Gerade hat der Frühling begonnen und deshalb ist ein Besuch im Hyde Park eigentlich zu früh. Bekanntlich schlagen die Bäume erst im Mai richtig aus, aber das Wetter ist herrlich, strahlender Sonnenschein. Am Hoteleingang steht Jack, wie immer gekleidet in Livree und Zylinder. Er ist der Doorman und längst mein Freund. Er paßt ein bißchen auf mich auf, denn er weiß, dass ich mir auch gerne mal ungewöhnliche Orte in London ansehe. Da ist es gut vorher seine Meinung einzuholen, bevor ich mich ungeplant auf ‚gefährliches‘ Terrain begebe. Auf seine Frage, wo ich hin will, erkläre ich etwas unsicher: „Ich will in den Hyde Park, dass mag langweilig sein, aber das Wetter ist so schön und ich war noch nie dort.“ Er hört mir aufmerksam zu und antwortet mit vier knappen Worten: ‚That’s a plan.“ Damit darf ich losziehen und weiß, dass er meine Entscheidung ziemlich gut findet. Also sind meine Erwartungen hoch.

 

Zum Hyde Park gehören auch die Kensington Gardens. In dem Haus, Kensington Palace, leben Prince William und Kate mit Kindern und Hund Lupo. Im Gartenhaus haben sich Prince Harry und Meghan einquartiert.

 

Ich könnte zu Fuß gehen, aber die Energie spare ich mir lieber für den Park auf und wähle deshalb öffentliche Verkehrsmittel. Es gibt gleich mehrere Underground Stations rund um den Hyde Park. Ich entscheide mich aber für den Bus, der zwar länger braucht, dafür aber gleich eine Sightseeing Tour zum Schnäppchenpreis bietet. Die Linie 23 führt mich erst einmal zum Trafalgar Square, dann über die Regent Street zum Piccadilly Circus und weiter durch St James’s bis zum Marble Arch. Damit bin ich an der nordöstlichen Ecke vom Hyde Park angekommen. Meine Tour kann beginnen. Und mein erster Eindruck stellt sich sehr schnell ein: Mein Gott ist der groß! In keiner Richtung kann ich ein Ende des Areals ausmachen, dieser Park scheint unendlich weit zu sein. Hyde Park und die sich nahtlos anschließenden Kensington Gardens sind zusammen 2,5 km2 groß und nehmen damit mehr Fläche ein, als das ganze Fürstentum Monaco. Der Hamburger Stadtpark hat 148ha, der Ohlsdorfer Friedhof 389ha und der Hyde Park 250ha. Da sprechen die Londoner zu Recht von ‚der grünen Lunge‘ ihrer Stadt.

Hoch in den Bäumen machen die eingewanderten Parakeets einen Höllenlärm. Die Sittiche sitzen zu Dutzenden nebeneinander und sind nicht schüchtern.

Ich treffe auf vergnügte Londoner, die wie ich das schöne Wetter genießen. Viele sind mit ihrem Hund unterwegs, andere kommen mir auf dem Pferd entgegengeritten. Tiere sind hier willkommen, man hat bei den wenigen schnurgeraden Wegen, die einmal  quer durch den Park führen, eine Dreiteilung vorgenommen: Fußgänger und Radfahrer haben etwa gleichviel Platz und daneben ist eine mehr als doppelt so breite Sandpiste für die Reiter. Das scheint also nicht ungewöhnlich zu sein, allerdings frage ich mich wo die edlen Tiere tagsüber untergebracht sind? Die Grundstücke rund um den Park dürften unbezahlbar sein und doch sind da vermutlich auch so manche Pferdeställe zu finden. Es sind übrigens kaum Einzelhäuser, keine Stadtvillen, sondern eine mehrgeschossige, geschlossen Bauweise, wie der Engländer es mag. Alles ist sehr edel, alt und mit viel Geld fachmännisch erhalten. Nirgends entdecke ich auch nur eine Spur von Protz. Da stehen keine Luxusautos vor der Tür, niemand scheint das Bedürfnis zu haben, seinen finanziellen Reichtum zur Schau zu stellen. Mir fällt das Wort ‚gediegen‘ ein.

