Nun ist Sir Lindsay Hoyle schon über zehn Monate im Amt des ‚Speaker of the House‘ und deshalb kann man ihn wohl nicht mehr ‚den Neuen‘ nennen. Sein Vorgänger, der stets angriffslustige John Bercow, war in Deutschland wohl besser bekannt, denn er hatte den earsplitting call „Order! Orrrrrder!!!“ kreiert. Aber Sir Lindsay scheint mir ein stilleres Wasser zu sein, um so tiefer in Sachen Humor begabt. Schon bei seinem Einzug in die Amtstwohnung im Westminster Palace staunte man nicht schlecht. Er kam mit Ehefrau einer ganzen Menagerie. Darunter ein Kater namens Patrick, zwei Hunde Gordon & Betty und als besondere Attraktion die uralte Maggie, eine Landschildkröte von beachtlicher Größe. Aber der größte Schreihals unter ihnen ist ein Graupapagei. Er ist sehr agil und sprachbegabt. Sir Lindsay erzählte jüngst über ihn: „… he’s always repeating himself and talks a lot.“ Und mit diesen Eigenschaften konnte er natürlich einen Namen bekommen, nämlich Boris. Ja, alle Tiernamen erinnern an britische Premierminister, ganz schön hintersinnig.

 

Kaum war Sir Lindsay Hoyle im Amt, schon wurde seine tierische Familie in der Daily Mail vorgestellt. Full House.

 

Kaum war Sir Lindsay mit Frau und dem ganzen Haus-Zoo eingezogen, mußten sie auch schon wieder einpacken. Der Westminster Palace wird renoviert. Ich habe den Eindruck, dass man da mächtig auf die Tube drückt, also die Coronazeit nutzt, um möglichst schnell fertig zu werden. Die Renovierung hat gewaltige Ausmasse und da kommt es gerade recht, wenn die meisten Parlamentarier vom home office arbeiten und sich per Video in die Debatten einschalten. Die Familie Hoyle bekam eine Ersatzbleibe im Portcullies House, also gleich gegenüber, auf der anderen Seite der Bridge Street. Das ist die Strasse an der auch Big Ben zu finden ist. 

 

 

Sir Lindsay Hoyle ist zwar deutlich ruhiger als sein Vorgänger John Bercow, wenn aber jemand gegen die Regeln verstößt, kann auch er sehr energisch reagieren. Das Amt des Speaker of the House ist äußert einflußreich. Der Gewählte soll parteipolitisch neutral agieren und lässt deshalb sein Mandant als Abgeordneter während dieser Zeit ruhen. Weil er aber zusammen mit dem ‚Father of the House‘ (aktuell: Jacob Rees-Mogg) über die Themen und Gesetzesvorlagen entscheidet, die zur Debatte zugelassen werden, kann er ziemlich viel Einfluß auf die Arbeit des Parlaments nehmen. Deshalb ist der Speaker eine hochgeachtete Person im britischen Unterhaus. – Das gönnt sich übrigens nächste Woche erst einmal Ferien. Schon eigenartig, aber die Parlamentarier folgen diesbezüglich lebenslang den Schulregeln. Vielleicht hat es mit dem Brauch zu tun, dass viele Schüler auswärts in Internaten leben. Die kommen dann in den sogenannten ‚Half terms‘ nach Hause und dann darf Dad nicht fehlen. Ich vermute mal, dass der Premierminister und sein Kabinett in der Downing Street bleiben, denn langsam wird die Zeit knapp, um das Brexit Theater zu beenden. Und dann ist da ja auch noch eine Virus Pandemie, die gerade durchs Land kriecht, aber egal, die wird auch nach den Ferien noch da sein. Bis dahin erst einmal: jolly good holidays.

 

Zum Piepen. Sir Lindsay Hoyle mit Papagei Boris, dem er eine Stoffpuppe seine berühmten Namensgebers zeigt. Der Mann hat Humor, gefällt mir. (Foto aus dem Daily Telegraph)