„Has the world gone completely mad?“, fragt mich George, als er die Zeitung über den Tisch reicht. Die ‚News‘ hat er durch, jetzt widmet er sich den Sportseiten. Mit anderen Worten er hat Empfangspause und ich werde alleine herausfinden müssen, was ihn so aufregt. Eigentlich kann ich es ahnen, denn gestern wurde gewählt. Im ganzen Land, von den Parlamenten in Schottland und Wales, durch alle Grafschaften, bis zum Rathaus in London. Wie immer ist der Ausgang ungewiss, es gab zwar Umfragen im Vorfeld, aber die liegen meisten weit daneben. Da hilft nur abwarten und das dauert länger, als ich dachte. Vermutlich werden die Auszählungen erst morgen abgeschlossen sein. Nur in London könnte es früher klappen, vermutlich eine zweite Amtszeit für Sadiq Khan.

Der eigentliche Aufreger ist ganz anderer Natur und hat sich gestern mitten im Ärmelkanal abgespielt. Es ging um die neu zu regelnden Fangquoten zwischen England und Frankreich. Eine unmittelbare Folge des ziemlich dürftig ausgehandelten Brexit Vertrages. Weil vieles nicht festgeschrieben wurde, kann man jetzt wunderbar darüber streiten. Natürlich jeder aus seiner Sicht und die steht meisten frontal zur Meinung des anderen. Explodiert ist die Sache vor der Küste von Jersey. Eine der Kanalinseln, die in Sichtweite des EU-Festlandes liegt. Früh am morgen hatten sich französische Fischkutter vor dem Hafen der Insel versammelt und drohten lautstark den Engländern. Wenn die weiterhin darauf bestehen, dass die Gewässer rund um Jersey nur noch den Engländern zur Verfügung stehen, dann würde man ihnen ganz einfach das Licht ausknipsen. Starker Tobak, mit Wirkung. Schließlich bekommen die rund einhunderttausend Bewohner von Jersey ihre Elektrizität per Seekabel geliefert und das endet an Frankreichs Küste. Boris Johnson war ganz in seinem Element, als er die Drohung vernahm. Prompt schickte er die Royal Navy los. Zwei Marineboote, mit Kanonen und scharfer Munition, patrouillierten wenig später im Kanal. Sie hielten sich aber diskret im Hintergrund, schließlich wollte man kein zweites Falkland starten. Aber ein bisschen Waterloo war dem Premierminister wahrscheinlich ganz recht. 

 

Die Fanggebiete der Engländer reichen nahe an die französische Küste. Das ärgert die Franzosen.  Prompt rückte die Kriegsmarine an und umkreiste die Kampfhähne mit ihren Fregatten.

 

Die Sache ging gut aus. Es gab einen mutwilligen Rammstoß zwischen zwei Fischkuttern und einen abgefeuerten Schuss vom Turm des Kastells. Beides ging glimpflich aus, die Muskete war nur mit Pulver, aber ohne Kugel, geladen. Nach zehn Stunden Belagerung drehten die Franzmänner ab. Sie waren hungrig geworden und tuckerten in der Abendsonne zurück zum Heimathafen. Die Engländer feierten noch eine Weile im Pub und legten sich dann auch aufs Ohr. Heute blieb wohl alles ruhig.

 

Die ‚Schlacht‘ im Ärmelkanal ist im vollen Gange. Die Franzosen belagern die Insel mit ihren Booten und die Engländer schießen zurück. Alles nur Theater.

 

Die Kanalinseln Jersey und Guernsey sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Ganz sicher ein interessanter Urlaubsort, falls man mal die Engländer näher kennenlernen möchte*). Die Insel Jersey liegt rund 150 km vor der englischen Küste und nur 25 km vor der französischen. Trotzdem gehören sie zu England bzw. so stimmt das auch nicht ganz. Denn die Kanalinseln gehören nicht zum Vereinigten Königreich, sondern zum Kronbesitz. Sie sind also direkt der britischen Monarchie unterstellt. Deshalb dürfen sie sowohl eigene Banknoten als auch Münzen prägen und sie haben einen eigenen Pass. Und so richtig gehörten sie auch nicht zur EU, sondern eher ’nur ein bisschen‘. Aber das ist zu kompliziert und selbst die höchsten Gerichte sind diesbezüglich unterschiedlicher Meinung.  Schon recht seltsam, aber ganz praktisch. Denn mit der sehr besonderen Rechtslage, besonders den Bankgesetzen, kann man auf den Inseln interessante Sondervereinbarungen ausmachen. Und warum gehören die weit vorgelagerten Islands überhaupt zu England? Auf solche Fragen, die ich meist nicht beantworten kann, habe ich mir eine Standardfloskel zurechtgelegt. In solchem Fall antworte ich stets: „Es liegt gewiss an Wilhelm dem Eroberer; ist also auf das Jahr 1066 zurückzuführen.“ Die Jahreszahl kann ich mir gut merken und irgendwie klingt es glaubhaft. Und, ja klar, es stimmt. Wilhelm war Herzog der Normandie und nach seiner Invasion, brachte er nicht nur weite Teile Frankreichs mit, sondern auch die Kanalinseln.  Und damals, also vor tausend Jahren, begann auch die Hass/Freundschaft zwischen den beiden Nationen. Ein ewiger Erbkrieg, der emotional bis heute nicht beigelegt wurde. Und so geraten sie von Zeit zu Zeit aneinander, die ‚Rosbifs‘ und die ‚Frogs‘

