Lord Nelson thront hoch über dem Trafalgar Square, Westminster. Man endeckt ihn schon von Weitem und doch übersieht man ihn schnell, sobald man vor ihm auf dem Platz steht. Das liegt natürlich daran, dass dort immer etwas los ist. Irgend jemand wird singen, tanzen, performen, oder im witzigen Kostüm die Menschen unterhalten. Vielleicht findet gerade eine Show statt oder man baut für eine solche auf oder ab. In Augenhöhe entdeckt man die vier beeindruckenden Löwen; man sieht die Wasserbecken, die Fontäne im Brunnen, die Delphine und den spielenden Jüngling und natürlich hunderte von Touristen, die alle dasselbe fotografieren und dabei genau darauf achten, dass ihre Gesichter mindestens zwei Drittel der Fläche ihres Fotos ausfüllen. Zuhause langweilen sie dann ihre Freunde damit: „Guck mal, ich vor der Gallerie, ich vor dem Löwen, ich vor den anderen …“. 

Admiral Nelson schaut sich das alles weit von oben an. Ihn kümmert es nicht, er dreht den Leuten sogar den Rücken zu, denn sein Blick geht natürlich zum Parlament und vor allem zur Themse. Auch ich habe einige Anläufe gebraucht, um seinem Denkmal gerecht zu werden. Oft merkte ich erst beim Sichten meiner Fotos, dass ich seine Säule stets radikal in halber Höhe abgeschnitten hatte. Bestensfalls war er als Fleck irgendwo am oberen Bildrand zu sehen. Diesmal aber machte ich es besser, hatte mir einen exklusiven Fototermin mit dem noch immer populären Volkshelden reserviert. Dabei habe ich eine ganze Menge erfahren, was ich hier einmal für mich, und wenn Sie mögen auch gerne zum Mitlesen, notieren will.

Horatio Nelson, Herzog von Bronte

Geb. 1758 in Norfolk, England, gest. 1805 am Kap Trafalgar, Spanien

Nelson war ein bedeutender britischer Admiral. Sein Vater war Reverend der Anglikanischen Kirche und seine Mutter war eine Großnichte des ersten britischen Premierministers. Mit zwölf Jahren heuerte Nelson bei der Royal Navy an. Er bereiste alle sieben Weltmeere, erkrankte an Malaria, Gelbfieber und litt Zeit seines Lebens an heftigen Ausbrüchen der Seekrankheit. Ab 1793 befand sich England mit Frankreich im Krieg (Revolution, Napoleon) und Nelson schlug eine Seeschlacht nach der anderen. Stets mit Erfolg, was ihn schon zu Lebzeiten berühmt und beliebt machte. – Wenn Horatio Nelson in London war, mußte er unweigerlich die Diensträume der Admiralität aufsuchen. Die befanden sich damals im Somerset House am Strand. Und weil mein Hotel in unmittelbarer Nähe liegt, bin ich dort häufig, trinke einen Tee oder genieße einfach die Sonne im Innenhof. Es ist eine relativ ruhige Oase im Herzen Westminsters. Und wenn ich dort bin, bin ich mir fast immer bewußt, dass schon Nelson an diesem Ort ein- und ausging. Genau wie ich lief er über die Steintreppen und hinterliess, zusammen mit seinen vielen Kollegen, Spuren in Form von ausgetretenen Stufen, die man noch heute deutlich sehen kann. Nun aber zum Denkmal, dass die Londoner ihrem Helden zentral im Herzen Londons errichtet haben:

Die Figur des Admirals misst ’nur‘ 5,5 Meter, das ist gut ein Zehntel des gesamten Monuments, dass knapp 52 Meter hoch ist. Die schlichte, korinthische Säule wurde aus schweren Granitstein gefertig, der ursprünglich aus Dartmoor stammte. Finanziert wurde das Ganze von privaten Investoren, die damals (1842) das Geld für das Denkmal aufbrachten. Darunter auch eine hohe Geldspende des russischen Zaren. 

