Neben der Waterloo Bridge liegt ein Pier am Nordufer. Große Buchstaben sind auf das flache Dach gemalt: RNLI. Das steht für ‚Royal National Lifeboat Institution‘, also kurz gesagt für ‚DLRG‘. Die Station ist rund um die Uhr besetzt. Man hat schnelle Boote, um im Notfall nicht zu spät zu kommen. Und es passiert eine ganze Menge. Bei Ebbe sind schon Schafe oder Hunde im Matsch stecken geblieben, Touristen fallen beim Selfie knipsen rückwärts von der Kaimauer ins Wasser und nicht ganz nüchterne junge Männer rutschen auf den glitschigen Stufen haltlos in den Fluß. Und der ist gefährlich, die Strömung der Themse ist gewaltig und reisst alles mit, was kleiner als ein dicker Wal ist. 

 

 

Ich habe jedenfalls einen mords Respekt und halte Abstand, wenn ich auf den Brücken stehe. Besonders bei Dunkelheit ist es eine Mischung aus Vorsicht und lockender Anziehungskraft, die ich empfinde, wenn der dann schwarz-silbern glänzende Strom unter mir vorbeizieht. Es gurgelt, unterbrochen von lauten Klatschen, wenn die Wellen auf die Brückenpfeiler treffen. Das ist faszinierend und gleichzeitig unheimlich. Zum Glück sind Nord- und Südufer nahtlos mit einer massiven Kaimauer begrenzt. Da kann keiner in die Fluten fallen. Und den Brückengeländern kann man auch trauen. Es sei denn, man beugt sich zu weit vor, um das eine, ganz besondere Foto zu machen, dass man dann hoffentlich noch rechtzeitig postet, bevor man von der Themse verschluckt wird.

 

 

Heute haben die Lebensretter einen besonderen Einsatz erlebt. Sie wurden zum Embankment Pier gerufen, wo ein großer Vogel in Seenot geraten war. Es handelte sich um einen Harris’s Hawk, einen Wüstenbussard, der eigentlich in England nicht frei lebt. Aber in London gibt es einige Exemplare, denn sie lassen sich gut zur Jagd abrichten. Ich habe schon einmal morgens so einen Bussard über dem Trafalgar Square kreisen gesehen. Er pickte sich dort die Tauben auf und zwar ganz legal und erwünscht. Das geht nicht immer tödlich aus, oft reicht sein Anblick um die lästigen Kollegen zu verjagen. Nach der Arbeit fliegt er zurück zu seinem Ausbilder und wird per Auto in den heimischen Käfig transportiert. Ein anderer Greifvogel macht dasselbe für die Eisenbahn. Er hält große Bahnhöfe wie King’s Cross frei von Tauben. Warum der Bussard in Schwierigkeiten kam, und es nicht schaffte sich von alleine aus der Themse zu schwingen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war sein Gefieder schon zu nass, dann trägt es ihn nicht mehr, und zieht ihn sogar tiefer ins Wasser. Aber die Lebensretter kamen rechtzeitig. Sie brachten den erschöpften Jäger sicher zurück ans Ufer, wo schon der Tierschutz auf ihn wartete. Inzwischen geht es ihm wieder sehr gut und in wenigen Tagen wird er seinen Flugdienst wieder aufnehmen können. Dann heißt es für die Tauben, wer nicht wachsam ist wird gefrühstückt.