Nicht jedes Jubiläum will gefeiert werden. Ein Jahr Lockdown zählt dazu. Ein stilles Trauern ist da eher angemessen. Leben wir jetzt tatsächlich schon ein ganze Jahr lang in mehr oder weniger angespannter Isolation? Zwischendurch gab es Zeiten der Hoffnung, aber keine wirkliche Normalität. Ich war jedenfalls nicht im Ausland, auch wenn es kurzfristig im Sommer 2020 möglich gewesen wäre. Wohl alle Länder gedenken in diesen Wochen den Corona Toten. Anfangs schien es andere schlimmer als uns zu treffen, inzwischen beneiden wir UK und USA um ihre Impfquoten. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde in England der Premier Minister ins Krankenhaus eingeliefert. Er kam auf die Intensivstation und war zeitweise dem Tod sehr nahe. Anfang April dann seine Entlassung. Manchen erschien es wie eine Auferstehung; man hatte bereits seine Nachfolge geregelt. Eine Woche später wurde sein Sohn geboren. Was für eine dramatische Geschichte. Niemand hat sie vergesessen, jeder erinnert sich an die Bilder, als Johnson totkrank vor der Haustür in der Downing Street stand und den Mitarbeitern des NHS (Nation Health Service) Beifall klatschte. Nach einer längeren Erholungspause übernahm er wieder die Regie. Von da ab änderte sich die Covidstrategie. Nunmehr war der Premier sichtlich bemüht alles zu tun, um Menschen vor einer Ansteckung zu bewahren. Die Lockdowns wurden früher etabliert und dauerten länger an. Man setzte auf das Impfen, koste es was es wolle. Und man hatte Erfolg. Statt bürokratisch alles richtig zu machen, wurde pragmatisch gehandelt. Man verlängerte den Abstand zwischen erster und zweiter Impfung und konnte dadurch viel mehr Menschen einen guten Basisschutz geben. Man impfte täglich rund um die Uhr. Ohne Pause, ohne Sonntag. Das führte binnen Wochen zum Erfolg. Die Tatsache, dass die europäischen Länder nicht nachkommen, erstaunt die Engländer enorm. Besonders das Scheitern Deutschlands ist ihnen unbegreiflich. Waren es doch stets die Deutsche, die den Rest der Welt abhängten, wenn es um organisatorische Dinge ging. Nun das totale Scheitern des Kontinents. Oft hört man jetzt die Worte: „Until now I was a remainer, but now I am glad that we are no longer in the EU.“

Trotzdem hat man vor einer dritten Welle große Angst. Fast wäre es schon im Januar passiert, als die ‚Kent Variante‘ in London grassierte. Dank strenger Isolation und schneller Impfung wurde man der gefährlichen Lage Herr. Sobald aber der Tourismus wieder einsetzt, kommt auch das Virus zurück. Deshalb bleibt nur eine Option übrig: man grenzt sich ab. Gestern hat British Airways die Flüge von/nach Deutschland erneut kräftig zusammengestrichen. Jetzt gilt der Notflugplan bis weit in den August hinein. Keine guten Aussichten. Deutschland ist bereits auf der roten Liste gelandet, zusammen mit Frankreich und Italien. Aus diesen Ländern wird keine Einreise ohne anschließende Quarantäne erlaubt. Das gilt sowohl für heimkehrende Engländer als auch für reiselustige Europäer. Und ohne Impfung wird es wohl auch schon bald kein Tickets mehr geben.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass die ganze Sache erst 2022 ausgestanden sein wird. Die Hoffnung auf diesen Sommer zerplatzt gerade. Die Engländer haben es früher gewußt und haben schon mal vorgeplant. Nächstes Jahr, also im Sommer 2022, soll ein gigantisches ‚Festival of Britain‘ stattfinden. Die ganze Nation, alle vier Landesteile werden feiern und zwar wochenlang. Es gibt nur einen, der (bisher) keine Lust hat und das ist mein Freund George. Der winkt ab und liefert mir auch gleich den Grund: „I’d rather chew my arm off than clebrate leaving the EU.“ So kann man es natürlich auch sehen, denn das Festival soll letztlich die eigene britische Geschichte glorreich erzählen. Als Vorbild hat man sich die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 genommen und das macht mich eher neugierig. Denn damals wurde auch die National Story erzählt, aber so hinreißend gut in Musik und Showeffekte verpackt, dass alle begeistert waren. Ob vor Ort im Londoner Stadion oder am heimischen Fernseher. We were all over the moon! Das war damals ein bunter Mix aus Kunst, Wissenschaft, Technik und Kultur. Und so soll es auch diesmal werden. Und wer noch immer glaubt es wäre die Siegesfeier der Brexit Befürworter, dem sei gesagt, dass das Projekt schon von Theresa May aus der Taufe gehoben wurde, als sie noch Chefin in der Downing Street war. Eine Premier Ministerin, der man den Willen zum harten Ausstieg nicht unbedingt nachsagte.

