Mitten in London sind die Ordensritter zuhause. Gleich an der Themse, zwischen Fleet Street und Embankment steht die Temple Church. Sie wurde im 12. Jahrhundert von den Rittern des Templerordens erbaut. Viele glauben, das hätte sich Dan Brown in seinem spannenden, sakralen Thrillern ausgedacht, aber ich kann versichern, dass es diese Kirche wirklich gibt. Eigentlich wird auch kein großes Geheimnis darum gemacht, schließlich heißt die nächst gelegene U-Bahn Station ‚Temple‘ und doch brauchte ich drei Anläufe, und damit meine ich Londonaufenthalte, bevor es mir gelang das Gebäude zu finden. Nun war ich endlich dort und sogar im Inneren und davon will ich berichten. 

Die erste und vielleicht höchste Hürde, die man nehmen muß, ist das Finden des Weges, der einen zur Temple Church führt. Sie ist auf jedem Stadtplan eingezeichnet, aber leider wird dort nicht markiert, dass die meistens Strassen dorthin für Autos und Fußgänger mit Toren verschlossen sind. Mir sind nur zwei Wege bekannt, die beide nicht gut ausgeschildert sind. Gegebenenfalls braucht man einen ortskundigen Guide (sprechen Sie mich gerne an, für eine Einladung zum Pint of Beer nehme ich Sie mit). Versuchen Sie es nicht am Wochenende, denn dann ist das ganze Areal so gut wie ausgestorben. Die Temple Church befindet sich nämlich mitten in den Anwaltsschulen von London. Es sind die sogenannten Inns, die allesamt privater Boden sind und deshalb nur begrenzt öffentlich zugänglich. Normalerweise (tagsüber während der Woche) kann man von der Fleet Street in den Temple Bezirk eintauchen. Gleich gegenüber des Temple Bar Monuments führt der Weg in Richtung Themse. 

 

Ein Drache mit nackten Hintern wacht über den Templer Bezirk. Hier muß man durch eine schmale Gasse gehen und dann steht man plötzlich vor der Kirche.

 

Die alte Templer Kirche ist ein kleiner Rundbau mit einer hellen, beigen Fassade. Sie wurde am 10. Feb. 1185 geweiht, war allerdings schon damals ein Ausweich Quartier für den Londoner Ritterorden, der die ursprüngliche Bleibe in Holborn an die Rechtsanwälte abgeben mußte. Immerhin entstand London kurz nach Christi Geburt, konnte also zur Zeit der Templer bereits auf eine tausendjährige Geschichte blicken. Das muß man sich immer wieder vor Augen führen und deshalb wiederhole ich es gerne von Zeit zu Zeit. Es können nicht sehr viele Templer gewesen sein, die sich hier regelmäßig trafen. Es gibt nur eine Bank, die Platz bietet und sie führt einmal rund um den ganzen Raum. In der Mitte steht ein altes Taufbecken. Man hielt hier Gottesdienst und wickelte auch sehr weltliche Geschäfte ab. Die Templer hatten einen Sitz im Parlament und spielten eine maßgebliche Rolle bei der Ausarbeitung der Magna Carta (Quelle der englischen Verfassung). Die Verhandlungen wurden in dieser Kirche geführt. Aber man empfing auch Reisende, die dort ihr Geld deponierten und dafür eine Quittung erhielten, die vom Orden weltweit eingelöst wurde. Also eine frühe Erfindung des Reisechecks, denn schon damals war es riskant sich mit viel Bargeld auf den Weg zu machen.

 

Das Dach der Rundkirche ist aus schlichten Holz. Es sieht überraschend gut erhalten aus. Später erfuhr ich, dass der Temple im Mai 1940 durch eine deutsche Bombe schwer zerstört worden ist. Sie fiel genau durch dieses Dach in das Innere. Die Engländer haben zum Glück alles wieder orginal getreu aufgebaut.

 

Heute sieht man in der Mitte des Kirchenraumes die Steinfiguren von zehn Rittern liegen. Lange dachte man es wären Begräbnisstätten, aber inzwischen ist man sich sicher, dass dort keine Knochen vergraben sind. Trotzdem handelt es sich um zehn Templer, die hier tatsächlich gelebt und gewirkt haben. Sie sind namentlich bekannt. Es fällt auf, dass einige von ihnen mit geraden Beinen liegen, bei anderen aber ein Bein das andere überkreuzt. Es ist ein Zeichen dafür, dass diese bereits an einem Kreuzzug in das Heilige Land teilgenommen hatten.