Der Hyde Park eignet sich wie alle großen Grünanlagen hervorragend, um endlich einmal mit einem Londoner Kontakt aufzunehmen. Hier gilt zwar auch die Regel niemals einen Fremden anzusprechen, aber eine Ausnahme ist erlaubt. Und das sind die Hunde. Mit einem: „What a lovely dog! Oh, he’s a good boy, isn’t he?“ ist das Eis gebrochen. Und so komme auch ich an diesem Morgen zu dem Vergnügen ein langes, interessantes Gespräch mit Jacky und seiner Besitzerin zu führen. 

Der erste Teil meiner Tour führte mich durch eine eher natürlich belassene Vegetation. Zwar wird überall geharkt, beschnitten und die Wege peinlichst genau sauber gehalten, aber das Areal nahe dem Marble Arch ist ein Paradies für Tiere und Naturfreunde. Hier könnte ich den ganzen Sommer fotografieren. Dann aber, komme ich langsam zu den Kensington Gardens und dort ändert sich die Landschaft total. Die Grenze zwischen den beiden Parkteilen ist leicht zu erkennen, sie wird von einem ebenfalls überraschend großen See gebildet. Zur Recht heißt er ‚The Long Water‘ und hinter einer Brücke, die von Autos befahren wird, geht das Gewässer in die ‚Serpentine‘ über. Womit soll ich alleine diesen Teil vergleichen? Es ist eine Art megagroße Aussenalster. Am Teich angekommen, tauche ich in eine Kulturlandschaft ein. Überall entdecke ich Pavillons, große Figuren, mal lustige, mal sehr moderne Skulpturen. Dazwischen endlose Rasenflächen, makellos geschnitten, aber frei benutzbar für Mensch und Hund. Hier dürfen sich die Vierbeiner austoben und im Sommer lagern sich die Londoner auf ihre mitgebrachten Picknickdecken. Für Touristen stehen Deckchairs zur Miete bereit. Eine Stunde Liegestuhl für ein Pfund.

 

‚The Long Water‘ und ‚The Serpentine‘ bilden ein zusammenhängedes Gewässer. Es gibt eine Badeanstalt, man kann Tretboote mieten oder Wasservögel fotografieren. Hier ist alles zu entdecken: Enten, Schwäne, Kormorane und Graureiher.

 

Ich gehe ganz bis zum südlichen Rand des Parks und entdecke dort die Kuppel der Royal Albert Hall. Das Dach wird gerade renoviert, deshalb ist das Haus fast zur Hälfte eingerüstet. Der Weg hat sich aber doch gelohnt, denn das Albert Memorial, das vor der Halle steht, ist mehr als prachtvoll. Viel Gold und strahlend heller Marmor blitzen mir in der Sonne entgegen. Ich gehe weiter in Richtung der südwestlichen Ecke, wo ich in die Underground einsteigen will. Und da höre ich plötzlich ein vielversprechendes Geräusch. ‚Klapper-di-klapp‘ oder besser gesagt ‚clippity clop‘ kommen sie mir entgegen. Die Horse Guards sind auf dem Rückweg vom Buckingham Palace, wo gerade der Wachwechsel stattfand. Hier am Hyde Park haben die Soldaten ihre Kaserne und dort sind auch die Ställe der Pferde. So komme ich doch noch zu ein paar schönen Photos, ohne stundenlang im Gedränge vor dem Palast warten zu müssen. Perfekt. 

Es ist schon mittags als ich wieder im Hotel eintreffe. Jack hat noch bis drei Uhr Dienst. Er schaut mich fragend an und ich sprudel los: „Overwhelming. I never thought the park would be so big.“ Er nickt, lächelt und freut sich, dass ich wieder ein besonders schönes Stück von seinem London entdeckt habe.