Hi, I’m back! Nein, ich war nicht auf Reisen, ich habe mir nur eine längere Pause gegönnt. Der Sommer war so schön und wollte nicht enden, da habe ich verlängert. In der Zeit habe ich viele Bücher über London gelesen, auch etliche englische Biografien und ich habe endlich einmal alle meine Fotos gesichtet. Einiges davon mußte erst einmal katalogisiert werden, die besten Bilder habe ich dann entwickelt (ja, das mache ich noch immer selbst, wenn auch in der digitalen Dunkelkammer!) und natürlich bekam ich dann auch schnell Lust auf neue Fototouren in London. Da bin ich schon fix am planen. Immer versuche Orte zu entdecken, die von den Touristen schlicht übersehen werden. Also Straßen und Plätze, die mir alleine gehören. Und das ist tatsächlich möglich, auch mitten im Zentrum der Stadt. Beispielsweise zwischen Buckingham und Westminster Palace. Ich war wie alle an diesem morgen über die Mall, die breite Prachtstraße, bis zum Buckingham Palace gelaufen und obwohl es noch früh war, traf ich auf viele Leute. Man sammelte sich so langsam, denn um Punkt elf sollte der Wachwechsel stattfinden, ein guter Grund für mich das Weite zu suchen. Und dazu wählte ich die Straße die am südlichen Rand des St James’s Park verläuft und den hübschen Namen ‚Birdcage Walk‘ trägt.

 

 

Auf dieser Strecke sind viel weniger Menschen unterwegs, denn alle wollen die Horse Guards sehen und glauben, dass das ausschließlich auf der Mall möglich ist. Weit gefehlt, denn die Soldaten, die Buckingham Palace (Queen), den Kensington Palace (William + Kate, Harry + Meghan …) und den St James’s Palace (Prince Charles + Camilla) bewachen, leben und arbeiten in den Wellington Barracks und die sind am Birdcage Walk zu finden. Also wenn man eine halbe Stunde vor Wachwechsel sich hier aufstellt, dann kann man die Männer auf ihren Pferden aus nächster Nähe sehen. Gut, manchmal ziehen die Truppen auch zur Horse Guard Parade, dann hilft nur ein kurzer Sprint durch Park weiter. Ich suche an diesem Morgen aber etwas ganz anderes, nämlich eine historische Treppe mit dem Namen ‚Cockpit Steps‘. Man kann sie schnell übersehen, denn der Durchgang dorthin ist wirklich nicht sehr breit und liegt ziemlich versteckt zwischen den eleganten Stadtvillen.

 

 

Die Cockpit Steps sind der letzte Rest einer einst ziemlich exklusiven Kampf- und Spiel-Arena, die schon in Tudor Zeiten zur Unterhaltung der Upper Class diente. Hier wurden Hahnenkämpfe ausgetragen und selbst der König wettete gerne ein paar Groats auf die eigene Zucht. Der Birdcage Walk (‚Weg am Vogelkäfig‘) hat seinen Namen von den königlichen Volieren, die hier standen, vermutlich auf dem heutigen Terrain des St James’s Parks. Das war zur Zeit von King Charles II; damals gab es schon die Strassenzüge, allerdings wurden die Häuser erst später gebaut. Übrigens durften nur ganz wenige Menschen den Birdcage Walk benutzen, nämlich nur die Royal Family und der Duke of St Albans. Diese Familie stellte über Generationen den Grand Falconer, also den Mann, der über die Vögel wachte. Heute darf jeder die Strasse betreten und wenn man um die Geschichte weiß, kann man sich wie ein König fühlen. What a fun.

Die Old Queen Street, in die die Cockpit Steps münden, ist eine kleine Strasse mit wunderschönen Häusern, die beispielhaft für die übersehenen Ecken Londons stehen kann. Ich bin keine hundert Meter vom Constitution Hill entfernt, wo gerade einige Tausend Touristen ihre Smartphones in die Luft recken, um ein paar Fotos vom Wachwechsel zu ergattern. Hier aber ist kein Mensch um diese Zeit und ich kann in aller Ruhe feinste Londoner Architektur studieren. Natürlich diskret, wer lässt sich schon gerne durch das Fenster fotografieren. Allerdings glaube ich nicht, dass hier viele Menschen ihre private Wohnung haben. Vermutlich sind hinter den farbigen Haustüren Büros, Kanzleien und ähnliches zu finden. Schilder kann ich nirgends sehen, aber das hat nix zu sagen. Der Engländer schätzt seine Privacy und gibt nur ungern seinen Namen oder auch nur die Hausnummer bekannt. Dann entdecke ich aber doch noch ein Firmenschild, es fällt mir wegen der orangen Farbe auf. Nanu, denke ich mir, das Logo kenne ich doch, oder? Tatsächlich – ich stehe vor dem ZDF Büro London. Nicht schlecht, die haben sich eine hochfeine Adresse ausgesucht, die GEZ macht’s möglich. Ich gönne es ihnen, schließlich können sie schlecht von Tottenham aus die Geschehnisse in Downing Street verfolgen.

Bevor ich die kleine Straße verlasse, schlage ich noch schnell in meiner mitgebrachten Lektüre nach, ob ich etwas Interessantes übersehen habe. Das Buch, das ich als gespeicherte Datei bei mir habe, denn sonst wäre es viel zu schwer, weiß zu jeder Straße in London etwas zu sagen, jedenfalls wenn es sich um einen alten, historischen Straßenzug handelt. Und das trifft in Westminster meistens und in der City immer zu. Die Cockpit Steps bergen ein sehr englisches Geheimnis, nämlich einen leibhaften Geist. Man munkelt von einer Frau, ohne Kopf (!), ganz in (blut-)roter Kleidung gehüllt. Erstmals wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts erwähnt. Natürlich fand die Begegnung am späten Abend statt, als die Kopflose die Cockpit Steps hoch eilte, um gleich danach über den Birdcage Walk im St James’s Park in der Dunkelheit zu verschwinden. Es gab gleich zwei Augenzeugen, nämlich zwei Soldaten der Coldstream Guards die auf dem Weg in ihre Kaserne waren. Beide Männer waren von der Begegnung mit der Frau so geschockt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Glauben Sie mir, die Soldaten der Queen erschreckt so leicht gar nix und deshalb sind sie für mich ziemlich glaubwürdige Augenzeugen. Danach wurde die geisterhafte Dame immer mal wieder in den Abendstunden gesehen, stets ohne Kopf, aber immer auf dem Weg über die Treppen in Richtung des Parks. Die letzte dokumentierte Begegnung fand in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts statt. Ein Motorradfahrer war frontal gegen eine der Strassenlampen gefahren. Sie ahnen den Grund, auch er berichtet von einer kopflosen Frau, die ihm fast in die Maschine gelaufen sei. Also planen Sie ihren Besuch, falls sie es mir nachmachen wollen, sorgfältig. Vielleicht machen sie es wie ich und wählen die Morgenstunden, da scheinen die Geister müde zu sein.

Ich gehe einfach nach meinem inneren Kompass weiter, biege ein- oder zweimal um die Ecke und schon verlasse ich die kleinen, engen Strassen und stehe dort, wo alle Touristen sich ganztägig sammeln. Rechts die Old Sanctuary (u.a. Büro des Archbishop of Canterbury) und vor mir der Turm der gewaltigen Westminster Abbey. Na gut, tief Luft holen, Kamera eng an den Körper pressen und dann mitten durch das Gewühl.

 

Westminster Abbey – Victoria Tower (Westminster Palace) – Old Sanctuary