Gestern Abend wurde es laut in Westminster. Die große Glocke im Turm der Abbey, die über 1,5 t wiegt, wurde in Schwingung gebracht. Ein lauter ‚Bong‘ ertönte, gefolgt von 99 weiteren. Alle 60 Sekunden hörte man den Klang vom Buckingham Palace bis zum Tower. Es war der Abschiedsgruß der Kirche an den Duke of Edingburgh. Man folgte der Tradition: ‚A royal is going out with a bang‘. Heute Mittag folgt die Fortsetzung. Ab Punkt 12 Uhr donnern die Kanonen. Ein 41-gun-salut wird über 40 Minuten lang vor dem Tower über die Themse donnern. Auch das ein letzter Gruß an den verstorbenen Prince Philip. Der ‚Death Gun Salute‘ findet sein Echo weltweit. Man wird an vielen Orten des Vereinigten Königreiches die Kanonen abfeuern, auch in Gibraltar und auf allen Marine Schiffen, die sich gerade auf See befinden. 

 

Piccadilly Circus. Mittags erfahren die Londoner vom Tod Prince Philips, Duke of Edinburgh.

 

Der Tod kam sicher nicht überraschend. In genau zwei Monaten wäre Prince Philip 100 Jahre alt geworden. Seine Meinung darüber hatte er anlässlich seines 90. Geburtstages kundgetan: „I can’t imagine anything worse than living to 100.“ Und damit hatte er wohl recht. In den letzten Jahren sind fast alle seine Freunde und Vertrauten verstorben, die ihn über lange Zeit begleiteten. Das ist eine der wirklich schlechten Erfahrungen, die man im Alter erlebt. Sein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt im März kündigte an, was unvermeidlich ist. Bei seiner Rückkehr nach Windsor waren viele erschrocken, wie hager er geworden war. Und doch erfüllte sich sein letzter Wunsch, nämlich im eigenen Bett sterben zu können. In der Nacht zum Freitag verschlechterte sich sein Zustand dramatisch, aber seine Frau traf die mutige Entscheidung für ihn; man brachte ihn nicht ins Krankenhaus. Das war ganz im Sinne ihres Mannes. Mehr werden wir über die letzten Stunden nicht erfahren und es geht uns auch nichts an. Man kann aber sicher sein, dass die Queen an seiner Seite war. Wenig später traf ihr Sohn Charles ein, um der Mutter Trost zu spenden. Ihn hatte die Nachricht in Schottland erreicht.

Wir erfuhren vom Tod des Dukes um die Mittagszeit. Sofort stoppte die BBC alle laufenden Programme. Die Radiosender wurden zusammengeschaltet und im TV geschah dasselbe. Die Moderatoren wurden von speziell vorbereiteten Kollegen ersetzt und jegliche Musik wurde verbannt. Bis Sendeschluss berichtete man nur noch über den Duke of Edingburgh und sein langes Leben. Natürlich war man vorbereitet, schon seit Jahrzehnten. Die Pläne für solche Ereignisse liegen in den Schubladen bereit. Gleich neben der schwarzen Krawatte. Und doch kommt nun alles ganz anders als geplant. Statt Staatsbegräbnis wird es nur eine Beisetzung im kleinsten Kreis geben. Keine Gäste aus dem weltumspannenden Commonwealth, keine Staatspräsidenten, kein Treffen des europäischen Hochadels. Corona diktiert die Regeln und verbietet fast alles, was eigentlich vorgesehen war. Aber auch das ist wohl im Sinne des Verstorbenen, der große Aufmerksamkeit um die eigene Person stets verabscheute. Sein bevorstehender Geburtstag lag ihm deshalb schon lange schwer auf dem Magen. Nun hat er es auf seine Weise gemacht und wir sollen es ihm gönnen.

Das offizielle Protokoll hätte eine dreitägige Aufbahrung des Toten in der Westminster Abbey vorgesehen. Vermutlich hätten sich dort hunderttausende Londoner in das Kondolenzbuch eingetragen und dann hätten sie natürlich an den Straßen gestanden, um am Trauerzug von Westminster nach Windsor teilzunehmen. Alles das fällt aus. Die strikten Abstandsregeln verbieten es. Stattdessen wurde eine achttägige Trauerzeit angeordnet. Alle Flaggen werde auf halbmast wehen*), die TV Moderatoren werden schwarze Kleidung tragen und im Parlament werden keine Gesetze verabschiedet. Dafür eine Sondersitzung am nächsten Montag in der dem Toten gedacht wird. Auch die königliche Familie wird innehalten. Alle Termine wurden abgesagt. Die Kirchen wurden gebeten, keine Kondolenzbücher auszulegen. Wer einen Gruß schreiben will, soll die Webseite der Royal Family nutzen, dort kann man sich eintragen. Die Bestattung wird wohl am nächsten Samstag stattfinden und am morgen danach endet dann die offizielle Trauerzeit. 

*) Alle Flaggen? Nein, der Buckingham Palace wird wohl die einzige Ausnahme bilden. Der ‚royal standard‘ wird niemals gesenkt, selbst dann nicht, wenn die Königin stirbt. Er ist das Symbol der steten Kontinuität der Monarchie. Wenn diese Fahne auf halbmast sinkt, dann ist das Königreich Geschichte. 

