London hat gleich zwei Bürgermeister. Einer sitzt in der City Hall, das ist das runde Glasding, am Südufer der Themes, gleich gegenüber vom Tower. Er nennt sich London Mayor. Der andere residiert in der Guildhall, in der City of London (Moorgate), und trägt den Titel ‚Lord Mayor of the City of London‘. Die beiden kommen sich aber nicht ins Gehege, denn der Erste ist ein ‚richtiger‘ Bürgermeister, wie wir ihn auch kennen, und der Zweite ist der ‚Leader of the City of London Coperation‘ und kümmert sich um den Finanzsektor in der Square Mile. Gewählt werden beide, aber der Lord Mayor bekommt nur einen kleinen Anteil der nötigen Stimmen von den Bewohnern der City of London (ca. 7.500 Menschen), als vielmehr von den unzähligen Unternehmen, die dort ansässig sind. Und sei es nur mit einer Briefkastenadresse. Seine Wahl findet jährlich im November statt und wird groß gefeiert. Ganztägig, mit Umzug und Straßenfest und manchmal auch mit einer Bootsfahrt auf der Themse.

 

 

Für den Londoner Bürgermeister gibt es kein Volksfest. Seine Amtszeit dauert vier Jahre und dann dürfen die rund 6 Millionen Londoner erneut abstimmen. Das findet immer im Mai statt. Boris Johnson, der aktuelle Premier Minister, war von 2008 bis 2016 Londoner Bürgermeister. Ich finde, er hat es nicht schlecht gemacht. In seiner Amtszeit feierte man die Olympischen Spiele, die ein großer Erfolg waren. Es wurde damals viel gebaut und die Stadien, Sportanlagen und Unterkünfte sind noch heute in Benutzung. Das Konzept ist also aufgegangen, man hat das Olympische Dorf voll ins Stadtbild integriert. Überhaupt hat sich London während seiner Amtsjahre praktisch neu erfunden. Die Skyline der Hochhäuser wurde länger und markanter und auf der Straße war ein alter, geliebter Freund zurück: The Routemaster. Der viel geliebte knallrote, zweistöckige Bus, kehrte nach Jahren der Verbannung endlich ins Stadtbild zurück. Ich liebe die Fahrt, besonders wenn man oben sitzen kann. Es ist herrlich, den Leuten im ersten Stock in die Fenster zu sehen. Und erstaunlich welch private Szenen sich dort manchmal abspielen. Die müssten doch eigentlich wissen, dass ein Linienbus an ihrem Büro vorbeifährt?

Dann, im Mai 2016, wurde Sadiq Khan ins Amt gewählt. Er unterscheidet sich vom Vorgänger in vielerlei Hinsicht. Sadiq ist Mitglied der Labour Party, ist britisch-pakistanischer Abstammung, islamischen Glaubens und Sohn einer Arbeiterfamilie. Der Vater war Busfahrer, die Mutter verdiente Geld als Näherin. Er konnte trotzdem eine Universität besuchen, machte seinen Juraabschluß und wurde Anwalt für Menschenrechte. Er war also ein ganz anderer Typ als sein Vorgänger und man setzte hohe Erwartungen in ihn. Die hat er nicht erfüllt, denn sein Erfolg war mäßig. London hat mehr Obdachlose denn je, das Einkommen reicht für viele nicht mehr aus, und die Immobilienpreise steigen noch immer. Viele junge Menschen schaffen den Sprung in das erste eigene Haus nicht mehr und bleiben auf der Strecke (in England wohnt man selten zur Miete, man spart und baut Vermögen auf, indem man Eigentum erwirbt und mit Gewinn wieder verkauft; die sogenannt ’social ladder‘). 

Anfangs war mir Sadiq Khan sehr sympathisch, aber irgendwann merkte ich, dass er zwischen privater Ansicht und dienstlichen Pflichten nicht unterscheidet. Stets unterstützt er die Menschen, die moralisch richtig handeln. Also die, die gegen Donald Trump protestierten, sich für Minderheiten einsetzten, gegen die Macht der Konzerne auf die Straße gehen usw. usw. Das ist hochanständig, aber nicht was ich von einem Bürgermeister erwarten würde. Wenn ein politischer Gast offiziell zum Staatsbesuch eingeladen wird, dann hat er als Repräsentant der Stadt seine persönlichen Ansichten für sich zu behalten. Er hat den Staatsgast als Mayor of London zu begrüßen und kann nicht stattdessen mit Demonstranten gegen den Besucher protestieren. Das geht vielleicht nach Dienstschluss, aber wann hat ein prominenter Politiker Feierabend?

