Geschichte an und weil er gerade Pause machen will, wird er mir die Story bei einer Tasse Kaffee erzählen.

 

Ein Souvenir Shop verdeckt den Granitsockel des Denkmals. Dort sind an zwei Seiten Texte eingraviert, die Namen und Lebensdaten nennen.

 

Boudiccan hat in der Zeit gelebt, als die Römer Britannien besetzten. Es muß also im ersten Jahrhundert gewesen sein. Sie war mit König Prasutagus verheiratet, der über das Volk der Incener (Kelten) herrschte. Der Stamm (‚tribe‘) lebte an der ostenglischen Küste und war vor Angreifern relativ sicher, weil das Gebiet geographisch geschützt lag und für die Römer kaum interessant war. Bis zum Tod von König Prasutagus, ca. 60 nach Chr., hielt der Frieden. Dann aber brach Unheil aus. Der Wille des Königs, nämlich sein Land gleichmäßig unter seiner Frau, den beiden Töchtern und dem römischen Kaiser aufzuteilen, brachten diesen in größte Wut. Kaiser Nero hielt das Angebot für inakzeptabel. Er schickte seine Soldaten, nahm Königin Boudiccan gefangen und ließ sie vor den Augen ihrer Leute auspeitschen. Ihre beiden Töchter, kaum im jugendlichen Alter, wurden öffentlich vergewaltigt. Nach der Machtdemonstration zogen die Besatzer wieder ab. Boudiccan schwor Rache und rief zum Feldzug gegen die Römer auf. Die Botschaft an ihre Männer war eindeutig: „Win the battle or perish. That is what I, a woman will do. You men can live on in slavery if that’s what you want.“

Königin Boudiccan muß eine bemerkenswerte Frau gewesen sein. Schon ihr äußeres Erscheinungsbild weicht deutlich von anderen Frauen ab; vielleicht war sie keine Keltin? Man beschreibt sie mit eindrucksvollen Worten: Sie war sehr groß, hatte einen durchdringenden Blick, eine kräftige Stimme. Ihr leuchtend rotes Haar war kräftig und fiel bis auf die Hüfte hinab, ihre ganze Erscheinung war ‚terryfying‘. Nicht gerade ein Kompliment, das Jack für die Beschreibung benutzt, aber er mildert es sofort wieder ab: „Definitely a lady to be noticed!“

 

Im warmen Abendlicht gefällt mir das Denkmal noch besser, also nutze ich die Gelegenheit ein weiteres Foto zu machen.

 

Um die Geschichte nicht zu lang zu machen, kann ich die weiteren Ereignisse sehr kurz fassen. Boudiccan gelingt es, viele Kelten zu überzeugen. Man zieht gemeinsam in den Kampf gegen die Römer und man ist erfolgreich. Die Incener erobern eine Stadt nach der anderen zurück und schließlich nimmt man London ein. Die Römer fliehen und Boudiccan lässt die Stadt plündern und anzünden. London brennt bis auf die Mauern nieder. Schließlich kommt es zu einer offenen Schlacht, die für die Kelten vernichtend ausgeht. Die Römer haben sich mit einer ganzen Legion verstärken können und metzeln die tapferen, aber unerfahrenen Krieger nieder. Laut Tacitus, dem römischen Kriegsherrn, sollen 80.000 Briten, -Männer, Frauen und Kinder, ihr Leben verloren haben. Boudiccan war nicht darunter, aber bevor man sie gefangen nehmen konnte, tötete sie sich mit Gift.

Eine blutrünstige Geschichte voller Gewalt, die sich wohl wirklich so ereignet hat. Boudiccan, die ‚Warrior Queen‘ wird von den Engländer bis heute verehrt. Man erinnert sich an ihren Mut und an den Widerstand, den sie den Römern entgegensetzte. „She has secured a special place of her own in British folk history for her courage. She was the one who fought the might of Rome“, sagt Jack, während er schon aufsteht und seinen Zylinder unter den Arm schiebt. Die Pause ist um, ich weiß jetzt was ich wissen wollte und wenn das nächste Mal die Legende um Boudiccan auf dem Spielplan steht, dann werde ich mir ganz sicher Zeit für einen schönen Theaterabend nehmen.

 

Das Denkmal ist auch ein beliebter Halteplatz der Riksha-Fahrer. Hier warten sie auf Gäste. Eine Stunde Fahrt kostet bis zu £10, oft wird laute Musik gratis geliefert, denn viele haben erstaunlich leistungsstarke Lautsprecher an Bord. – Wahrscheinlich wissen die Fahrer (fast nie Engländer) nichts über die Geschichte der Königin, aber vielleicht mögen sie ihren Streitwagen?