Es gibt keinen dress code im britischen Parlament, aber eine Regel gilt bis heute: Bitte die Rüstung ablegen, bevor man eintritt. Vermutlich eine Vorsichtmaßnahme aus sehr frühen Zeiten, als die Lords noch Ritter waren und deshalb Kettenhemd und Schwert trugen. Eine zweite Vorschrift betrifft auch den modernen Mann. Er soll im Anzug, mit Hemd und ordentlicher Krawatte erscheinen. Das Gebot haben aber einige ‚junge Wilde‘ vor zwei Jahren unterlaufen. Sie erschienen an einem heißen Sommertag mit offenen Hemdkragen. Prompt wurde eine Krisensitzung im Büro des Speakers einberufen und der entschied, zur Verwunderung vieler, dass es akzeptabel sei. Natürlich nicht bis zur Brust aufgeknöpft, aber ein wenig Luft am Hals könnte man zumindest im Hochsommer dulden. Wäre sonst auch ziemlich männerfeindlich gewesen, denn die Damen können sich dekolletieren so tief sie möchten, ohne einen Verweis zu riskieren. Strenger geht es im Haus der Lords zu. Sie müssen zumindest an feierlichen Tagen im vollen Ornat erscheinen. Das besteht aus einem bodenlangen, scharlachroten Woll-Gewand mit weißen Pelzkragen. Der Rücken geht in eine lange Schleppe über, die aber normalerweise im Inneren des Gewandes aufgehängt wird. Man fürchtet wohl, dass bei der räumlichen Enge, jeder auf den Mantelsaum des anderen treten würde. Um den Rang eines Lords auszumachen, muss man die kleinen goldenen Balken, an der rechten Seite des Umhangs, genauer betrachten. Je mehr Streifen dort sind, desto nobler. Also vier für den Duke, dreieinhalb für den Marquess, drei für einen Earl, zweieinhalb trägt der Viscount und nur zwei bleiben für den Baron übrig. Im Prinzip nicht anders als beim Militär. Kaufen kann man den edlen Mantel bei Ede & Ravenscroft, die seit 1689 für das Königshaus und die Lordschaft schneidern. 

 

Als gerade keiner guckte, machte ich mein Foto. Neben Perücken und Talaren gibt es auch Abendkleidung für Mann + Frau. Ein ‚Evening Tail Cut‘ kostet knapp 1.000 € und das passende Hemd noch einmal 180 €.

 

Im House of Lords ist man fortschrittlich. Die Frauen tragen das gleiche Gewand wie die Herren. Um sich dort einen Sitz zu sichern, braucht man entweder die Gunst des Premierministers oder muss adliger Abstammung sein. Das ist eine umstrittene Sache, nicht sehr demokratische, denn die Lords können über Gesetze abstimmen, ohne dass sie sich einer Wahl stellen müssen. Außerdem wird ihnen das Recht auf Lebenszeit gewährt, was zu einer sichtbaren Überalterung im House of Lords geführt hat. Egal, ein optisches Spektakel ist es allemal, besonders an Tagen, an denen die Königin zu Besuch kommt. Schließlich sind es ‚ihre‘ Lords, die hier über die politische Zukunft des Landes mitentscheiden. So einen Tag erlebten wir in dieser letzten Woche, als mal wieder, und ganz im Zeitplan, eine Parlamentseröffnung stattfand.

Am Dienstagvormittag war es so weit. Pünktlich bog die Wagenkolonne von der Abingdon Street in den Old Palace Yard ein. Die Queen wurde im Land Rover chauffiert, ihr Sohn und dessen Ehefrau kamen im Audi vorgefahren und der stilvolle Rolls-Royce, der vorweg fuhrgehört an diesem Tag alleine der Krone und dem Fahrer. Das teure und schwere Prachtstück wurde früher von der Königin getragen, aber jetzt verzichtet sie auf den Balanceakt. Es ist zwar nur die kleine Krone, aber sie wiegt gewiss einige Kilogramm. Das ist hinderlich, wenn man die ganze Zeit auf ein Schriftstück sehen muss, um es den Lords vorzulesen. Also wählt man die praktische Lösung und lässt die Krone, für alle gut sichtbar, auf einem samtenen Kissen ruhen. 

