Der Valentinstag ist ins Wasser gefallen. Die Blumenhändler haben geschlossen und der online Glückwunsch-Kartenverkauf kam nicht gut in die Gänge. Irgendwie fehlte die romantische Stimmung, die den Tag ausmacht. Nun ja, wir sind mitten in einer Pandemie mit strikten Kontaktbeschränkungen für jedermann und jede Frau. Da fällt es schwer die Liebe zu zelebrieren. Immerhin erspart es einige zusätzlich Noteinsätze im Krankenhaus, denn der versteckte Verlobungsring im Sektglas oder gar im Dessert, wird von der Dame nicht selten zu spät entdeckt. Vertagen wir also Valentin ins nächste Jahr, wo wir aus der Feierlaune, nach der langen Zwangspause, gar nicht mehr herauskommen werden. Nun steht aber ein Jubiläum an, das keinen Aufschub braucht. Larry the Chiefmouser kann auf stolze zehn Dienstjahre zurückblicken. Es passierte am 15. Februar 2011, als man ihn vom Tierheim im Stadtteil Battersea abholte und in die Downing Street kutschierte. Dort wurde er sehnlichst erwartet, denn die Mäuseplage war gerade mal wieder besonders schlimm.

 

Ankunft in der Downing Street am 15. Feb. 2011. Nicht ängstlich, aber neugierig, schaut sich Larry die neue Umgebung an. Im Tierheim, südlich der Themse gelegen, hat man ihm längst ein ‚blaue Plakette‘ gewidmet. Meisten weisen die auf prominente Menschen hin, aber die Regeln sind in diesem Punkt vage formuliert.

 

Ja, der charmante Kater ist Staatsbediensteter. Er hat Aufgaben (z.B. die Regierungszentrale frei von Nagern zu halten) und er hat Rechte (z.B. Futter auf Staatskosten). Gehören tut er niemandem, aber das scheint ihn nicht zu stören. Statt sich die Streicheleinheiten von den Besitzern zu holen, kann er unter vielen auswählen. Die Mitarbeiter in No 10 kraulen ihm gerne den Hals, die Sicherheitsbeamten öffnen ihm die Haustür, wann immer er will, und selbst Staatsgäste nehmen sich die Zeit, ihm ein Lächeln zu schenken. Bei der Presse ist er längst die Hauptperson. Meistens müssen die Reporter warten, bis ein angekündigter Auftritt erfolgt, und die Zeit nutzt Larry für seine Zwecke. Er hat dann nicht nur die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden, sondern kann auch noch fest darauf bauen am nächsten Tag in allen Zeitungen präsent zu sein. In heutigen Zeiten ein beneidenswertes Privileg.

 

Die Polizei, dein Freund und Helfer. Larry geniesst die rund um die Uhr Betreuung. Ausserdem wärmt er sich gerne auf der noch warmen Haube des gerade geparkten PM-Dienstwagens auf. Privilegien, von denen andere nur träumen können.

 

Mancher dachte Larry’s Tage wären gezählt, als sich Boris Johnson und seine Verlobte einen Hund aus dem Tierheim holten. Larry ist nicht sehr erfolgreich im Mäuse fangen, -entweder zu ungeschickt oder einfach zu faul-, aber er ist ungeheuer beliebt bei den Menschen. Und das wissen die Premierminister. Bisher hat es keiner gewagt den kleinen Kerl an die Luft zu setzen. Das könnte Wählerstimmen kosten. Larry’s Bilanz lässt sich sehen: 3 Premierminister und 4 Schatzkanzler hat er bisher erlebt. Vermutlich ist er einer der dienstältesten Mitarbeiter im Haus. Falls er sich abends mit Hund Dilyn trifft und dabei ein bisschen aus seinem Downing Street Leben erzählt, wird er bestimmt diese Ereignisse erwähnen: Die Unruhen in England, die in London ausbrachen und bald schon andere Städte ansteckten (2011), die Olympischen Sommerspiele (2012), die Ankündigung einer Volksabstimmung über den Verbleib in der EU (2013), das schottische Referendum zur eigenen Unabhängigkeit (2014), die Unterhauswahl mit einer ganz neuen, sehr erfolgreichen Partei namens UKIP (2015) und schließlich das EU-Referendum im Juni 2016 mit völlig unerwartetem Ausgang. Danach waren die Jahre nur noch mit dem Thema Brexit beladen, bis die Trostlosigkeit nahtlos in die Corona-Pandemie einmündete. 

 

Dilyn stammt auch aus dem Tierheim. Er kam am 2. Sep. 2019 in der Downing Street an. Dylin hat ‚richtige‘ Besitzer, nämlich Boris Johnson und seine Verlobte Carrie Symonds. Sein tierische Kumpel dürfte aber wohl Larry sein. Der kennt inzwischen jeden Winkel in dem überraschend großen Haus.

 

Eigentlich sind zehn Jahre überschaubar, aber wenn man es genauer betrachtet, dann stellt man fest, dass sich innerhalb dieser Zeitspanne die ganze Welt ändern kann. Jedenfalls empfinde ich es so, denn für mich ist England nicht mehr das, was es einmal war. Ein letztes Stück Hoffnung habe ich mir bewahrt. Vielleicht wird es besser, wenn wir uns wieder besuchen dürfen. Immerhin stelle ich eine deutliche Änderung in den Tageszeitungen fest. Sie fangen zaghaft an wieder positive Themen in den Vordergrund zu stellen. Kleine, persönliche Geschichten werden wichtiger als das politische Tagesgeschehen. An dem kann man ohnehin nix ändern, aber man kann den Leuten helfen, gute Laune zu haben, indem man über nette Dinge schreibt. Das ist jedenfalls meine Grundidee für meine Blogs. Und tatsächlich macht das den Unterschied. Die Engländer, die ich kennenlernte, waren stets voller Optimismus und voller positiver Energie. Hoffentlich gelingt ihnen das bald wieder, trotz aller Widrigkeiten.