 

 

Nur George kann ich damit nicht überzeugen. Er weiß es besser und argumentiert weiter gegen die Feier an: „It’ll will be like those rip-off British ‚winter wonderlands‘. With a drunk Santa and some angry elves.“ Mein Einwand, dass es keine Brexit Siegesfeiern sein wird, und auch nie sein sollte, wird überhört. Stattdessen erzählt er mir vom letzten ‚Festival of Britain‘, denn die Idee und das Thema sind nichts Neues. Es sollte eigentlich 1943 stattfinden, aber verständlicherweise wurde es verschoben. Sieben Jahre später feierte sich die Nation dann in London. Dort hatte man im Sommer 1951 das Southbank Center fertiggestellt und das war die Hauptattraktion des Festivals. Wo heute ein Zentrum der Kunst steht und täglich Menschenmassen sich treffen und fröhlich sind,  war vorher ein trostloses Stadtviertel. Verlassene Wohnungen, ausgebombte Lagerhallen und völlig demolierte Gebäude. Kein Londoner wäre auf die Idee gekommen das Südufer der Themse zu betreten. Dann hat man durch das Festival den Mut, die Idee und das nötige Geld gehabt, um alles neu zu errichten. Profitorientierte Unternehme standen Schlange, aber man verzichtete auf das Geschäft. Statt Büros, Wohnungen und Hotels wurde auf den Tourismus gesetzt. Man wollte nach den Kriegsjahren endlich wieder die Freude, die Unterhaltung und das Vergnügen zurückholen. Und so entstand die Keimzelle eines kilometerlangen Boulevards, immer entlang der Themse, bis zur Tower Bridge. Alles öffentlich zugänglich, keine privaten Grundstücke dazwischen, wirklich extrem vorbildlich und weit in die Zukunft geplant.

 

Im National Archiv wird der Plan für das Festival 1951 aubewahrt. Das runde Gebäude (Dome of Discovery) steht nicht mehr. Dafür hat man an gleicher Stelle, aber etwas weiter in der Themse, jetzt das London Eye aufgestellt.

 

„Wer weiß, was diesmal erschaffen wird?“, frage ich George und der versöhnt sich langsam mit dem Gedanken an ein neues Festival of Britain. Ihm geht es wie mir, wir sehnen die Zeit herbei, wenn Covid in Vergessenheit gerät. Erst war der Brexit jahrelang in den Schlagzeilen, jetzt die Pandemie. Wir sind mürbe geworden, denn das alles betrifft unser Leben sehr direkt. Wir halten ein Augenblick inne, wagen eine Umarmung und dann formuliert er seine Gefühle mal wieder viel besser, als es sich in meiner Sprache sagen lässt. „You’re right. Last years we were tough enough. Let’s dig through the rubbel and find some grounds for hope. Might be a good idea to have a festival. It’s about delivering a bit of joy and hope and happiness. And it’s a brave attempt to breathe new life into a city desperately down on it’s luck“. Das kann so stehen bleiben, ich bin ganz bei ihm. 

 

Wie so oft in England üblich, möchte man möglichst alle einbinden. Man ruft zur Ideen-Spende auf. Ein guter Einfall, denn die Engländer stecken voller Witz.

Noch eine letzte Anmerkung für alle Fans der königlichen Familie

Das Festival der Briten ist ohne die Royals nicht denkbar. Der Termin wurde längst in ihre Kalender eingetragen. Schon 1951 war die junge Elizabeth zusammen mit ihrem Mann vor Ort. Die offiziellen Worte wurden aber von ihrem Vater gesprochen. King George VI war zusammen mit seiner Frau Lady Elizabeth Bowes-Lyon der Ehrengast des Festivals. Die Tochter, heutige Königin, hatte gerade ihren 25 Geburtstag gefeiert. Sie war seit einigen Jahren verheiratet und hatte bereits zwei Kinder. Der kranke Vater, brauchte immer öfter ihre Hilfe. Aber niemand ahnte, dass er wenige Monate später sterben würde. Im Februar 1952 übernahm Queen Elizabeth II den Thron.

In 2022 ist ungewiß wer von der königlichen Familie am Festival teilnehmen wird. Am liebsten würde man die Queen mit Prince Philip begrüßen, denn die beiden feiern in dem Jahr ihren 75. Hochzeitstag. Und gleichzeitig ist sie dann seit 70 Jahren Königin. Zwei ganz außergewöhnliche Jubiläen. Aber das ist natürlich nur möglich, weil Prinz Philip dann bereits 101 Jahre alt wäre und seine Gattin fünf Jahre jünger. In einem so hohen Alter sollte man sich nicht mehr all zuviel zumuten und vielleicht werden wir sie deshalb vor Ort gar nicht antreffen. Aber die anderen werden dabei sein. Prince Charles uns seine Frau Camilla kümmern sich dann vielleicht um den offiziellen Teil und William wird später, wenn es schon dämmert, mit seiner Frau den musikalischen Teil eröffnen. Zur britischen Live Musik, die noch immer das Beste vom Besten ist. Und das alles am Südufer der Themes. Eingetaucht im Lichterglanz der Häuser und der Brücken. Ich kann es gar nicht abwarten. George muß auf jeden Fall mit, denn wenn die Band dann erst einmal loslegt, dann verliere ich zum Glück die Hemmungen, die mich in Hamburg auf Schritt und Tritt begleiten. Dann gilt nur noch eins, nämlich: Let’s dance the night away!