Bloß nicht aufgeben. Ich weiß, wovon ich spreche, denn meinen Tiefpunkt erlebte vor wenigen Tagen. Da rollten mir ganz unerwartet Tränen übers Gesicht. Grund war natürlich die Pandemie, die nicht endende Wartezeit auf Normalität. Ganz plötzlich hatte ich die Hoffnung verloren jemals eine Impfung zu bekommen und die Gewissheit jemals wieder wie früher leben zu können. Und dann wache ich heute Morgen auf und spüre ein Glücksgefühl im Bauch wie schon lange nicht mehr. Ganz plötzlich ist der Optimismus zurück und damit auch der Mut es weiter zu versuchen. Weiter zu planen, auf die Zukunft zu bauen und die Gewissheit, dass auch diese sehr komische Zeit ein Ende haben wird. Und dann lese ich einen Artikel in der Zeitung, der mich irgendwie anrührt. Eine niedliche Geschichte über ein eher nicht niedliches Wesen. Aber dieses Urteil ist natürlich falsch und ich sollte es ändern. Der kurze Bericht betraf das Leben der Oktopusse. Diese achtarmigen Kraken können ihre Hautfarbe wechseln, ähnlich wie es Chamäleons machen. Und sie tun es oft, während sie schlafen. Wenn sie wach sind, nutzen sie den Farbwechsel, um sich zu tarnen oder um eine Botschaft an Artgenossen zu senden. Was bringt sie also während des Schlafs dazu? Die Antwort ist verblüffend. Die Tiere wechseln die Farbe, weil sie träumen! Wovon??? Wünschen wir ihnen stets süße Träume.

Meine Träume handeln natürlich von der Sehnsucht wieder reisen zu können oder ein Konzert zu besuchen. Freunde zu treffen und nicht länger e-hugs austauschen zu müssen. Etliche Male hatte ich schon Reisepläne gemacht, aber immer mussten die Buchungen storniert werden. Inzwischen werden schon gar keine Tickets mehr angeboten, man hat zu oft die Veranstaltungen verschieben müssen. Gerade hat Horse Guard alle Paraden im Mai/Juni abgesagt, obwohl sie im Freien stattfinden und gut organisiert waren. Aber ich kann es verstehen, denn das sind Zuschauermagneten, die die Straßenränder säumen, und das lässt sich nicht steuern. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass das ‚State Opening of Parliament‘ stattfinden soll. Sicherlich unter Auflagen und im House of Lords, wo die eigentliche Zeremonie stattfindet, sind nur geladene Gäste anwesend. Davon die allermeisten weit älter als 70 Jahre, also längst geimpft.

Das ‚State Opening‘ ist der Start in das neue parlamentarische Jahr. Es findet also eigentlich jährlich im Mai statt. Die Zeremonie wird von der Königin ausgeführt, sie verliest den Lords die Regierungserklärung des Premierministers. Die letzte Eröffnung war im Dezember 2019, ganz kurz vor Weihnachten. Damals fanden außerplanmäßige Neuwahlen statt, die Boris Johnson gewann und dann musste er natürlich ein Grundsatzprogramm erstellen und durch die Queen verlesen lassen. Im letzten Jahr fiel die Sache aus. Das hatte wohl zwei Gründe. Zum einen war man im Lockdown und hatte die Parlamentarier ins Home Office geschickt und zum anderen machte die ’normale‘ Politik Pause, weil sich alles nur um die Pandemie drehte.

 

 

Vom diesjährigen Opening, hatte ich erwartet, dass man eine abgespeckte Variante wählen wird, aber laut offizieller Planung sieht es nicht so aus. Die Queen wird den Buckingham Palast in einer Kutsche verlassen und damit zum House of Parliament fahren. Sicherlich mit einigen begleitenden Reitern. Ihre Ankunft ist minutiös geplant, man erwartet sie um 11:15 Uhr. Dann geht ein nicht öffentliches Ritual los, das Bezug auf historische Ereignisse nimmt. Zu lang, um es hier zu erzählen. Beteiligt sind der Black Rod, der zunächst einmal mit Nachdruck die Öffnung der Tür zum House of Commons einfordern wird. Anschließend folgen ihm die Parlamentarier in das House of Lords und dort trifft dann auch die Königin ein. Sie wird dann die Grundsatzrede halten. Am Nachmittag treffen sich Commons und Lords in ihren Häusern, danken noch einmal der Königin, die längst wieder im Buckingham Palast sein wird, und fangen dann an über das Programm zu diskutieren. Mit anderen Worten, kaum wurde es verkündet, schon zerreißt man es in der Luft.

Wenn Sie einmal in London sind, können sie ohne Probleme den Palace of Westminster von Innen besuchen. Man sollte aber rechtzeitig die Tickets buchen, sie sind begehrt. Es lohnt sich, denn man darf sowohl das House of Commons als auch das House of Lords betreten. Natürlich, nur wenn keine Sitzungen stattfinden, deshalb ist der Samstag ein guter Besuchstag. Es ist schon beeindruckend die bekannten Räume mit eigenen Augen zu sehen. Am Platz des Premierministers vorbeizugehen und dann den Thron der Königin fast berühren zu können. Mich überraschte, wie klein die Räume sind, aber natürlich beeindruckte mich auch die lange Geschichte, die in jedem Winkel verborgen ist. Da hängen Bilder an der Wand, die Sir Winston Churchill gemalt hat und diverse Messingschilder weisen nicht nur auf historische Persönlichkeiten hin, sondern auch auf so manchen sehr überraschenden Zusammenhang (klicken Sie mal auf Schild rechts, es lässt sich vergrößern). In der Stephen’s Hall stehen etliche Figuren, darunter auch ein lebensgroßes Abbild von Viscount Falkland. Schaut man genau hin, entdeckt man Kratzer am Sockel. Sie zeugen von der Suffragette Majory Hume, die sich aus Protest an das Denkmal gekettet hatte. Und am Eingang zum House of Commons kann man einen dunklen Holzkasten sehen, der heute kaum noch Beachtung findet. Dabei hat er wertvollen Inhalt, nämlich feinsten Schnupftabak. Jedem Parlamentarier steht es frei davon eine gute Prise zu nehmen. Fragen Sie nach der Sniffer Box, dann wird man sie ihnen zeigen. Aber als Besucher dürfen sie natürlich nicht hineinlangen, nur angucken.

Bleibt mir nur noch die Daumen zu drücken, dass dieser aufwendig inszenierte Termin tatsächlich wie geplant stattfinden kann. Sicherlich wird wieder der Prince of Wales an der Seite seiner Mutter sein und auch die Kutschfahrt mitmachen. Aber da könnte ich mir vorstellen, dass es doch noch geändert wird. Manchmal, wenn beispielsweise das Wetter gar nicht passt, dann steigt man ins Auto um und fährt ziemlich unbeachtet die kurze Strecke durch Westminster. Wir werden sehen.

 

Noch eine Überraschung. Letztes Jahr entdeckte man im Palace of Westminster eine geheime Tür bei Bauarbeiten. Dahinter ein Tunnel und unbekannte Räume. Zum Glück kein Skelett. Der Speaker of the House, Sir Lindsay Hoyle, war beeindruckt vom Fund. Immerhin ist auch seine Dienstwohnung dort untergebracht.