Es gibt einen ernstgemeinten Ratschlag der Londoner Verkehrsbetriebe. Darin rät man Fahrgästen dringend davor ab, die Notbremse zu ziehen, falls sie fürchten ohnmächtig zu werden. Das kann durchaus passieren, denn die Temperatur in den Zügen klettert nicht nur im Sommer auf extreme Werte. Volle Waggons, stickige Luft und Hitze bis 35°C sind eine ungute Mischung. Da kann der Kreislauf schlapp machen. Aber Transport for London (TfL) hat guten Grund für die Warnung. Klüger ist es bis zum nächsten Bahnhof abzuwarten und dann in Ohnmacht zu fallen. Wird nämlich im Tunnel die Notbremse ausgelöst, dann müssen Sie noch deutlich länger die fahrende Sauna ertragen.

Für die überraschende Wärme gibt es Gründe. Noch sind nicht alle Züge mit Klimaanlagen ausgestattet. In der Piccadilly Line gibt es immerhin Deckenventilatoren, aber trotzdem wird es schnell warm. Das liegt an der Tiefe und Enge der Tunnel. Da wird so gut wie keine Luft ausgetauscht und deshalb bleiben die Temperaturen dort konstant hoch. Die Züge selber erzeugen die meiste Wärme. Auch die großen Rolltreppen und Aufzüge in den Bahnhöfen. Natürlich die Stromschienen und alle Lichter und Signalanlagen. Die meiste Hitze bringen die Passagiere mit. Londons U-Bahnnetz ist immerhin das drittgrößte weltweit. Da kommt einiges zusammen. Meine nicht ganz ernste Vermutung betrifft auch das flüssige Erdmagma, dem man ziemlich nahe kommt. Immerhin führen die Tunnel bis zu 90 Meter unter das Strassenniveau. Das ist ziemlich genau die Höhe von Big Ben (Elizabeth Tower)

 

Die U-Bahn Tunnel sind hauteng. Sie wurden kreisrund in den Untergrund gebohrt und haben gerade  genug Platz für einen Zug. Der Gegenverkehr hat seine eigene Röhre (tube). – Typisch die offenen Kabelkanäle. Leitungen kreuz und quer, die Wind und Wetter ausgesetzt sind. Ein Wunder, dass trotzdem alles reibungslos funktoniert. Jedenfalls meistens.

 

Wer unter Platzangst leidet, sollte auf der Fahrt vom Flughafen Heathrow in die Innenstadt lieber nicht aus dem Fenster sehen. Jedenfalls nicht solange der Zug unterirdisch fährt. Vermutlich gibt es noch nicht einmal Ratten im Tunnel, denn sie hätten keinen Platz. Dafür findet man aber dort unten eine Mückenart, die weltweit einmalig ist. Sie hat sich vermutlich erst in der Londoner Unterwelt entwickelt und ist bestens auf die Bedingungen eingestellt. Mein persönlicher Alptraum wäre ein liegenbliebener Zug im Tunnel, der dann zu Fuß verlassen werden muß. Keine Ahnung wie man das bewerkstelligt. Ich würde wohl kaum freiwillig aussteigen. Hoffentlich wird es mir nie passieren. Bisher strandeten wir stets an einem Bahnhof oder auf freier Strecke oberirdisch. So etwas kommt allerdings häufiger vor. Auch das man urplötzlich Bahnhöfe ansteuert, die gar nicht zur Linie gehören. Das scheint technisch kein Problem zu sein, da wird einfach eine Weiche umgestellt und schon lernt man ganz neue Strecken kennen. Und jedes Jahr im Spätherbst bricht Chaos aus, dann liegen nämlich Blätter auf den Schienen und damit kann man gar nicht umgehen. Prompt wird der Bahnverkehr eingestellt. Und hatte ich schon die tiefstehende Wintersonne erwähnt, die es vielen Fahrern unmöglich macht weiterzufahren??? *)

*) Fairerweise muß ich den letzten Vorwurf etwas eingrenzen: Die Bahnsteige sind manchmal kurvenförmig. Dann kann der U-Bahnfahrer seinen letzten Waggon nicht sehen. Damit er aber sich selbst abfertigen kann, muß er sich via Bildschirm davon überzeugen, dass alle Türen frei sind. Sonst darf er sie nicht schließen und kann nicht losfahren. Dieser Bildschirm steht bei ihm ganz vorne auf dem Bahnsteig. Wenn dort die Sonne drauf scheint, kann der Fahrer tatsächlich nichts sehen und muß die Arbeit abbrechen.

