Das Glas ist weit weniger als bis zu Hälfte gefüllt. Der Betrachter sieht es sofort, es sei denn er ist ein Engländer. Dann geht er nämlich etwas in die Knie, lugt von unten nach oben durch die Flüssigkeit und stellt zufrieden fest: It’s half full!

… or half empty? Das ist die Frage, die sich jedermann stellt, aber niemals das Glas selbst. Die Entscheidung macht nicht der Wasserstand, sondern liegt alleine im Auge des Betrachters. Während der eine himmelhoch jauchzt, ist der andere zu Tode betrübt. Der erfahrene Verkäufer wird sein Glas immer als halb voll präsentieren. Was macht man aber, wenn das Wasser bereits weit über die Hälfte ausgetrunken wurde? Kann man dann noch von halb/halb reden? Was ist, wenn es bestenfalls noch zu einem Drittel gefüllt ist? Lässt sich das noch verkaufen?

Kommt darauf an. Nehmen wir an bei dem Glas geht es um den Erfolg des Impfstoffes von AstraZeneca, dann entscheiden wohl viele, dass es eher halb leer ist. Erst ereigneten sich Pannen in der Testphase, dann traten Todesfälle auf, die offensichtlich ursächlich mit dem Vakzin zusammenhängen. Man stoppte die Impfung, überlegte, fragte Mediziner und entschied sich schließlich für eine reduzierte Weiternutzung. Zunächst sollten nur noch jüngere Menschen die Spritze bekommen. Trotzdem gab es neue Todesfällen, die im Zusammenhang stehen könnten. Also zieht man erneut die Notbremse und passt die Empfehlung noch einmal an. Jetzt sind es die älteren Menschen, die den Vorzug bekommen. Alles ziemlich turbulent, aber so ist das wohl in Zeiten einer tödlichen Pandemie.

Und wie reagiert man in England? Dort hat man inzwischen mehr als 30 Millionen erwachsene Menschen mit AstraZeneca geimpft, also fast die Hälfte der Bevölkerung. Gab es Todesfälle? Merkwürdigerweise erfährt man darüber nichts. Die Politiker weisen aber mit Nachdruck darauf hin, dass die Vorteile der Impfung die Nachteile deutlich übersteigen. Es bleibt wohl ein Restrisiko, wie eigentlich bei jeder Impfung (kleinen OP, Zahnbehandlung oder Narkose …), aber man sollte sich nicht grundlos bange machen lassen. Anders gesagt, die Wahrscheinlichkeit an dem Virus zu erkranken und womöglich zu sterben ist unvergleichlich viel höher.

Nach dem Impfstopp für unter 60-Jährige ging gleich mal wieder das Panikgespenst bei uns um. Was geschieht, wenn man bereits die erste Dosis bekommen hat? Wirft uns der neue Dämpfer erneut um Monate zurück? Hamburg reagierte mit nächtlichen Ausgangssperren und die FAZ spekuliert gleich weit in die Zukunft. Man glaubt dort, dass das Virus uns noch zehn Jahre lang begleiten wird. Mit anderen Worten, das ‚Glas Wasser‘ ist bei uns gerade ziemlich halb leer.

In England reagiert man nicht minder erschrocken auf die Nachricht, betonte aber, dass man sie nicht als politisch motiviert einstuft. Also keine Stichelei, wie es mehrfach in der letzten Zeit zwischen UK und EU stattfand. Nun könnte sich die britische Hamstertechnik als nachteilig erweisen. England hat keinen Impfstoff abgegeben, sondern alles erst einmal an die eigene Bevölkerung verimpft. Deshalb wurden die meisten mit AstraZeneca geimpft und sehr viele von ihnen haben noch keine zweite Dosis erhalten. Das gehört zur britischen Impfstrategie. Man hat die Pause zwischen Erst- und Zweitimpfung deutlich verlängert und konnte deshalb deutlich mehr Menschen mit der Erstimpfung versorgen. Nur wenige haben bis heute auch ihre Zweite bekommen. Bei uns werden die zweiten Dosen im Kühlschrank aufbewahrt, in England hat man alles verbraucht, was man hat. Wenn der Nachschub jetzt abreißt, dann droht Gefahr.

Mir fiel auf, dass man auf der Insel keine Statistiken über fatale Neben- bzw. Folgewirkungen bekannt gab. Es fragt wohl auch keiner nach. Bei uns kreist man um nichts anderes als Zahlen, Zahlen, Zahlen. Dort aber konzentriert man sich lieber auf die bewährte Methode Zuversicht zu verbreiten. Und so preist man stets die Vorteile der Impfung, feiert die bevorstehenden Lockerungen und jubelt über die Meldungen aus London. Dort können nämlich einige Bezirke erstmals berichten, dass es keine Toten gibt. Das war seit Monaten nicht mehr der Fall. Einen Trick hat man dabei allerdings schon angewendet, denn diese Aussage trifft auf keinen einzigen der 32 Bezirke (Boroughs) zu. Wenn man diese aber in sehr viel kleinere Gebiete teilt, dann finden sich ein paar Neighbourhoods, auf die die Aussage zutrifft. Oder anders gesagt, für die Londoner ist das Glas schon wieder zur Hälfte gefüllt. Tendenz: Täglich besser werdend.

 

Auch in London ist herrliches Wetter. Dazu gilt ab heute die Rule-of-six. Die legt man allerdings in den Parks recht großzügig aus. Warum auch nicht, wenn man geimpft ist. (Photo: The Telegraph)

 

Fast schon komisch ist die Reaktion des britisch-schwedischen Impfstoffherstellers. Der hat sich gesagt, wir können es auch nicht ändern, aber vielleicht besser aussehen lassen. Denn viele Menschen werden wohl ängstliche zusammenzucken, wenn sie im Impfzentrum erfahren, dass ihnen das Serum von AstraZeneca gespritzt wird. Steht aber Vaxzevria auf dem Fläschchen, dann muss man sich keine Gedanken machen. Was für eine Idee! Ich hielt es erst für einen Scherz, aber es stimmt. Man hat den Impfsaft kurzerhand neu benannt. Damit ist für den Engländer die Sache erledigt. Ich fürchte wir können diesen pragmatischen Weg nicht gehen. Es wird Brennpunkte im TV geben, unzählige Fachleute werden sich in Talkshows äußern und geben uns Gesprächsstoff für die eigene Abwägung. Letztlich stehen wir dann aber doch ganz alleine vor der Entscheidung, die mit dem Einladungsbrief bei uns landet. Nehmen wir die Impfung an oder lieber doch auf Nummer sicher und noch warten? Und wenn man sich in der Zwischenzeit ansteckt? … Fragen über Fragen. Boris Johnson reagierte schnell. Er ließ sich mit AstraZeneca impfen. Die Kanzlerin wird sich wohl zeitnah entscheiden müssen. Traut sie sich? Ich habe mich ebenfalls schon festgelegt. Wenn ich einen Termin bekommen kann, dann ist mir jeder wirksame Impfstoff recht. Ein Restrisiko muss ich eingehen, aber das fordert auch das Leben von mir, jedenfalls wenn es ein kleines bisschen schön und spannend sein soll. Bleiben Sie gesund und munter.