Nun also Neuwahl. Die ist sogar überfällig, denn eigentlich hätte man schon im Mai 2020 wählen müssen. Da grassierte aber das Coronavirus und der Amtsinhaber sagte die Wahl kurzerhand ab. Es kam ihm wohl ganz gelegen, denn er ist in der Gunst der Wähler ziemlich gesunken. Die Londoner fragen sich, was sie in den letzten vier bzw. fünf Jahren bekommen haben? Leider wenig Gutes. Ein Projekt, die Stadt noch mehr vom Autoverkehr zu befreien, wurde von Sadiq Khan mit vollem Elan unterstützt. Leider zum Nachteil der Bürger. Wer zwischen 7 und 18 Uhr die Innenstadt befährt, zahlt £11.50 Congestion Charge + T-Charge £10, also satte 26 Euro für den einzelnen Tag! Das hilft niemandem. An anderer Stelle wurden Straßen kurzerhand zu Radfahrerzonen erklärt, die Zufahrt für die PKWs mit Betonpollern abgesperrt und fertig war die autofreie Zone. Als der erste Rettungswagen an einer solchen Barriere stecken blieb, kamen Zweifel an dem Konzept auf. Kurzum, für ihn sieht es nicht gut aus und deshalb hat er die Wahl so lange wie möglich verzögert. Nun aber ist der Termin bestätigt; am 6. Mai wählen die Londoner einen neuen Bürgermeister (plus 25 assembly members).

 

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Von links nach rechts: Shaun Bailey (Labour), Kam Balayev (Renew), Pies Corbyn (Labour) und Sadiq Khan (Labour).

 

Es stehen erstaunlich viele Kandidaten zur Wahl. Einer der wichtigsten ist sicherlich der Vertreter der konservativen Partei. Er heißt Shaun Bailey, ist britisch jamaikanischer Abstammung und besticht mit einem durchtrainierten Körper, der nicht sofort auf einen Politiker schließen lässt. Nicht weniger attraktiv ist Kam Balayev. Für mich sieht er wie ein TV-Serienstar aus, zu schön um sich ernsthaft um Politik zu kümmern. Er tritt für die Renew Party an, von der ich bisher auch noch nichts gehört habe. Oder sind das die Leute um den Schauspieler, den wir als Assistenten aus der TV-Serie ‚Lewis‘ kennen? Dann würde ich ja ziemlich richtig mit meiner ersten, höchst oberflächlichen Einschätzung liegen. Dann gibt es Kandidaten der Green Party, der Burning Pink Party, Ukip, Independent, Liberal Democrats und natürlich Labour Party. Die haben ganz tief in die Klamottenkiste gegriffen und einen Mann namens Piers Corbyn herausgezogen. In London bestens bekannt, denn sein jüngerer Bruder war lange Zeit Vorsitzender der Arbeiterpartei und macht sowohl Theresa May als auch Boris Johnson das Leben schwer. Die Corbyns stehen ziemlich weit links, träumen von einem Sozialismus wie wir ihn in der DDR erlebt hatten und Bruder Piers ist wohl der radikalere. Er verleugnet gerne die Wahrheit und wettert gegen Schutzmaßnahmen in Coronazeiten. Weil er sich grundsätzlich ohne Maske unter Demonstranten mischt, landete er kürzlich erst einmal im Gefängnis. Interessanter Kandidat, hoffentlich ohne Chancen. – Ach so, Amtsinhaber Sadiq Khan tritt auch an. Mal sehen, wie weit er kommt.

Mein Favorit ist der unabhängige Count Binface. Alleine der Name ist schon eine Stimme wert. Er weiß, wie man sich in Szene setzt und tritt gerne mit Mülleimer über dem Kopf auf. Nomen est Omen. Wofür er steht weiß ich nicht so recht, er wahrscheinlich auch nicht, aber kürzlich erklärte er sich selbst als ‚interplanetarischer Raumkämpfer‘. Wahrscheinlich sieht er viel fern und liebt Star Wars Filme. Chancen hat er vermutlich keine, aber mal sehen, was er während des Wahlkampfes anzubieten hat.

 

Auch er könnte Londons neuer BM werden: Count Binface. Wohl eher nicht, aber witzig.

 

Ich sage schon mal voraus, dass wir uns von Sadiq Khan verabschieden können. Eines seiner letzten Amtshandlungen war der Verkauf der attraktiven City Hall. Das kugelrunde Haus, entworfen von Sir Norman Foster, das ganz nahe zur Themse Brücke am Südufer des Flusses liegt. Es ist das Zentrum von ‚MoreLondon‘, einem jungen Stadtteil, der zur Amtszeit von Boris Johnson erschaffen wurde. Nun ziehen die Politiker ostwärts, zu den Docklands. Schade, denn die City Hall war stets öffentlich zugänglich. Ich habe dort gerne hereingeschaut und bin die Rampe bis zum dritten Stock nach oben geklettert. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Tower Bridge, den Tower selbst und daneben den Financial District mit seinen markanten Hochhäusern. Das ist dann wohl Vergangenheit, wenn ein privater Investor dort seine Mieter einziehen lässt. Auch das eine Sache, die ich dem eigentlich sympathischen Sadiq Khan übel nehme. Aber das ist völlig wurscht, denn ich bin nur Gast in der Stadt und darf natürlich gar nicht wählen. Nur schimpfen.