Es hat geschneit! Am Morgen ist alles weiß und noch immer fallen die Flocken vom Himmel. Für London ist das eine dicke Überraschung. Es gibt zwar in jedem Winter eine Episode von ca. 20 Minuten Länge in der ein paar Schneeflocken, oder sind es eher weiße Regentropfen, vom Himmel rieseln. Dann schickt die BBC sofort ein Kamerateam los, um das Wunder zu filmen. Die haben dann mächtig Zeitdruck, denn lange bleibt die spärliche ‚Pracht‘ nicht liegen. Diesmal aber ist es anders. Eine geschlossene Schneedecke hat sich über London gelegt und das muss genutzt werden. Ein langer Spaziergang wird von George geplant, Einwände werden nicht akzeptiert. Also hoch, kein Sofatag, sondern Frischluft atmen. Rein in die lange Unterhose (Long John) und die Pudelmütze (bobble hat) über die Ohren ziehen.

 

 

George hat gute Laune, er spricht von ’signs of hope‘ und meint damit nicht unsere Beziehung, sondern die aktuellen Coronazahlen. Sie sinken im Großraum London, aber ich kann beim besten Willen keine Entwarnung erkennen. Wahrscheinlich wird noch vor Ende des Monats, und das sind nur noch wenige Tage, der Einhunderttausendste tote Brite gezählt werden. Ein Desaster, das vom Engländer schlicht verdrängt wird. Aktuell feiert man die Impfrate, die tatsächlich erstaunlich hoch liegt. Bei den 80+jährigen sind bereits 150.000 Menschen mit der ersten Impfung versorgt worden, aber die zweite Spritze haben erst 36.000 Senioren bekommen. Bei den 70 bis 80-Jährigen sieht es nicht anders aus. Man hat sich mal wieder auf einen höchst riskanten Weg begeben, nur um den schnellen Erfolg verkünden zu können. Statt der empfohlenen Zeitdauer von 3 bis 4 Wochen, hat man den Abstand auf 12 Wochen erhöht. „But why not use all the advantages?“, fragt sogar der medizinische Chefberater sorglos den Reporter. Nun, es könnte sein, dass die Impfung dann nicht ihr volles Potenzial erreichen wird oder, noch viel schlimmer, das Virus leichter mutiert und sogar resistent gegen den Impfstoff werden könnte. Der Engländer hört es, verdrängt es und geht den scheinbar einfachen Weg weiter. Oft gefällt mir diese Lebenseinstellung, aber nicht in diesen Zeiten. Wenigstens fängt man an realistische Prognosen zu verkünden. Die verantwortlichen Politiker rechnen frühestens Anfang Juli mit normalen Zeiten. Also lieber nicht zu früh eine Reise buchen, das lässt sich alles noch gar nicht absehen und niemand will sich unterwegs anstecken. 

Zurück in Hampstead erwischen wir einen Dieb! Gerade hat er sich seine Beute geschnappt, aber es ist vielleicht verzeihbar, denn die Kälte macht hungrig. Das zahme Kaninchen lebt irgendwo in der Nachbarschaft und zwängt sich mühelos durch die Igel-Löcher im Zaun. Mal sehen, ob es auch Tannenzapfen mag. Dann müssen wir wohl komplett neu dekorieren.