Mega Baustelle

Big Ben schweigt seit Anfang 2017. Er ist noch immer eingerüstet und hinter dichten Bauplanen verschwunden. Jetzt passiert dasselbe mit dem Palace of Westminster. Weite Teile des Daches sind zur Baustelle geworden. Alles scheint marode zu sein, abzubröckeln und womöglich einzustürzen. Eine Analogie zum Brexit zu finden, fällt nicht schwer. Auch da ist es chaotisch und dasselbe gilt für das Parlament, die Regierung und die Tory Partei. Alles ein Bild des Jammers, in Auflösung befunden. Reparatur tut Not und zwar von Grund auf. Den letzten Beweis bot das House of Commons, das mitten in einer Brexit Debatte geräumt werden mußte. Wassereinbruch zeitgleich an zwei Stellen. Dem Saal drohte Hochwasser. Und die zuständigen Serviceleute wissen, was passieren kann. Es ist noch gar nicht lange her, da brach ein großes Versorgungsrohr in einem der Flure. Binnen 15 Minuten ergossen sich 30.000 Liter Wasser über die Teppiche, in den Boden, und weiter der Schwerkraft folgend in tiefere Geschosse. Man braucht fast drei Wochen, um den Schaden zu reparieren.

 

Alle Fotos dieses Beitrags sind von der Webseite des Houses of Parliament

 

Das Dach des Palastes ist undicht. Regen dringt ein und warme Luft entweicht. Die Konstruktion ist aus Eisen, und besteht aus 7.000 Platten. Jede wiegt 75 Kilogramm. Sie müssen alle ausgewechselt werden. Eigentlich ein Wunder, dass sie nicht längst durchgerostet sind. Das Dach ist sage und schreibe 170 Jahre alt und wurde nie renoviert. Den Fenstern geht es nicht viel besser. Auch ihre Rahmen sind aus Eisen oder Bronze gefertig. Sie schliessen schon lange nicht mehr. Einige Fenster wurden im zweiten Weltkrieg beschädigt und man hatte sie damals gegen Holzrahmen ausgetauscht. Die haben jetzt ausgedient. Auch immerhin 75 Jahre alt; der Engländer gebraucht seine Dinge nachhaltiger als wir.

 

 

Eine Mammutaufgabe wartet im Keller. Gut 2km Flure und unzählige Räume sind dort zu finden. Alles vollgestopft mit Leitungen aller Art. Sie dienen der Wasser- und Stromversorgung, der Heizung und Lüftung, aber auch der Kommunikation. Neue Kabelstränge wurden auf alte gepackt. Kein Mensch weiß, wie es da drunter aussieht. Eins ist klar, hier ist auch Asbest verbaut worden. Es ist eigentlich ein Wunder, dass noch kein Brand ausgebrochen ist. Die Mischung von maroden Elektrokabeln und stehenden Wasserpfützen ist keine gute. Im Keller finden sich Rohre, die stolze 130 Jahre alt sind. Man wird Jahre brauchen, um alles zu erneuern. Weil die Leitungen über 98 vertikale Schächte in den Rest des Hauses geführt werden, sind umfangreiche Arbeiten auch in den Etagen darüber nötig. Beide Häuser, Unter- und Oberhaus, werden für lange Zeit nicht benutzbar sein. Die Abgeordneten werden für 2-4 Jahre eine andere Bleibe brauchen.

Schließlich werden auch die beiden Türme repariert und renoviert. Big Ben braucht dringend eine Generalüberholung seiner Uhr und bekommt außerdem einen Lift eingebaut. Der Victoria Tower, am anderen Ende des Palastes, wird als Archiv genutzt. Hier lagern wertvolle Dokumente, viele auf Tierhaut geschrieben. Der Raum ist äußerst begrenzt und würde hier ein Feuer ausbrechen, dann wäre der Schaden unermeßlich. Für die zwölf Stockwerke des Turms, gibt es nur einen winzigen Lift oder als Alternative eine Treppe mit 553 Stufen. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie dort eine effektive Brandbekämpfung stattfinden soll. 

 

 

Höchste Zeit also, dass man den Westminster Palast renoviert. Die Leute, die dort arbeiten, können Schauergeschichten erzählen. Man erzählte mir, dass man Brot niemals offen hinlegen darf. Es wird in kürzester Zeit angeknabbert. Es wimmelt dort von Mäusen. Viele Abgeordnete bringen ihre Hunde und Katzen mit, um ihr Büro gegen die Plage zu schützen. Ein Parlamentarier hat seine Vogelspinne auf dem Schreibtisch. Sie ist lebendig. Ich weiß allerdings nicht, welche Aufgabe ihr zugedacht ist. Vielleicht soll sie einfach nur die Besucher erschrecken. Die Toiletten sind in einem Zustand, den man mir lieber nicht näher beschreiben wollte. Und es gibt kaum jemanden, der noch nicht in einem der engen Lifts hängen geblieben ist. Vor allem fehlt es an moderner Verkabelung. Man hilft sich, indem man Steckdosenleisten miteinander verbindet. Wo eigentlich ein Stromanschluß vorgesehen ist, hängen heute ein dutzend Computer an der Leitung. Da kann man nur hoffen, dass die Sicherung ihren Dienst tut. Allerdings befürchte ich, dass so ein neumodischer Kram gar nicht installiert wurde.

Wenn Sie also demnächst in London sind und sich wundern, dass das Parlament mehr und mehr unter Bauplanen verschwindet, dann kennen Sie jetzt den Grund. Wir werden es noch einige Zeit ertragen müssen. Man plant den Elizabeth Tower (Big Ben) Mitte 2020 zu eröffnen. Der Westminster Palast wird mehr Zeit in Anspruch nehmen. Es wäre also nicht verkehrt, wenn Sie jetzt noch schnell eine Tour buchen. Das Anstehen lohnt sich, ich war gerade da und habe es nicht bereut.