Seit Monaten greife ich morgens als erstes zu den Nachrichten Apps auf meinem Smartphone. Scrolle mich durch die News, versuche die aktuellen Coronazahlen einzuordnen und suche nach einem Lichtblick. Irgend etwas Amüsantes oder wenigstens Überraschendes, aber es lässt sich nicht finden. Die Agenturen scheinen ihre News aus stets demselben Topf zu fischen, der seit einer gefühlten Ewigkeit nicht neu gefüllt wurde. Täglich derselbe Inhalt, identische Statistiken, mal drohender, mal leicht nachgebend. Jeder mini Erfolg wird von großen Rückschlägen überschattet. Zum Verzweifeln. Um die Misere nicht noch zu verschlimmern, garniere ich diesen Beitrag nicht mit Bildern aus der Intensivstation, sondern lieber vom Frühling. Der ignoriert nämlich jeden Lockdown und Ostern ist schon mal ein guter Anfang, mit Hoffnung auf einen noch viel besseren Sommer.

 

Auf dem Weg zur Osterfeier. Die Engländer lieben Esel. Man kann sie mieten (die Esel) und dann sind sie die heimlichen Stars. Egal ob im Theater, beim Strassenfest oder im Gottesdienst.

 

Die Engländer beneide ich langsam um ihren begründeten Optimismus. Noch ist man im Shutdown Modus, aber überall lockert man. Dazu gibt es einen konkreten Fahrplan direkt in die ersehnte Normalität. Was wann wieder erlaubt ist, wurde exakt festgelegt und man hält den Kurs zielgenau ein. Da kann nichts mehr schiefgehen, so die allgemeine Stimmungslage. Und das wurde jetzt von höchster medizinischer Stelle bestätigt. Professor Chris Whitty ist die Kapazität in England und geniesst das Vertrauen der Regierung und der Bevölkerung. Er hat sich in den letzten 12 Monaten regelmäßig an der Seite des Premier Ministers gezeigt, wenn der die Presse informierte. Und das geschah sehr viel öfter als bei uns. Zeitweise täglich, stets am Nachmittag, live im TV übertragen. Das war gut, denn die Engländer waren dadurch viel besser informiert. Sie wußten um die Probleme, verstanden es, wenn es mal nicht gut lief und fühlten sich immer auf Augenhöhe mit den Menschen, die Entscheidungen treffen mußten. Tauschen will mit ihnen wohl niemand, oder?

 

Noch ein Vierbeiner an der Leine. Klar, das ist der Premier Minister mit seinem Terrier. Sie laufen jeden Morgen durch London. Das Outfit von Boris ist diskutabel, aber der Mann ist konsequent. Nach seiner schweren Covid Erkrankung ist ihm seine Fitness wichtig und er hält das Training eisern durch. Hut ab, kann ich da nur sagen.

 

Professor Whitty hat jetzt eine bemerkenswertes Zwischenbilanz gezogen. Er sagt, dass das Corona Virus uns noch über Jahre begleiten wird, genauso wie die Grippeviren es tun. Er sagt auch, dass es trotzdem nie wieder zu einem Shutdown kommen wird. Grund ist, dass nachdem allen eine Impfung angeboten wurde, nunmehr das Covid Virus anders betrachtet werden muß. Statt von einer tödlichen Pandemie zu reden, werden wir uns an jährliche, saisonale Coronazeiten gewöhnen müssen. Ähnlich der Grippe, die in schlechten Jahren bis zu 25.000 Menschen in England sterben lässt und in ‚guten‘ ca. 9.000. Vergleichbar hohe Zahlen erwartet man auch von Corona in der Zukunft, wenn es auf eine geimpfte Bevölkerung trifft. Wir werden diese Todesraten hinnehmen müssen. Aber man muß deshalb keine übergroße Angst haben. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir die Impfung wählen, wir können ausserdem eine Maske tragen, auf Hygiene achten und versuchen den Körper so gesund und fit wie möglich zu halten. Wer das alles ablehnt, sollte die Folgen tragen. – Eigentlich macht mir diese Vorhersage Mut. Habe ich jemals vor der saisonalen Grippe Angst gehabt? Nein, ich fühlte mich gesund genug sie ggfs. auszukurieren. Mag sein, dass ich altersbedingt nun doch die Impfung wähle; gegen Covid ganz sicher. Und dann kann man doch mit ein bißchen Vertrauen hoffnungsvoll in Zukunft schauen. Denn so wie es aktuell ist, kann es nicht weitergehen. Ich fühle mich zwar gegen eine Ansteckung gut geschützt, aber die Nebenwirkungen der nicht endenden Isolation fangen an das größere Problem zu werden. 

 

Ich habe mal ein paar Theater im West End per Internet besucht und fand heraus, dass die geplante Wiedereröffnung nun richtig Fahrt aufgenommen hat. Ich denke diesmal wird es klappen, London findet den Weg ins herrlich pulsierende Leben zurück. Hoffentlich kann ich bald dabei sein.