 

Ein kleines Mädchen gehört zu den ersten Besuchern am Buckingham Palace. Sie hat Blumen mitgebracht und auch eine selbstgemachte Karte dabei.

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir Königin Elizabeth im Fernsehen sehen werden. Es gehört zu ihren Pflichten sich zu royalen Groß-Ereignissen zu äußern, selbst wenn es den Tod des eigenen Ehemannes betrifft. Keine einfache Aufgabe, aber sie wird sie meistern. Sie scheint sich schon seit einige Wochen innerlich vorbereitet zu haben. Wahrscheinlich war der Krankenhausaufenthalt ihres Mannes eine letzte Bestätigung des unvermeidlichen Endes. Damals hat sie nämlich ihre langjährige Meinung geändert, keine Hunde mehr halten zu wollen. Nachdem der letzte von vielen selbst gezüchteten Corgis verstorben war, wollte sie keinen neuen Welpen. Sie fühlte sich zu alt, um ihn ein Hundeleben lang versorgen zu können. Ich teile ihre Ansicht, man sollte ein Haustier nicht auf begrenzte Zeit aufnehmen und dann wieder fortgeben. Nun hat sie sich aber doch zwei neue Hunde angeschafft und sicherlich dafür gesorgt, dass die beiden ihr ganzes Leben lang liebevoll versorgt werden. Der Dorgi, eine Mischung aus Corgi und Dachshund, wurde Fergus getauft und der Corgi heißt Muick. Fergus war der Name eines Onkels der Queen und mit Muick ist sicherlich Loch Muick in Schottland gemeint. Die beiden Fluffies sind genau zur rechten Zeit gekommen, sie werden auf ihre Weise trösten. 

 

Gallery ’41-gun-salute‘ on 10th of April 2021

Kanonendonner ist in London nichts Ungewöhnliches. Man hört es anlässlich königlicher Geburten oder auch Geburtstagen. Die Anzahl der Schüsse ist abhängig von der Bedeutung des Anlasses. Ein ‚Death Gun Salute‘ kommt nicht oft vor. Queen Victoria und Sir Winston Churchill wurde diese Ehre zuteil. Für Prince Philip nahm man sich besonders viel Zeit. Pro Minute wurde ein Kanonenschuss abgefeuert. Man brauchte also 41 Minuten für die Zeremonie. Alles streng militärisch überwacht und natürlich nicht mit scharfer Munition. Zwei kleine Fehler schlichen sich trotzdem ein. Ein Marinesoldat brauchte etliche Versuche um die Hülse zu öffnen, in der das Schießpulver eingeschlossen ist. Der arme Mann schwitzte Blut und Wasser. Der Befehl war erteilt und er kriegt das Ding einfach nicht auf. Die Uhr tickte gnadenlos runter. Dann endlich, beim vierten Versuch, flog der verdammte Deckel ab, die Hülse wurde blitzschnell geladen und Bumm. Mit einer kleinen Verspätung ging der Schuss los. Am Tower passierte das Gegenteil. Der Offizier holte gerade tief Luft, um sein ‚Fire‘ zu brüllen, da knallte es auch schon. Da hatte jemand zu früh den Auslöser betätigt. Na, das wird man wohl in der Nachbesprechung noch einmal erwähnen. Aber eigentlich hat es niemand bemerkt. Dafür ist das Gesamtbild viel zu beeindruckend. 

 

Eine spannende Frage bleibt: Kommt Prince Harry? Er will es wohl auf jeden Fall versuchen, aber ob er willkommen ist, ist fraglich. Seine Frau hat schon abgewunken, weil sie bald ein Baby erwartet. Komisch, bei der ersten Geburt konnte sie hochschwanger von London zur Party nach New York fliegen. Und zurück. Aber ist wohl besser, wenn sie sich fernhält. Für Harry gilt, was für alle gültig ist. Zehntägige Quarantäne nach Einreise. Allerdings gibt es eine Sonderregelung im Falle einer Beerdigung. Darauf könnte er sich berufen. Ich fürchte aber, dass weitere Hürden im Weg stehen. Das kann spannend werden, man sollte es aber bestenfalls als Randepisode behandeln. Im Mittelpunkt steht sein Großvater, der Duke.

Inzwischen sind die Beileidsbekundungen aus aller Welt eingetroffen. Die britischen Zeitungen zeigen ausnahmslos ganzseitige Fotos von HRH Prince Philip auf der Titelseite. Die Sun fügt hinzu: ‚We’re all weeping with you Ma’am‘. In Deutschland titelt die Rheinische Post ihren Nachruf mit: ‚Disziplin und Aufbegehren‘. Das wundert nicht, dass der Brite emotional reagiert und wir uns lieber in die Analyse stürzen. Philip war schließlich nicht unser Prinz, aber deutscher als viele denken. Vielleicht hat es seine Enkelin Princess Eugenie am elegantesten ausgedrückt. Sie brachte es auf den Punkt, als sie ihre Meinung über die Großeltern einem Reporter anlässlich des Thronjubiläums verriet: „Together they are invincible“.