 

 

Um einen wirklich guten Blick auf die Steinfiguren zu haben, bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die Galerie zu klettern. Eine verdammt schmale Steintreppe führt mich in einer nicht endenden, engen Spirale ganz nach oben. Links und rechts massive Mauern, ich fange auf halber Strecke an Platzangst zu bekommen. Und dann passiert es, ich höre wie sich jemand von oben nähert. Das wäre jetzt ein guter Augenblick, um sich bemerkbar zu machen, aber mir versagt vor lauter Angst die Stimme. Dann stehen wir voreinander und ich entspanne mich augenblicklich, denn ich habe Glück. Ein freundlicher, agiler Mann muß irgendwie ‚überwunden‘ werden und auf die Übung lasse ich mich gerne ein. Wir kommen unfallfrei aneinander vorbei.

 

Es hilft nix. Wenn ich bis unter das Dach will, dann muß ich durch die schmale Tür.

 

Schon im Jahre 1240 wurde die Templer Kirche erheblich erweitert. Man baute eine ’new chancel‘ an, in der der Chor und die Orgel noch heute ihren Platz finden. In diesem Teil der Kirche wird regelmäßig Gottesdienst gehalten. Allerdings nicht mehr von den Templern, sondern von der anglikanischen Kirche, das sind die englischen Protestanten. Die Orgel konnte den Brand, den der Bombenangriff auslöste, unbeschadet überstehen. Sie war damals vorsorglich ausgelagert worden und steht heute wieder am alten Platz. 

 

Der später angebaute, viel größere, Kirchenraum. Ich stand im alten Rundbau, als ich das Foto aufnahm. Beides geht nahtlos ineinander über.

 

Mich zieht es schnell wieder in den alten Teil zurück. Hier spielte die Szene des ‚Da Vinci Code‘, die das letzte Rätsel präsentierte, das Robert Landon und Sophie Neveau lösen mußten. Es ging um die hier liegenden Ritter und um die aussergewöhnliche Form des Grundrisses. Man spekuliert im Buch, dass der Rundbau der Sonne gewidmet sei, ja man glaubte ein zweites Stonehenge in Zentral London gefunden zu haben. Nun, da hat der Autor seiner Phantasie freien Lauf gelassen, tatsächlich aber soll es nur drei Kirchen auf der ganzen britischen Insel geben, die eine runde Form haben. Alle sind uralt, eine davon steht in Cambridge.

 

Hinten an der Wand sieht man die Bank, die sich rund um die Aussenwand zieht. Dort saßen die Templer, wenn sie sich versammelten.

 

Der Besuch der Kirche ist nicht kostenfrei, aber für mich gehört er zu den ganz besonderen Erlebnissen in London. Meine vielen Anläufe, die ich brauchte um hierher zu finden, haben sich gelohnt. Und wie mir schien, ergeht es anderen Touristen ähnlich, denn ich war hier fast alleine. – Als die Templer ihren ’schwarzen Freitag‘ erlebten, -es war der 13. Okt. 1307-, da wurden auch die Ritter in London verhaftet. Viele wurden in den Tower gesperrt, wer konnte floh nach Schottland. Da der Befehl zur Vernichtung des Ordens vom französischen König kam, fühlte man sich in England nicht  übermäßig verpflichtet ihm nachzukommen. Aber trotzdem war auch hier das Ende des Ordens eingeläutet. Die Ritter, soweit sie überlebten, kehrten nie wieder in ihre Kirche am Themseufer zurück. Dort zogen die Dominikaner Mönche ein, die sich in schwarzen Kutten kleideten. Nach ihnen wurde die Brücke benannt, die direkt auf die Temple Church zuläuft. Es ist die Blackfriars Bridge.

Ich wähle einen anderen Weg, um das Gelände zu verlassen. Ich folge einfach den engen Gassen und auf einmal stehe ich wieder auf einer ganz normalen befahrenen Londoner Strasse. Ich blicke mich noch einmal um und kann schon jetzt nicht mehr erkennen, wo ich gerade gewesen bin. So gesehen ist die Temple Church noch heute ein ziemlich sakrales Geheimnis und es ist gut, dass Dan Brown durch seinen Bestseller weltweit daran erinnert hat.