Höchste Zeit sich auf Ostern vorzubereiten. Immerhin das wichtigste Fest der Christen und thematisch aktueller denn je. Also das jetzt nicht wörtlich nehmen, ich warte nicht auf die Auferstehung der Corona-Toten, aber auf das Licht am Ende des Tunnels. Ich will wirklich nicht respektlos über das dramatische Geschehen schreiben, aber ich will daran erinnern, dass es bisher weltweit 2,8 Millionen Menschen betrifft. Sie hatten keine Chance, ihr Leben wurde durch das Virus beendet.

Die anderen, die mit Angst und Bange die tägliche Entwicklung verfolgen, brauchen jeden Trost, den sie bekommen können. Das gilt jedenfalls für mich. Und deshalb habe ich mich in diesem Jahr etwas mehr mit Ostern beschäftigt also sonst. ‚Es ist das Fest der Auferstehung und Hoffnung auf einen Neuanfang‘, so verkündet es die Kirche. Das Versprechen gefällt mir, obwohl mir auch ein verbindlicher Impftermin genügen würde, um Halleluja zu singen. Ich bin zwar getauft, aber keine Kirchgängerin, und deshalb nicht ganz up-to-date. Aber die Kirchen sind längst im Internet präsent, also schaue ich dort mal rein. Fangen wir mit der Evangelischen Kirche an.

Auf der Webseite der EKD lese ich: „Wie kann in Zeiten von Corona Hoffnung wachsen? … Man verteilt mit der Aktion ‚Hoffnungswege‘ Segensbändchen mit Blumensamen.“ So, so, denke ich mir. Segensbändchen. Wer hat sich dieses Wort einfallen lassen? Irgendwie ist das nicht mein Ding. Ein bisschen handfester darf es schon sein. Meine Neugierde schmilzt wie Eis in der Sonne und schnell klicke ich mich weiter durchs Web.

Nun also zu den Katholiken. Die sind mir als geborene Hamburgerin (‚geboren und gebürtig‘, mehr geht nicht, genealogisch) natürlich eher fremd. Meine Erwartungen sind deshalb niedrig, besonders nach dem knochentrockenen Einstieg bei den Lutheranern. Umso größer meine Überraschung. Das katholische Webangebot gefällt mir auf Anhieb besser. Nette Frühlingsbilder, freundliches Design, moderne Sprache. Und schon fallen mir dort die ‚Sätze zur Fastenzeit‘ ins Auge und gefallen mir so gut, dass ich sie alle bis zum Ende lese. Hier drei Beispiele daraus:

Lebendig fühle ich mich, wenn die Sonne scheint.

Überflüssig finde ich die Corona Leugner.

Eine Erlösung für mich wäre, wenn der Spuk vorbei wäre.

Applaus, dem stimme ich zu. Mit der Verfasserin würde ich gerne plaudern und irgendwie mache ich das auch gerade. Nun ist mein Interesse geweckt, also scrolle ich weiter. Schon bald tauchen Wortschöpfungen auf, die wieder arg konstruiert wirken. Da gibt es ‚Farb-Impulse‘ und sogar ‚Freu-Impulse‘. Aber ich ermahne mich selbst nicht überkritisch zu sein und vor allem die Sache nicht gleich am Titel zu bewerten. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, gebe ich mir größte Mühe bei den Überschriften. Ich weiß, wenn der Titel schon langweilig ist, will kein Mensch den ganzen Beitrag lesen, oder? Nach kurzer Sichtung kapiere ich es dann. Die katholische Kirche, in diesem Fall das Bistum Speyer, bietet auf ihrer Webseite Material zum Download an. Es sind PDF-Dateien und die wurden nun mal ‚Farb- bzw. Freu-Impuls etc.‘ genannt. Der Inhalt der Texte ist ein echtes Ostergeschenk. Man bietet biblische Textstellen und jede Menge Fotos an, die thematisch sortiert sind. Beispielsweise nach Farben. Und wer immer die Auswahl getroffen hat, hat gute Arbeit geleistet. Für mich ist das ein willkommener Foto-Workshop, den ich ganz sicher nachmachen werde. ***** 5 Sterne von mir, weil ich mit dem Angebot etwas anfangen kann. Es schenkt mir viele Stunden spannenden Zeitvertreib und steigert damit meine Laune. So sieht praktische Hilfe aus.

 

Ein Angebot der anglikanischen Kirche: Westminster Abbey dient den Londonern als Impfzentrum. Eine super Idee und ganz im Sinne des christlichen Glaubens. Warum klappt so etwas bei uns nicht?

