Wenn Tesco an einem Tag mehr als 1 Million sausage packs (Würstchen Packungen) verkauft, dazu 650.000 burger packs und 50.000 Einweg Grills (barbecues), dann ist der Sommer da. Eigentlich prima, denn das Wochenende hat gerade begonnen, was will man mehr. Ganz England pilgert an die See, nur im Notfall begnügt man sich mit der Badeanstalt. Weil aber das Wetter generell das Thema Nummer eins ist, reicht es nicht, es einfach herrlich zu finden. Man möchte es etwas interessanter machen, pimpen, eine kleine Sensation einbauen. Also werden Warnungen ausgegeben. ‚Britain swelters on hottest day of the year‘ and ‚they are predicted to soar even higher‘. Darüber lässt sich dann ein guter small talk starten, da ist Raum für Spekulationen.

Wer sich und die Familie, inklusive Hund und Schwiegermutter, in den Kleinwagen gesetzt hat, -Engländer geben nicht viel Geld für das Auto aus, es ist kein Statussymbol-, wird genau mit dem belohnt, was er erwartet hat. Ein durchgehender Mega-Stau von der heimischen Garage bis zur Südküste. Auf die Ringautobahn M25, die London umfasst, ist Verlass. Ein Stromausfall hat eine mehrstündige Vollsperrung verusacht. Die Londoner verbringen mal wieder einen Hitzetag auf dem Motorway, an der Grenze von Great London. Hurra, der Sommer ist da.

 

Der Londoner macht was er am besten kann. Schlange stehen. Hier vor dem Freibad in London. An der Küste ist auch nicht mehr Platz, wer kann liegt in der Sonne. Abends kann man nicht fassen, dass man einen Sonnenbrand hat. How could this happen??? Aber auch das gehört zum jährlichen UK Sommer Ritual.

 

Morgen wird eine Kaltfront vom Norden über Schottland einziehen. Mit Glück wird sie in der Nacht zum Montag die Temperaturen in London sinken lassen. Ist doch prima, oder? Wer schläft schon gerne in tropischer Wärme? Der Engländer sieht es anders bzw. wittert eine Chance einen weiteren verbalen Bissen für die nächste Unterhaltung zu ernten. „Thunderstorms are possible“. Vielleicht auch Hagel, Vulkanausbrüche und Erdbeben. Der Untergang steht bevor, aber dem sieht man mutig ins Auge. Wenn es so kommen wird, dann sollte man schnell noch in den Pub und ein kühles Bier trinken. Cheers. – Das Auto kann solange auf der M25 stehen bleiben, dort geht seit Stunden nichts mehr.

 

Der Engländer kann auf alles verzichten. Ausser einem kühlen Bier und dem Union Jack. Selbst splitternackend findet er eine Möglichkeit die Flagge schmückend am Körper zu hissen.

 

 

Mein Small Talk Schnellkursus

Immer mit dem Wetter starten: „It’s cold (warm, wet, dry, icy …) today, isn’t it“. Antwort: „Yes, it is“. Die Regel lautet, dass man immer bedingungslos zustimmt, egal welchen Blödsinn der andere gerade geäußert hat. Aber machen Sie seine Aussage ein bißchen positiver. Das ist einfach, denn sonnig ist besser als wolkig und trocken besser als naß. Schüttet es wie aus Eimern, bei tiefgrauen Himmel, hilft ein „… but sunny in the afternoon.“

Und noch ein Tipp. Niemals etwas Abfälliges über das Englische Wetter sagen. Der andere wird sich beleidigt abwenden. Das hat einen tiefen psychologischen Grund, den nur George erklären kann: „While we spend much of time moaning about our weather, foreigners are not allowed to criticise it.“ Sprach er und wandte den Blick gen Himmel. „A bit of drizzle and blustery. Later patchy clouds but quite warm and lovely spells.“ So kann mich sich seine Welt schön reden. Der niedlich klingende drizzle war ein nicht endender downpour; es goß bis in den späten Abend hinein.

 

1 Kommentar

  1. Für Engländer ist der wahre Grund des Lebens in der Ferienplanung zu finden. Ihr Denken kreist um nichts anderes. Sobald sie aus dem letzten Urlaub zurück sind, wird die nächste Reise vorbereitet. Sollte man also jemals um ein Gesprächsthema verlegen sein, dann stellen Sie einfach diese Frage: “Where are you planning to holiday this year?” Danach kann man sich entspannt zurücklehnen und lauschen.

    Small talk ist niemals formal. Es geht nicht um den Austausch von Fakten, sondern um das gegenseitige Beschnüffeln. Herausfinden ob die Chemie stimmt und/oder wie der andere so drauf ist. Also stets unpolitisch und unpersönlich bleiben. Das heisst, dass man weder den vollen Namen noch seine Adresse oder andere Details nennt. Nicht weil man es verbergen will, sondern weil man nicht aufdringliche sein möchte.

    Das Wetter ist ein gutes Thema, weil es kein Streitpotential in sich birgt. Deshalb mein Rat, niemals zu wiedersprechen. Es wird Sie bestimmt genauso überraschen wie mich, aber es stimmt. Die Beatles haben sich in 48 ihrer Songs mit dem Wetter beschäftigt.

    Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Mit welchen Themen konnten Sie in England oder wo immer punkten?

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