Sicher ist Ihnen aufgefallen, dass sehr unterschiedlich aussehende Undergrounds auf den Londoner Linien fahren. Das liegt am Baujahr der Züge, an ihrer Lackierung, aber auch am Zugprofil. Es gibt den kleinen Typ, mit dem halbrunden Dach und einen eher eckigen Wagentyp. Der verkehrt auf den oberirdischen Strecken und bieten im Inneren mehr Platz. Auf der Piccadilly Line wird der sogenannte ’73-stock-train‘ eingesetzt und da wird es an den Seiten mit der Kopfhöhe knapp. Tatsächlich ragen die Türen ein gutes Stück ins Dach. Das hat zur Folge, dass es ziemlich heftig hineinregnet, sobald sie sich automatisch an der Haltestelle öffnen. Der Insider wählt deshalb bei Regen niemals einen der türnahen Eckplätze.

Auf der fast einstündigen Fahrt vom Flughafen zum Covent Garden kommt Langeweile auf. Da lasse ich den Blick schweifen. Zuerst natürlich auf die Informationstafeln. Sie sind wirklich vorbildlich gemacht. Neben der schematischen Darstellung der kompletten Linie wird in einem Monitor die nächste Haltestelle angezeigt. Groß und deutlich, für jeden sichtbar. Dazu wird der Name der Haltestelle, der Linie und des Zielbahnhofes per Lautsprecher angesagt. Spätestens in Acton Town kennt man es auswendig: „This is Acton Town. This is a Piccadilly line service to Cockfosters.“ Und dann ein paar Stationen später: „Please mind the gap between the train and the platform. This is Barons Court. Change here for the District line. This is a Piccadilly line service to Cockfosters.“ Ich weiß jetzt schon, dass es auf der Rückreise noch länger kommen wird. Da heißt es dann: „Please mind the gap between the train and the platform. This is Hounslow West. Customers for Heathrow Terminal 5 should change here and wait on this platform for a train to Terminals 1, 2, 3 and 5. This is a Piccadilly line service to Heathrow Terminals 4 and 1, 2, 3. The next station is Hatton Cross“. Spätestens dann klingeln mir die Ohren, denn wenn ich endlich am Flughafen bin, dann habe ich diesen Text zwanzig Mal (!) gehört. Trotzdem finde ich den Service prima, denn nirgends fühle ich mich so gut informiert wie in London. Egal wie aufgeregt ich bin, egal wie tollpatschig ich mich anstelle, immer schenkt man mir die Zeit und die Geduld, die ich manchmal benötige.

 

 

Während der langen Fahrt habe ich auch die Schilder entdeckt, die der Hersteller an die Wagenwand geschraubt hat. Dort lese ich Details, die mich wie immer interessieren. Der ’73-stock-train‘ wurde von Metro-Cammell in Birmingham gebaut und 1973 in Dienst gestellt, kann ich dort lesen. Mit anderen Worten, die Züge auf der Piccadilly Line sind inzwischen fast 50 Jahre alt. Das merkt man. Beispielsweise wenn man mit sehr hoher Geschwindigkeit die extrem langen Tunnelstrecken vom Terminal 5 zu den anderen fährt. Dann kommt es zu Geräuschen, die nicht immer gesund klingen. Einmal hatte es direkt unter meinem Waggon so laut geknallt, dass ich dachte eine ganze Räderachse wäre abgefallen. Ein Zeitlang rumpelte es heftig unter dem Zugboden, dann war alles wieder ruhig. Der Fahrer hatte es gar nicht bemerkt oder kannte solche Sachen und hielt sie für harmlos. Künftig wird das wohl nicht mehr passieren. Ab 2025 werden die neuen Züge eingesetzt. Sie haben äußerlich die gleiche Form wie die alten Wagen, denn am Tunnel ändert sich ja nichts. Die wahren Werte finden sich im Inneren. Der Zug wird dann ein ‚walk-through‘ sein, also ohne Trennwände zwischen den Waggons. Das ist immer ein Plus an Sicherheit, denn im Fall des Falles kann man Hilfe bekommen. Ausserdem wird eine Klimaanlage an Bord sein. Die Türen werden etwas breiter und für das Gepäck ist viel Stellplatz vorgesehen. Das ist auch jetzt schon so, aber nur im Türbereich. Der Zug, der stets eine gleiche Anzahl an Waggons hat, kann dann max. 1.076 Passagiere mitnehmen. Er verkehrt bis zu 27 Mal in der Peak Time, also fast ein 2-Minuten-Takt. Und noch eine Neuerung hat der Neubau im Gepäck. Er wird erstmals von Siemens gebaut, allerdings in einem englischen Werk. Die haben sich gegen Cammell und Bombardier durchgesetzt und sind mächtig stolz. 