 

Nächste Woche steigt das Thermometer. Gut möglich, dass es plötzlich richtig sommerlich warm wird. Ansonsten sieht es für die nahe Zukunft düster aus. Jedenfalls bei uns. Die Engländer jubeln über ihre ‚Road to freedom‘ (siehe Bild), während wir voller Sorge auf die täglich steigenden Zahlen blicken. Zurecht, denn es sieht grimmig aus. Plötzlich müssen die Kinder im Haus spielen, weil sie nicht länger immun sind. Auf den Fußwegen weicht man weit aus, sobald einer entgegenkommt. Das passiert ganz  automatisch, ohne nachzudenken. Ich halte regelmäßig für einige Sekunden die Luft an, wenn es zu einer nicht vermeidbaren Begegnung gekommen ist. Eine Nachbarin und gute Bekannte, schlug vor, gemeinsame Spaziergänge zu machen. Ich sagte begeistert zu, bis ich von ihr erfuhr, dass sie eigentlich alles ablehnt, was dem eigenen Schutz dienen könnten. Sie hat ein ärztliches Attest, das vom Maskentragen befreit (komischerweise hat ihr Mann auch eins bekommen; ist das also ansteckend?), sie wird sich nicht impfen lassen und testen schon gar nicht. Nun frage ich mich, ob ich das tolerieren muss? Habe es schnell im Stillen verneint und hoffe die unangenehme Antwort nicht laut sagen zu müssen. Warum eigentlich unangenehm? Das erinnert mich an den Brexit, als alle herumdrucksten, weil sie für den Austritt waren, mir das aber nicht sagen wollten, denn ich bin ja nun schließlich Europäerin. Wie ist das also mit diesen Themen, warum sind sie so schwierig zu diskutieren? Wahrscheinlich, weil wir sehr persönlich betroffen sind. Jeder auf seine Weise, aber da bleibt man hart, kann kaum Kompromisse eingehen. Mit George hatte ich es diskutiert und seine Meinung dazu gefiel mir: „This pandemic makes you think twice. We have liberty but we don’t have the freedom to injure other people.”

Der Plan des Boris Johnson, den er bereits Anfang 2021 verkündete, ging auf. Damit hatten die Leute eine feste Richtschnur, konkrete Daten, die täglich näher rückten. So etwas würde ich mir auch für Deutschland wünschen, stattdessen zerbröseln wir in kleine Machtzentren, wie zur Zeit der Ritter und Fürsten. – Übrigens war der englische Shutdown viel länger und härter als unsere Light-Version. Unverständlich dass die Friseure erst Mitte April öffnen, denn sie haben schon vor Weihnachten geschlossen. Das erklärt auch die inzwischen ziemlich verrückte Frisur des Premierministers. Er sieht zum Piepen aus, aber er hält eisern durch.

 

Wie geht’s nun weiter? Ich vertraue dem Osterfest, es ist das Versprechen auf einen Neuanfang. Die Hoffnung auf warme Sommertage. Die Vorfreude auf die langen Abende, Gartenpartys oder Treffen im Park. Und dann die Ferienzeit und das Verreisen! Alles wird peu-à-peu wieder möglich sein. In einem Land schneller, im anderen muss man etwas länger warten. Macht aber nix. Aber wer glaubt, dass dann alles fröhlich und friedlich und erledigt wäre, täuscht sich gewaltig. Kaum wurden erste Lockerungen ermöglicht, schon formierten sich Demonstranten, wie die friday-for-future Bewegung, die mir langsam mit ihren aggressiven Mitteln gewaltig auf die Nerven geht. Man wird erneut gegen den Rassismus demonstrieren, sich für das Frauenrecht starkmachen oder für Tiere und Natur die Straßen blockieren. Thematisch haben sie alle eine wichtige und oft richtige Botschaft zu verkünden. Trotzdem nehmen sie mit ihren Aktionen nicht selten massiven Einfluss auf das alltägliche Leben anderer Menschen. Und das kann ich dann auch nicht gut finden. Also, was tun??? Brav sein und alle Kritik für sich behalten? Resignieren und frustriert durchwursteln? Gibt es vielleicht gar keine Lösung, weil all diese Anliegen keine Kompromisse zulassen? Erneut hilft mir George, diesmal nicht mit seinen eigenen Gedanken, sondern mit einem Hinweis auf einen Mann namens Howard Thurman. Ein bei uns wenig bekannter US-amerikanischer Theologe und Bürgerrechtsaktivist. Für Martin Luther King war er eine Schlüsselfigur im Kampf für die Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung. Thurman starb Ostern 1981, also vor 40 Jahren, aber seine Ratschläge sind noch immer höchst aktuell und brauchbar.

 

„Don’t ask yourself what the world needs. Ask yourself what makes you come alive.
And then go and do that. Because what the world needs is people who are alive.“

 

Soweit Howard Thurman. Mir bleibt nur noch Ihnen allen ein frohes Osterfest zu wünschen. Bleiben Sie gesund und munter!