*) Bevor Sie Ihren Urlaub dort starten, sollten Sie sich mit der Geschichte bekannt machen. Die Kanalinseln wurden im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt. Ein Tabuthema, das man am besten weit umschifft. Wer es aber genau wissen will, der kann das Buch von John Nettles lesen. Haben Sie den Namen schon gehört? Bestimmt, er ist Schauspieler und uns bestens als DCI Barnaby bekannt. Eigentlich ist der Mann Historiker und in dieser Eigenschaft hat er sich intensiv mit der Geschichte der Kanalinseln beschäftigt. Gut möglich, dass Sie ihn sogar dort treffen, denn er verbringt viel Zeit auf Jersey.

Langsam trudeln erste Wahlergebnisse in London ein. Wie es scheint, hat Labour mächtig verloren. Das dürfte Konsequenzen für ihren Chef Keir Starmer haben. Der ist seit gut einem Jahr im Amt, als Nachfolger von Jeremy Corbyn. Sir Keir war es irgendwie nicht gelungen, die Herzen der Menschen zu erreichen. Er ist offenbar zu fair, zu gut erzogen und zu geduldig, um mit dem politischen Gegner abzurechnen. Etliche Male hätte er den Premierminister Boris Johnson bei Debatten verbal ‚vernichten‘ können, aber nie nutze er die Chance. Der erhoffte rhetorischen Schlagabtausch verpuffte stets in freundlichen Floskeln. Jetzt scheint sein Stern im Sinkflug zu sein. Bin gespannt, wer nun als Nachfolger gehandelt wird. Und noch ein Trend dürfte Boris Johnson gefallen. Die Schotten scheinen der eigenen Nationalpartei weniger Stimmen zu geben als befürchtet. Damit ist auch eine zweite Abstimmung über die Unabhängigkeit vom Tisch. Es läuft also alles prima für den Premier. Mal sehen wie lange. Morgen gibt es eine neue Zeitung und wahrscheinlich wieder eine ganz andere Gemengelage.

George hat sich durch die Sportseiten gearbeitet. Er kennt jetzt alle Gewinner auf den Rennbahnen, egal ob Pferd oder Windhund. Sein Tag ist gerettet, denn in der Football Champions League stehen erstmals (?) zwei englische Vereine auf dem Rasen. Mehr Ruhm und Ehre geht nicht. Man City spielt gegen Chelsea, am 29. Mai, in der Türkei. An dem Abend sollte man lieber früh ins Bett gehen, falls man in England wohnt. Egal, wie es ausgeht, alle können sich als Gewinner feiern. Ich nutze den Augenblick der wohligen Vorfreude, die George gerade auskostet, und schiebe die Zeitung zurück. Mein Finger zeigt auf einen Leserbrief, der mir gefällt. Es scheint, es gibt noch andere Menschen, die wie ich denken. So was macht immer gute Laune.

Who wants to start the day with such negativity?

@Susan Kennedy:

„Very rarely listen to these ’news‘ programmes these days. It’s all negative and doom-laden. Today is especially bad. Who wants to start the day with such negativity.

„How often are there stories about how well the vaccine rollout is going or how few are catching and dying from Covid? As soon as the pandemic in this country started to turn positive, it was no longer worth talking about. So no thanks, I’ll find my news elsewhere.“

Der Kommentar gefällt auch George und so könnten wir jetzt eigentlich im Einklang den Tag beginnen. Aber er hat noch einen Beitrag für mich. Es scheint um Fußball zu gehen, nicht gerade meine Leidenschaft. Dann schon lieber Rugby, da drehen die Männer richtig auf und zeigen wahre Ekstase. An guten Tagen lasse ich mich davon anstecken und werde vorübergehend zum wild gewordenen Fan. Aber Fußball, nee, der ist mir zu langweilig. Und so schaue ich auch nur mit gebremster Aufmerksamkeit auf das Bild in der Zeitung. Es zeigt drei rote Löwen, das Emblem der englischen Sportler, wenn sie als Nationalmannschaft auftreten. „Was ist daran so besonders?“, frage ich ihn. „Look closely. Haven’t you noticed the cub, the lion and the lioness?“ „Wie bitte?“, ein Löwenbaby, ein Löwe und eine Löwin??? Tatsächlich, schaut man genau hin, dann sieht man den Unterschied. Was um alles in der Welt soll das bedeuten? Das uralte Symbol der drei Löwen wurde tatsächlich vom englischen Fußballverband angepasst. Man möchte es allen recht machen, niemanden vergessen, Gender neutral und natürlich auf keinen Fall frauenfeindlich oder gar rassistisch auftreten. Deshalb mussten die drei Kater einer Kleinfamilie weichen. Spinnen die Briten? Es scheint so und auch anderer Fans fragten verblüfft nach: „Who’s offended by a lion?“ oder auch „I know somebody needs to look busy in the office but don’t mess around for the sake of it“. – Selbst George, der am Fußball so ziemlich alles gut findet, schüttelt den Kopf. „Has the world gone completely mad?“, fragt er schon zum zweiten Mal an diesem Morgen und damit ist das Frühstück und die morgendliche Nachrichtenlage endgültig beendet. Jedenfalls für heute.