 

 

 

Ein paar Fakten und ein Gerücht

  • Die Piccadilly Line wurde 1906 in Betrieb genommen. Der Ausbau bis zum Flughafen Heathrow erfolgte erst 1977. Von dort startet täglich der erste Zug früh morgens um 4:45 Uhr.
  • Die Strecke führt mitten durch London bis weit in den Norden. Vorbei am Bahnhof Arsenal, wo nicht nur sonntags Fußball gespielt wird. Gut 210 Millionen Passagiere werden jährlich befördert.
  • Beim koordinierten Terroranschlag, am 7.7.2005 zündete ein Selbstmordattentäter eine Bombe in der Piccadilly Line. Der Zug befand sich gerade zwischen den Stationen King’s Cross und Russell Square. Es kamen alleine dort 28 Menschen ums Leben. Weitere Explosionen erfolgten zeitnah auf der Circle Line und in einem Linienbus.
  • Im Bahnhof Covent Garden spukt es. Ein Mann in Abendgarderobe geistert durch die Schalterhalle. Dann verschwindet er genauso plötzlich wie er auftauchte. Die Kleidung ist angemessen, schließlich liegt das Opernhaus um die Ecke und die Theater des West Ends schließen sich an. Wahrscheinlich ist es der Geist des ermordeten Mannes, den man eines Abends am Hintereingang des Adelphi Theaters gefunden hatte. Immerhin haben schon einige Serviceleute, die hier Dienst tun, um Versetzung gebeten. Eigentlich sind das alles nervenstarke Frauen und Männer
  • Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Höhe der Bahnsteige nicht immer passt. Mal liegt das Niveau gut 30 Zentimeter unter dem Fußboden des Zuges, mal ist es genau anders herum. Dann muß man die Füße hochnehmen, wie bei einer steilen Treppenstufe. Der Grund ist in den beiden Zugtypen zu finden. Sie haben identisch breite Radachsen und auch identische Stromabnehmer, damit sie problemlos jede Linie fahren können. Aber ihr Unterbau ist verschieden hoch. Der differiert um fast sechzig Zentimeter. Am Bahnsteig gleicht man es aus, indem man ein gutes Mittelmaß anbietet. Das gilt aber nur für die Stationen, die von beiden Typen angefahren werden. Es sind ausschließlich oberirdische Bahnhöfe.

 

Eine der sieben Bahnhöfe an der Piccadilly Line, die nicht mehr betrieben werden. Schade, denn dieser liegt ganz nahe an meinem Hotel. Aber jetzt nutze ich Covent Garden und das ist auch nicht weit entfernt. – Wenn ich in Heathrow einsteige, bin ich oft alleine im Zug. Ich nutze es für ein Foto. Man sieht die Krümmung in den Türen, sie ragen weit ins runde Dach hinein.

 

Noch ein Tipp von mir. Binden Sie ihren Koffer-Trolley in der U-Bahn fest! Ich habe ein kleines Klettband am Handgriff und das schlinge ich dann um die Stange in der U-Bahn. Auf dem Foto kann man meinen Koffer gerade noch in der rechten unteren Ecke sehen. Er ist an der blauen Stange angebunden, steht gleich neben der Tür, wo der Stauraum für das Gepäck ausgewiesen ist. Wie so oft hat mich Erfahrung klug gemacht. An jeder Haltestelle öffnen sich die Doppeltüren automatisch. Kurz vorher, beim Abbremsen, setzen sich die Trolleys gerne in Bewegung und dann plumpsen sie ganz schnell auf den Bahnsteig. Bevor der Besitzer es merkt fährt man schon wieder weiter. Das habe ich selbst erlebt und beobachte es jetzt heimlich lächelnd bei den anderen. Man kann schlecht den Koffer die ganze Zeit festhalten. Wenn man ihn ankettet steht er wunderbar dort wo er hingehört und nichts und niemand kann ihn aus dem Zug befördern.