In London entgeht mir nichts. Mit großen Augen, stets fragend, gehe ich durch die Stadt. Why, why, why??? Auf deutsch: Wieso, weshalb, warum? Gut wenn dann George an meiner Seite ist, denn der kennt die Stadt besser als viele dort Geborene. Er verließ Birmingham erst als er studieren wollte und blieb dann in London hängen. Kein Wunder. Und wie es so mit Zugereisten ist, sie sind viel neugieriger als die, die schon immer dort lebten und sich längst an alles gewöhnt haben. Ihnen fällt vieles gar nicht mehr auf. Es passiert nicht oft, aber manchmal fragt mich ein Londoner, wie beispielsweise Richard (sogar ein waschechter Cockney), nach ein paar Tipps für eine Fototour. Für mich die größte Auszeichnung, wertvoller als der Orden von der Queen.

Wir waren zu Fuß unterwegs und querten die Themse auf der Westminster Bridge. Natürlich blieben wir einen Augenblick stehen und warfen einen Blick auf den Palace of Westminster. Das Haus ist imposant, wirkt viel älter als es ist und sieht immer wieder anders aus. Je nach Licht und Tageszeit, besonders fotogen am Abend, wenn die Lampen die Fenster erhellen und die Fassade angestrahlt wird. Jeder weiß, dort sind die Häuser des Parlaments untergebracht, links das House of Lords und rechts das House of Commons. Sie haben einen Farbcode, der konsequent genutzt wird und Leuten wie mir durchaus zur Orientierung hilft. Immer wenn man etwas rotes sieht, betrifft es die Lords, und wenn es um das Unterhaus geht, dann dominiert die grüne Farbe. Es fängt bei den Lederbänken an, setzt sich im Teppich fort und findet sich schließlich in der Farbe der Teetassen. Und nicht zu vergessen, die beiden flankierenden Themsebrücken: Lambeth Bridge in rot und Westminster Bridge in grün. In solchen Sachen ist der Engländer konsequent.

 

 

Leider ist der Palast seit einiger Zeit eine Großbaustelle und daran wird sich so bald auch nichts ändern. Der Glockenturm, Big Ben genannt, ist seit Jahren hinter einem Gerüst verschwunden. Angeblich soll ein Aufzug eingebaut werden, aber braucht man dafür vier lange Jahre? George vermutet eine Secret Service Aktion. Vielleicht die Stationierung einer hochgeheimen Atom Rakete für den Fall der Fälle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm zustimmen soll. – Keinen Zweifel gibt es über den maroden Zustand des Hauses und dass es dringend von Grund auf renoviert werden muß. Sonst läuft man Gefahr, dass irgendwann die Decke einstürzt oder womöglich Feuer ausbricht. Ein Rohrbruch mitten in einer Brexit Abstimmung, der das Unterhaus binnen Minuten unter Wasser setzte und sofortige Räumung verlangte, war nur ein Vorgeschmack auf das drohende Unheil. Man wird keinen Stein auf dem anderen lassen, jede Leitung wird aus der Wand gerissen und erneut. Egal ob Wasser oder Elektrizität und von einer WLAN Verkabelung träumt man seit Jahrzehnten. Kein Fenster bleibt in seinem Rahmen, die fast alle morsch und undicht sind und ein paar hundertausend Dachpfannen hat man bereits ausgewechselt. Das war der Anfang um wenigstens eine regendichte Baustelle zu haben. Man plant mehrere Jahre Umbauzeit und wenn dann die beiden großen Häuser fällig sind, dann müssen die Abgeordneten sich für einige Zeit einen neuen Raum suchen. Das gilt natürlich auch für die Lords, die man am liebsten ganz aus London herausbefördern möchte. Die protestieren aber lautstark und sehen gar keinen Grund für einen Umzug ins nördliche England. Der Premier schlug ihnen York vor, aber auch Birmingham ist im Gespräch. Dabei hat er listigerweise eine Rückkehr nach der Renovierung gar nicht erst angeboten. Die Damen und Herren im House of Lords haben den Braten gerochen. Sie sind zwar ziemlicht betagt, aber noch nicht senil. Oder doch?

 

Die Altersverteilung der Männer und Frauen im House of Lords. Nur fünf Mitglieder sind jünger als 40 Jahre und immerhin zwölf über 91 Jahre. Der meisten finden sich in der Altersgruppe von 71-80 Jahren. Beide Grafiken zeigen denselben Inhalt, einmal als Balken- und einmal als Donut-Diagramm. (Grafik: Brigitte Peters, Daten von 2019/20)

 

Von der Brücke hat man freien Blick auf die Terrasse. Die ist für das Publikum gesperrt. Einer der wenigen Orte, wo man nicht direkt am Themseufer entlang gehen kann. Aber von der Brücke aus, kann man spionieren und das geht besonders gut mit einem Zoom Objektiv. Das habe ich zufälligerweise dabei und es lädt natürlich zu einem ‚close view‘ ein. Mal sehen, ob da jemand sitzt und seinen Tee trinkt.

 

Auf der Terrasse gilt Selbstbedienung. Hier sitzen oft die Angestellten des Parlaments, wenn sie eine Teepause machen. Der hintere Bereich mit den Markisen ist ausschließlich für Parlamentarier zugänglich. Die sind gerne unter sich.