 

Alle Fotos sind aus der TV-Übertragung der BBC aufgenommen

 

Mit dem ‚State Opening‘ beginnt eine neues parlamentarisches Jahr. Der Premierminister hat seine Hauptziele definiert und lässt sie nun von der Königin verlesen. Auf diese Weise erfahren die Lords was in den nächsten zwölf Monaten geplant ist. Dieses Jahr fiel die Zeremonie kleiner als üblich aus. Zunächst war das dem Coronavirus geschuldet, aber auch dem hohen Alter der Königin. Nur wenige Lords waren anwesend. Alle, bis auf die Königin, trugen Maske und ich schaute zweimal hin, weil ich nicht sicher war, ob sich die Lords womöglich ein Stück Hermelin vor die Nase gebunden hatten. Aber es waren ganz gewöhnliche Stoffmasken. Die Königin saß erstmals ganz alleine auf dem Podest, der zweite Thronsessel war entfernt worden. Schon vorletztes Jahr, als ihr Mann noch lebte, hatte Prinz Charles dessen Rolle übernommen. Dieses Jahr wurde er von seiner Frau Camilla begleitet und beide hatten seitlich von der Königin ihren Platz eingenommen. Im letzten Jahr fiel die Zeremonie komplett aus; auch damals grassierte das Virus und es war noch niemand geimpft. Eine sehr viel bedrohlichere Situation als die aktuelle. Da war keine Zeit, um reguläre Parlamentsarbeit zu planen.

 

 

Ein Hingucker sind stets die Kopfbedeckungen. Die Königin trug einen wunderschönen Hut, in hell violetter Farbe, mit sehr zarten Frühlingsblumen rund um die Krempe. Mich erinnerten die tanzenden, gelben Blüten, an die goldenen Sterne, die auf der EU-Flagge zu sehen sind. Vielleicht war es nur mein Wunschdenken, oder war doch ein versteckter Gruß damit verbunden? Die Lords trugen einen Dreispitz und natürlich Perücke. Die kauft man bei Thresher & Glenny im Temple Bezirk, da wo die Anwälte ihre Kanzleien haben. Noch immer werden die bombastischen Dinger aus kratzigen Pferdehaar gefertigt. Eigentlich mal erfunden, um Glatzköpfe diskret zu verbergen, aber ich fürchte das Tragen auf der nackten Kopfhaut ist eine unangenehm piksige Angelegenheit. Und im Sommer rinnt der Schweiß den Nacken runter.

 

 

Und was sind nun die politischen Höhepunkte im nächsten Jahr? Boris Johnson will die Wahlperiode verkürzen, statt fünf Jahre sollen es vier werden. Das spielt ihm in die Karten, denn je früher, desto besser. Noch steht er hoch im Kurs der Wähler als erfolgreicher Brexit Vollstrecker und Corona Bekämpfer. Das könnte sich ändern, wenn man beides etwas detaillierter und mit zeitlichem Abstand betrachtet. Dazu eine fast revolutionäre Idee, nämlich dass Wähler sich ausweisen müssen, bevor sie ihre Stimme abgeben. Aktuell kann man ziemlich einfach tricksen, andere hinschicken oder gleich in mehreren Wahllokalen die Stimme abgeben. Soviel dazu. Natürlich soll das National Health System (NHS) reformiert werden und man will sich mehr um die Schwachen und Alten kümmern. Das Thema ‚Health, Care & Wellbeing‘ steht nach den Coronajahren ganz oben auf der Agenda. Bemerkenswert fand ich ein Tierschutzgesetz, dass so gut wie beschlossen ist. In England gesteht man allen Tieren (mit Wirbelsäule) zu, dass sie körperlich genau wie Menschen fühlen können. Sie empfinden Schmerz und müssen deshalb davor beschützt werden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber fast nirgendwo auf der Welt ins Gesetzbuch geschrieben. Andere Themen sind uns gut bekannt: Studenten bekommen mehr Geld, das Internet soll sicherer werden, Migranten müssen mit der Ausweisung rechnen. Wer sie illegal ins Land bringt, wird künftig mit lebenslanger Haft bestraft. Man investiert in Sicherheit, gibt der Polizei mehr Geld und den Gerichten mehr Richter. Und natürlich verspricht man jede Menge Häuser zu bauen bzw. günstiges Bauland zur Verfügung zu stellen. Kurzum, alle akuten Probleme werden bald gelöst sein. So der Plan. Nachmittags folgte eine lange Debatte unter den Parlamentariern und prompt fing der Streit um die schönen Ziele an. Mit anderen Worten, das neue Parlamentsjahr begann exakt dort, wo das alte aufgehört hatte.