Charles Dickens (1812-70) beschrieb uns sein London so detailliert, dass wohl jeder dieses Bild tief in seinem Gedächtnis gespeichert hat. Die harten Lebensbedingungen der armen Menschen, das laute Gelächter in den vielen Pubs und das stets diffuse, eher dunkle Licht, in den engen Gassen. Diese Strassen gibt es noch heute, aber sie sind nicht einfach zu finden. Und sie sind gerade abends ein bißchen unheimlich, aber ich habe mir mehrfach bestätigen lassen, dass keine Gefahr droht. Trotzdem verlässt mich manchmal der Entdeckermut, wenn ich mutterseelen allein durch einen solchen schmalen Gang gehe, der kaum Platz für zwei Menschen nebeneinander bietet. Dann frage ich mich schon, ob das überhaupt noch zu London gehört, oder nicht doch irgendein verwunschener privater Ort ist. Und doch lockt mich immer wieder das besondere Licht in solche Wege und Höfe, denn es sind nicht die üblichen Laternen, die hier in der Dunkelheit brennen. Oftmals sind es tatsächlich noch gasbetriebene Laternen und das wollte ich mir mal genauer ansehen.

 

 

 

Eine Anfrage bei British Gas brachte mich auf die richtige Spur. Ich staunte nicht schlecht, als man mir bestätigte, dass noch heute über 1.000 Strassenlaternen in London mit Bio-Gas betrieben werden. Man findet sie fast nur noch in Westminster und der City of London. Hat man ihr Licht einmal gesehen, dann kann man sie leicht von den elektrischen Lampen unterscheiden, denn sie leuchten viel wärmer und weniger grell. Am besten lässt sich das auf der Mall herausfinden. Auf dieser Prachtstraße sieht man beide Arten von Lampen. Links, in Richtung Buckingham Palace gesehen, also am Green Park, stehen die elektrischen Laternen und rechts, an der Grenze zu den Carlton Terraces, sind die Gaslampen installiert. Nicht am Straßenrand, sondern ganz an der Grenze zu den Grundstücken. Im Inneren der Laterne erkennt man einen Mechanismus, bestehend aus einem Schlauch und einer Box. Beides fehlt in den elektrischen Strassenlampen. 

 

Von der Mall geht es ein paar Stufen hoch zu den Carlton Terraces. Schon von weitem erkennbar, denn hier steht der Duke of York auf einer unglaublich hohen Säule. Abends schmücken sich die Häuser und die Plätze mit Lichterglanz. Es bleibt die ganze Nacht brennen und verwandelt London in ein Märchenland.

 

Die Gaslampen müssen regelmäßig gewartet werden. Alle zehn Tage macht ein Mitarbeiter von British Gas seine Runde durch die City ofWestminster. Er geht von Laterne zu Laterne, steigt eine Leiter hoch und reinigt das Glas und den Mechanismus. Seine Leiter hat er in einer der kleinen Nebenstrassen, südlich vom St James’s Park an einer der Laternen angekettet. So verriet er es mir und als ich das hörte, nahm ich mir vor das ‚Versteck‘ zu finden. Warum nicht einmal eine ‚Schnitzeljagd‘ nach einer Leiter starten? Und das war wirklich eine gute Idee, denn es hat mich in Ecken und Winkel von Westminster geführt, die ich sonst ganz sicher gar nicht beachtet hätte. Längst hatte ich die Leiter vergessen, denn an jeder Strassenbiegung fiel mein Blick auf eine andere, faszinierende Fassade und ich fotografierte mich richtig satt. Aber dann zündete die Überraschung, denn auf einmal stand ich tatsächlich vor der Gasmann-Leiter! Es war also kein Witz.

 

 

Wenn Sie demnächst mal in London unterwegs sind, achten Sie doch mal auf die Beleuchtung. Rund um den Buckingham Palace, auf dem Platz der Horse Guard Parade oder rund um Covent Garden werden Sie überall fündig. Dort stehen noch viele Laternen, die mit Gas betrieben werden. Natürlich wird man auch am Tower of London fündig, der ist überhaupt nach Sonnenuntergang ein illuminierter Leckerbissen. 

 

Oben der Tower und unten ein Blick über den Platz der Horse Guard Parade in Richtung Themse.

 

London ist nach Sonnenuntergang besonders schön. Sobald es dunkel wird, erstrahlen die Gebäude, Brücken und Plätze in bunten Licht. Das ist so schön anzusehen, dass ich fast lieber in der Winterhälfte dort bin, als im Sommer. Für Nachtschwärmer sind die kurzen Nächte natürlich kein Problem, denn London lässt die Lichterpracht durch die ganze Nacht funkeln. Erst wenn die Sonne aufgeht, ist das prächtige Schauspiel vorbei. 

 

Meine Route in Google Maps: