Karte von Muirfield, nahe Edingburgh
Muirfield im Norden, nahe Edingburgh, Schottland.

Die ‚Honourable Company of Edingburgh Golfers‘ trifft sich bei Wind und Wetter in Muirfield zum Einlochen. Jedenfalls wenn sie es sich leisten können, denn der dortige Golf Club gehört zu den vornehmsten Societies im ganzen Land. Für £250 (ca. 280 Euro) kann man eine Runde spielen. Mit anderen Worten pro Loch 15 Euro! Das nenne ich eine Rendite. Gut, die Lage ist einmalig schön. Der Abstand zur Nordsee gerade weit genug, dass man den Ball dort nicht versehentlich versenken kann. Der Rasen natürlich bilderbuchmäßig gepflegt. Das Clubhaus edel und im Restaurant wird Erlesenes serviert. Natürlich nur für Leute, die den dress-code einhalten. Der ist etwas kompliziert, denn er fällt je nach Ort und Tageszeit unterschiedlich aus. Beispielsweise verlangt man Jacket und Krawatte im Smoke- und Dining Room, allerdings erst ab 10 Uhr vormittags. Ganz wichtig, und deshalb fett im Flyer gedruckt, ist die korrekte Wahl der Socken. Sie dürfen entweder weiß oder schwarz sein und müssen die ‚full length‘ haben. Das wäre für uns schwierig, George liebt es bunt an den Füßen. Ob man eine schwarze und eine weiße Socke tragen darf?

Wer Mitglied werden will, muß Geduld haben. Die Warteliste ist lang. Stolz verkündet man: “Some candidates have even had to wait up to 12 years. By our standards this is quite quick.” Damit ist die Sache für uns uninteressant, wir sind zu alt. Und das Loch in der Haushaltskasse wäre dann doch etwas zu groß.

Andere müssen sich darum nicht kümmern. Nächsten Monat sollen gleich zwölf neue Spieler aufgenommen werden. Dazu auch noch Frauen. Das ist ziemlich revolutionär und, wie man munkelt, eigentlich unerhört. Denn die HCEG, also das oben genannte ‚Ehrenwerte Unternehmen …‘ hat sich 275 Jahre lang erfolgreich gegen die Damenwelt gewehrt. Das ist vermutlich auch Rekord und typisch für England. Man ist stolz auf das Alter der Demokratie, macht aber an allen Ecken und Enden Ausnahmen. Von Gleichheit oder wenigstens gleichen Chancen keine Spur. Eine private Schule, wie die St Paul’s School in London, verlangt von den Internatsschülern (7-18 Jahre alt) runde 42.500 Euro Schulgeld pro Jahr. Aktuell gerechnet, wo das Pfund gerade im Keller ist. Landesweit wird 580.955 Schülern dieser Service von den Eltern bezahlt. Früher lag die Zahl noch höher, man spart inzwischen also auch in der elite class. Aber bitte kein Neid. Für einen 7-jährigen ist es zumindest emotional kein Luxus, wenn er mutterseelenallein in London leben muß.

Der durchschnittliche Engländer ist viel klassenbewußter als wir es kennen. Die erste Information, die er von jedem Fremden haben will, ist dessen korrekte soziale Zugehörigkeit. Die Engländer sind sehr gewieft in der Einschätzung. Sie erkennen es sofort am Gebrauch der Sprache. Die Upper Class nutzt eher die einfachen Begriffe, die Arbeiterklasse bemüht sich um Vornehmheit. Bei uns Touristen fällt die Taxierung schwer. Oft verschätzt man sich, denn auffälliges Suchen nach den richtigen Worten oder gar Stottern, gilt als ungeheuer aristokratisch. Falls Sie sich freundlicherweise selbst outen wollen, müssen Sie sich erst einmal richtig einsortieren. Der Engländer kennt mindestens neun verschiedene Klassen. Ich würde mich beispielsweise in die lower-upper-middle class gesellen; George bezweifelt es, verzichtet aber auf Abwertung. Alles klar? Na, dann können wir ja eine Runde golfen gehen.


Kleine Nachhilfe zur Orientierung. Die moderne englische Gesellschaft unterscheidet inzwischen offiziell ’nur‘ noch sieben social classes. Von oben nach unten: elite, established middle class, technical middle class, new affluent workers, traditional working class, emergent service workers, precariat. Im täglichen Umgang wird aber von upper-, middle- und lower class gesprochen, die dann jeweils in drei Abstufungen fein getuned werden.

 

Upper Class in Ascot beim Pferderennen. Zu Zeiten Queen Victorias? No, im Juni 2019. Vor der Hitzewelle.