 

Und da sind sie wieder. Die Farben rot und grün. Die Markisen zeigen uns wer wo sitzen darf. Die ganze Terrasse ist hermetisch abgeriegelt, es gibt keinen Zugang von aussen. Hier sind die Parlamentarier ganz unter sich. Es sein denn ein Boot würde an der Kaimauer festmachen und die Brüstung entern. „That’s impossible since 2005“, erklärt mir George und ich schaue ihn fragend an. „Wieso seit 2005? War da vorher keine Kaimauer?“ „Of course, the walls are quite old, from the time when Bazalgette built the Embankment. But the buoys (Boje) were only installed in 2005.“

Ich beuge mich ein Stück weiter über die Brüstung, aber mit viel Respekt. Je älter ich werde, desto mehr macht mir die Höhe aus. Auf der wackeligen Milleniums Bridge, wo man einen so schönen Ausblick auf die Stadt hat, darf ich gar nicht runtersehen, wenn ich meine Fotos mache. Hier aber sind breite und hohe Holzgeländer, die ganze Westminster Bridge ist deutlich stabiler als die moderne Fußgängerbrücke zwischen St Pauls und Modern Tate. Dann sehe ich die Bojen. Sie sind mir schon früher aufgefallen, denn man sieht sie in dieser Form nur hier, direkt vor dem Westminster Palace. Sie sind leuchtend gelb, haben ein Kreuz und ein Licht an der Spitze. Weiter flussabwärts sind die Bojen rot und sehen wie schwimmende Bälle aus. Diese aber sind ganz anders.

 

 

Diese gelben Bojen markieren eine Sicherheitszone, die nicht durchquert werde darf. Für Schiffe, Boote oder Schwimmer strikt verbotenes Gewässer. Damals, vor 2005, gab es einige Terroranschläge und das Parlament wäre ein lockendes Ziel gewesen. Vor allem, wenn die ganze Breitseite ungeschützt zur Themse liegt. Ich vermute, die Bojen sind unter Wasser mit Ketten verbunden, so das Boote gar nicht passieren können. Aber ob der Abstand wirklich reicht? Hoffen wir mal, dass niemand Böses plant. Bisher war es alleine Guy Fawkes, der das Parlament in die Luft sprengen wollte, aber auch er scheiterte in letzter Minute. Was übrigens komischerweise jedes Jahr freudig gefeiert wird. Ich weiß bis heute nicht, ob man sein Scheitern oder seinen kühnen Plan bejubelt???

Gelbe Sicherheits Bojen, Themse

Als wir weitergehen, in Richtung Southbank, erzählt mir George von einer ganz besonderen Einladung zum Essen. Die fällt ihm jetzt wieder ein, obwohl es schon Jahre her ist. Damals hatte er eine seltene Einladung zum Essen ins Restaurant des House of Lords bekommen. Manchmal ist es für die Öffentlichkeit geöffnet, meistens kurz vor Wahlen. Dann laden sich die Abgeordneten Gäste ein, in der Hoffnung eine Stimme mehr zu bekommen. Der Besuch hielt Überraschungen bereit und deshalb war es George im Gedächtnis geblieben. Vor dem Essen gönnte man sich einen Brandy in der Bar und dort passierte es. Eine Maus lief quer durch den Raum. George hatte sie wohl aufgeschreckt, als er sich den Barhocker heranzog. „Oh my goodness, a mouse!!!“ entfuhr es ihm, aber sein Gastgeber blieb ganz ruhig, der war solche Szenen gewohnt. Das Haus ist voller Mäuse und alleine deshalb ist eine Renovierung längst überfällig. Nach dem Schreck sind sie dann in den Dining Room gegangen, wo natürlich die Stühle mit roten Samt bezogen sind und der Teppich, -man ahnt es schon-, farblich passend. George war etwas verunsichert, warf einen Rundblick über den Boden, konnte aber keinen Nager entdecken. Schließlich blieb er an der Anrichte hängen: „You won’t believe it but I saw a mousetrap on the skirting board“, erzählt er mir grinsend.

Falls Sie Gelegenheit haben einmal selbst so ein posh pop-up zu buchen, dann müssen Sie sich auf ca. £140 für einen ‚lunch for two‘ einstellen. Das ist ein Drei-Gänge Menü, nicht gerade Haut Cuisine, eher das typische Essen, das die Damen und Herren aus ihren Privat-Schulen kennen. Oder wie George sagt: „Over-boiled vegetables and bone dry chicken“. Trotzdem bestimmt ein Erlebnis. George hat es jedenfalls viel Spaß gemacht und ich habe jetzt endlich einen Augenzeugen für die ‚angebliche‘ Mäuseplage im britischen Parlament.

 

 

Es gibt übrigens noch einen exklusiven Speiseraum nur für die Lords, der im wesentlichen aus einem langen Tisch besteht mit zahlreichen Stühlen an beiden Seiten. Dort gilt die Regel „plonk to the next free seat“. Mit anderen Worten, man setzt sich wie es kommt und erreicht damit, dass man stets interessante Tischnachbarn hat. Ein bunter Mix aus allen Parteien sitzt dort Schulter an Schulter und tauscht sich gedanklich aus. Eigentlich eine ziemlich gute Idee, denn sonst würden man sich immer zu den eigenen Parteigenossen gesellen. Von solchen Traditionen gibt es unzählige. Manche davon sind nützlich, andere längst überholt. Man hält trotzdem eisern daran fest. Wenn Sie sich dafür interessieren und einmal tief in die Abläufe der Parlaments blicken wollen, kann ich Ihnen eine Autorin empfehlen. Lesen Sie die Bücher von Emma Crewe. Sie ist Antropologin, verwandt mit den Churchills (was Türen öffnet) und hat sich in beiden Häusern des Parlaments genau umgeschaut. Daraus sind zwei sehr kluge, aber auch unfreiwillig komische Bücher entstanden.