The Nelson touch

Ich glaube es ist allgemein bekannt, dass die Höhe der Nelsonsäule auf dem Trafalgar Square exakt der Höhe des Schlachtschiffes HMS Victory entspricht, also von Kiel bis Mastspitze gemessen. Über die vier Bronzelöwen am Fuß des Denkmals habe ich schon berichtet, bleibt mir hier noch nachzutragen, was auf den eingelassenen Wandreliefs zu sehen ist. Sie wurde um 1850 hinzugefügt und sind alle aus dem eingeschmolzenen Material von eroberten französischen Kanonen gegossen worden. Sie porträtieren die Schlachten von Cape St Vincent, vom Nil, von Kopenhagen und natürlich die von Trafalgar. Schaut man sich den Admiral von unten mit Adlerblick an, dann sieht man, dass ihm der rechte Arm fehlt, der Uniformärmel ist leer. Eigentlich sollte man auch eine Augenklappe ausmachen können, davon ist aber nix zu sehen. Dafür kann man einen Brandfleck an seiner Schulter erkennen und den erlitt der steinerne Nelson posthum, nämlich erst im Sommer 1896. Damals zog ein schweres Gewitter über London und ein Blitz fuhr fast senkrecht in den Trafalgar Square nieder. Wie im richtigen Leben stellte sich Nelson sich der Gefahr und diente als Blitzableiter. Die Entladung war so heftig, dass ein Stück Sandstein aus seiner Schulter gerissen wurde und noch heute als schwarz gesäumtes Loch erkennbar ist. 

 

Die Reliefs erinnern an wichtige Schlachten. Sie sind am Fuß der Nelsonsäule angebracht, insgesamt sind es vier Tafeln.

 

Wer die Grabstätte von Horatio Nelson sucht, ist hier am falschen Ort. Noch am Abend der Schlacht (21.10.1805) starb er an Bord der HMS Victory und wurde dann nach London überführt. Weil das einige Zeit dauerte und Leichen schnell verwesen, steckte man ihn kurzerhand in ein Fass mit Branntwein. Eine etwas grobe, aber funktionale Massnahme. Dort angekommen, wurde der Admiral in einem viertägigen Staatsbegräbnis, unter hoher Anteilnahme der Öffentlichkeit, in der St Paul’s Cathedral beigesetzt. Für die Engländer ist der Name Nelson noch heute mit Tapferkeit, Pflichterfüllung und charakterlicher Qualität verbunden. Das Urteil ‚to have the Nelson touch‘ gilt nicht nur in der Marine als höchste Auszeichnung, die man erlangen kann. Man kann die letzte Seeschlacht, die Nelson gegen die französisch-spanische Armada führte, auch realistischer betrachten: Seine taktische Erfahrung und das Wetter ermöglichten den Sieg über den zahlenmäßig überlegenen Gegner. Wie auch immer, eines ist gewiß. Der Sieg stoppte Napoleons Invasionspläne und legte den Grundstein für Englands neues, weltumspannendes Empire. Ab sofort konnte man jubelnd singen: „Britannia rule the waves“.

Wer im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat, weiss, dass Napoleon er zehn Jahre später sein Ende in der Schlacht von Waterloo fand. Wieder waren es die Engländer, die sich ihm stellten. Unter General Wellington zogen die allierten Truppen in den Kampf, also die Briten mit einem starken Verbündeten an ihrer Seite. Dort kämpften nämlich die Preussen, geführt von Feldmarschall Blücher. – Das alles ging mir so durch den Kopf als ich im August 2018 mal wieder in London war und natürlich täglich über den Trafalgar Square ging. Und weil ich mir diesmal mehr Zeit als üblich gönnte, vergass ich auch nicht rechtzeitig nach oben zu blicken und mir den Admiral ein bißchen aufmerksamer als sonst anzusehen. Gut sieht er aus, ein netter Kerl und vielleicht erkennt er mich sogar beim nächsten Besuch wieder? Dann hätte ich einen Freund mehr in London, das wäre doch schön.

 

 

Das gesamte Monument wurde von Edward Landseer entworfen, aber die Figur des Admirals hat Edward Hodges Baily geschaffen. An Nelson’s Rückseite, unter seinen Füßen lesen wir: ‚E. H. Baily, sculpt 1843‘.