Ursprünglich benutzte man das Wort ‚mew‘ für die Mauser der Vögel. Heute spricht man vom ‚moulting‘, wenn sie ihr Gefieder erneuern. Die alte Bezeichnung verschwand aus der Umgangssprache. Heute findet man das Wort ‚Mews‘ nur noch auf einigen Strassenschildern, besonders in South Kensington. Ausserdem wird in Touristenführern auf die ‚Royal Mews‘ hingewiesen. Damit sind die Stallungen am Buckingham Palace gemeint, wo die Pferde untergebracht waren. Heute sind dort nur selten die Tiere vor Ort, aber die prachtvollen Kutschen, die sie ziehen sollen, stehen nebeneinander aufgereiht. Eine Reithalle rundet die Sache ab. Auch dort habe ich leider nie jemanden angetroffen, allerdings weist ein Schild darauf hin, dass alle Kinder von Queen Victoria und Prince Albert hier ihren Reitunterricht bekommen haben. Vielleicht wurden auch Prince Charles und seinen Geschwistern hier erstmals in den Sattel gehoben?

Anmerkung: Wer es historisch genau nimmt, weiß, dass früher die ‚Royal Mews‘ etwas anderes als heute waren. Damals, zu Zeiten von King Edward I., standen die Royal Mews auf dem heutigen Trafalgar Square. Es waren Stallungen für Greifvögel, wie Falken und Habichte. Sie wurden zur Jagd genutzt und wurden während ihrer Mauser, wenn sie nicht fliegen konnten, in diese Ställe eingeschlossen. Dort waren sie vor Räubern, wie dem Fuchs, geschützt. Es war die erste bekannte Nutzung der Fläche, die wir heute als Trafalgar Square kennen.

Meine erste ‚Mews-Strasse‘ entdeckte ich in der Exhibition Road, als ich vom Hyde Park zum National History Museum unterwegs war. Auf Höhe des Science Museums sah ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite das Schild ‚Princes Gate Mews‘ an einer Häuserecke prangen. Von dort führte eine enge, abschüssigen Querstrasse zu einigen Wohnhäusern, die sehr versteckt in zweiter Reihe standen. Da ich den Wunsch der Engländer nach ‚privacy‘ kenne, gehe an solchen Orten meistens schweigend vorbei. Diesmal wollte ich es aber wissen, meine Neugierde war größer als die Höflichkeit. Die kleine Strasse machte gleich eine scharfe Rechtskurve, sodass ich nicht weit sehen konnte, aber alles schien menschenleer. Ich war offensichtlich auf dem Weg zu Dornröschen, die hier in einer Oase der Ruhe irgendwo schlief. Kaum hatte ich die Kurve erreicht, kam mir eine Frau entgegen. Keine Frage, sie war eine Anwohnerin und für mich war es zu spät die Flucht anzutreten. Also schob ich meine Kamera, die ich immer sichtbar an einem Schultergurt trage, noch ein Stück weiter hinter meinen Rücken und setzte mein freundlichstes Lächeln auf. „How do you do? I think I found a hidden gem. How lovely is that!“ und schon zeigte mein Finger auf die Häuser, in deren Mitte ich inzwischen stand. Sie strahlte mich an und bedankte sich überschwenglich für meine netten Worte. Obwohl sie einen Termin hatte, nahm sie sich die Zeit mir ein bißchen über diese ganz besonderen Wohnungen zu erzählen. Eine davon gehörte ihr und ihrem Mann und beide waren sehr stolz diese vor ein paar Jahren gekauft zu haben. Natürlich redeten wir nicht über den Preis, das macht der Engländer grundsätzlich nicht gerne, aber es war klar, dass sie ein kleines Vermögen dafür ausgegeben hatten. Der Gegenwert war ein altes, schmales, zweigeschossiges Häuschen, indem früher ein Stallbursche zusammen mit Kutschpferden lebte! 

 

Alle ‚Mews‘ sehen sich ähnlich. Die ehemaligen Stalltüren sind meistens erhalten geblieben, und heute natürlich dauerhaft geschlossen, oder man hat sie zu einem großen Fenster umgebaut. Man lebt eng nebeneinander und hat keinen Garten. Trotzdem ist alles wunderschön und strahlt viel Atmosphäre aus. Ich mag es sehr und würde gerne einmal in ein solches Haus hineinschauen.

 

Diese ‚Mews‘ genannten Stallungen sind überall rund um den Hyde Park zu finden. Kein Wunder, denn dort wird noch heute ausgeritten, aber die ehemaligen Pferdeställe sind längst zu begehrten Wohnungen ausgebaut worden. Heute dürften weit weniger Pferde in London leben, als in früheren Zeiten. Natürlich konnte ich die Häuser nur von außen ansehen, aber es war klar, dass sie nicht sehr viel Wohnfläche bieten. Sie haben ein Erd- und ein Obergeschoss, manchmal wurde das übliche Flachdach mit einer weiteren Maisonette-Etage aufgestockt oder man hat sich dort eine kleine Dachterrasse installiert. Man kann es von der Strassenfront nicht sehen, aber die Häuser haben keinen Garten. Sie haben noch nicht einmal Fenster an der Rückseite, denn die nächste Stallreihe ist direkt Wand an Wand gebaut. Natürlich gibt es auch keinen Keller. Und trotzdem sind diese Wohnungen extrem beliebt und begehrt. Das ist typisch für den Engländer, der den Wert einer Immobilie nicht alleine über dessen Größe ableitet. Es ist die Geschichte des Hauses und die der Vormieter, die hier lebten, die ein wichtiger Faktor sind, um sich hier wohl zu fühlen. Dazu die exklusive Lage in unmittelbarer Nähe des Hyde Parks. Man lebt nur wenige Schritte entfernt von der Royal Albert Hall. Sowohl Kensington Palace als auch Buckingham Palace sind bequem zu Fuß zu erreichen. Das alles zählt, dazu die fast dörflich intime Nachbarschaft, in der Welt der konservativen Engländer oder Londoner.

Ich habe mir für meine nächste Reise fest vorgenommen mir noch weitere Mews in Kensington anzusehen. Hat man einmal einen Zugang entdeckt, dann wird schnell klar, dass sich hier eine parallele Welt zu Touristen überlaufendenen Hauptstrasse auftut. Ganz ähnlich wie am Strand und in der Fleet Street, wo man durch schmalste Gassen in Hinterhöfe gelangt, die nicht anders aussehen, als zu Zeiten von Charles Dickens. Diese versteckten, historischen Orte sind ganz sicher ein lohnendes Ziel für Menschen, die wie ich gerne fotografieren. Aber man sollte sich schon bewußt sein, dass man dort ein Störenfried ist und eher ungern gesehen wird. Das Betreten dieser Märchenwelt, mit den kleinen hübschen Häusern, entlang der alten, ausgetretenen Kopfsteingassen, wo früher die Pferde untergebracht waren, ist nicht jedem erlaubt. An einem Sommertag, könnte man glauben in der Kulisse eines Jane Austen Films zu spazieren und würde mir jemand in der passenden Garderobe entgegenkommen, wäre ich überhaupt nicht überrascht. Aber diese Welt ist sehr klein, sehr privat und deshalb ist man unvermeidlich ein Eindringling. Wenn man sich gut vorbereitet, also den nötigen small talk beherrscht, dann kann mit ein wenig Glück auf eine nette Begegnung hoffen, so wie ich es erleben durfte.