„Immerhin hat er die Möbel nicht mitgenommen.“ Ich spreche natürlich vom denkwürdigen Mieterwechsel im White House und schaue mir die Fotos an. Es sind vorher/nachher Bilder. In wenigen Stunden hatte man das berühmte Büro umdekoriert, soweit es machbar war. Hoffentlich hat man auch gründlich desinfiziert, denn mit den Viren nahm es der Ex-Präsident bekanntlich nicht so genau. Sie haben das Foto bestimmt auch schon gesehen. Am markantesten ist der Teppichwechsel. Statt zarter Pastelltönen jetzt ein tief dunkles Blau. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es besser finde? Mal abgesehen davon, dass man jeden Fussel sieht. Aber gut, dafür gibt es wohl helfende Hände, die alles picobello in Ordnung halten. Das Fahnenmeer rund um den Präsidenten wurde auf zwei Flaggen reduziert. Und das ist klar besser, wie so häufig gilt auch hier ‚weniger ist mehr‘. Der ersatzlose Verzicht auf die großbürgerliche, sterbenslangweilige Standuhr, war überfällig. Sessel und Sofa hat man stehen lassen und den Schreibtisch sowieso. Er ist historisch getränkt, wurde bereits von den ganz Großen genutzt und kann schon deshalb nicht im Sperrmüll landen. Dahinter ein kleiner, schlichter Tisch, darauf unzählige Fotos. Ein Familienschrein, vielleicht auch ein Bild von prominenten Freunden. Wer weiß, vielleicht sieht man dort auch den Deutschen Schäferhund, der Familienmitglied bei den Bidens ist. Ein Foto des Amtsvorgängers wird man wohl vergeblich suchen. Irgendwie ganz nett aber auch furchtbar altmodisch. Wenn man schon die Familie stets in Sichtweite haben will, dann ist ein elektronischer Bilderrahmen die deutlich besser Wahl, oder? Ähnlich antiquiert kommt mir der Arbeitstisch vor. Er ist gähnend leer. Ein Telefon steht verlassen auf der Ecke. Manchmal wird ein Tablett mit diversen Füllfederhaltern in die Mitte gestellt, sonst nix. Kein PC, keine Stifte, weder Notizbuch noch -zettel. Einen Anspitzer oder ein Radiergummi wird man im Bedarfsfall wohl mit dem Hubschrauber einfliegen müssen. Ich bin zwar auch für Ordnung und halte meinen Arbeitsplatz aufgeräumt, aber bei mir finden sich solche Sachen in Griffnähe. Allerdings muss ich auch alles selbst erledigen. Das wird bei Präsidenten anders sein. Vermutlich lassen sie lochen, heften oder auch mal kaputt reißen.

 

Das Oval Office wurde umdekoriert. Die goldene Gardine blieb hängen. Gut so, denn sie bildet einen starken Kontrast zum neuen Teppich. Rechts wurde Porträt neu an die Wand gehängt.

 

Dem englischen Auge, also George, fiel als Erstes auf, dass die Büste von Churchill abgeräumt wurde. Ich wusste gar nicht, dass sein markanter Kopf dort stand. Sie war ein Geschenk von Boris Johnson an seinen einst so engen Freund Donald Trump. Der neu ernannte Präsident, Jo Biden, hat stattdessen ein Porträt von Benjamin Franklin aufgehängt und das war es, was mir als sofort auffiel. Eigentlich nur ein unscheinbares Detail, aber mir schoss durch den Kopf: „Nanu, den kenn‘ ich doch.“ Das Bild habe ich schon einmal gesehen, aber gewiss nicht in Washington, sondern eher in London. Ein kurzes Nachdenken und dann wusste ich wann und wo es passiert war. Nämlich mitten in Westminster, ganz in der Nähe des Trafalgar Squares, wo Franklin ein kleines Museum gewidmet wurde. Und warum man das gemacht hat und welchen makabren Fund man dort im Keller entdeckte, davon will ich heute erzählen.

Wenn ich in London bin, nutze ich mehrmals täglich die Craven Street. Sie ist eine erstklassige Abkürzung und meistens menschenleer. Sie führt vom Strand schnurstracks hinab an die Themse. Biegt man rechtzeitig ab, kommt man in der Whitehall an. Damit umgeht man den Trafalgar Square, der oft von Menschenmassen überfüllt ist und ein Durchkommen wirklich schwer macht. Mein Tipp: Nutzen Sie den Tunnel; einfach die Treppen zur U-Bahn heruntergehen und dann quer unter dem Platz durchmarschieren.

 

Rund um den Trafalgar Square sind die Straßen voller Menschen. Man kommt kaum durch. Deshalb empfehle ich den Fußgängertunnel (lila) oder meine Abkürzung durch die Craven Street (orange).

 

Es dauerte nicht lange und ich entdeckte das Benjamin Franklin Museum in der Craven Street. Das war leicht zu finden, denn Häuser in denen bekannte Personen gelebt haben, werden mit einer blauen Plakette markiert. Darauf steht dann der Name und ein paar Details. So war es auch bei Franklin, allerdings hatte man jahrzehntelang das falsche Haus mit dem Schild ausgezeichnet. Erst als das Museum gegründet wurde, entdeckte man den Irrtum. Also hier die richtige Adresse: 36 Craven Street, 1st floor.

Der Amerikaner war im Alter von 51 Jahren nach London gekommen und lebte gut sechzehn Jahre lang in der Craven Street, von 1757 bis 1775. Zu der Zeit beschäftigte er sich mit allem möglichen: Politik, Publizismus und Naturwissenschaft gehörten dazu. Seine Interessen waren weitgefächert. Genau wie seine praktischen Erfahrungen. Er war sowohl Staatsmann als auch Erfinder von ganz praktischen Dingen. Der Blitzableiter war eine seiner bekanntesten Produkte. Allerdings war das berühmte Experiment, als er mit dem Drachen im Sturmgewitter die Blitze herausforderte, wohl eher eine Falschnachricht. Franklin hatte sich lange mit dem Verlagswesen und Zeitungsdruck beschäftigt und wusste wie man das Interesse der Leser weckt. Eine gute Schlagzeile hilft dabei ungemein und so vermarktete er seinen Blitzableiter mit der guten Story, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete.

 

 

Das privat geführte Museum bietet 45-minütige Führungen an, die am Nachmittag stattfinden. Anschließend hat man vielleicht Lust auf einen Drink und was wäre thematisch passender als die American Bar, die gleich um die Ecke im Strand zu finden ist. Sie ist eine der vielen Bars im Savoy Hotel und nicht ganz billig. Für einen Cocktail sollte man mindestens £15 einplanen, aber im Preis ist jede Menge edle Atmosphäre inbegriffen. Zum Glück muss man die Namen der Getränke nicht kennen, denn die wurden in dieser Bar ganz neu benannt. Weder der ‚Manhatten‘ noch ein ‚Rudolph‘ lässt sich auf der Karte finden. Stattdessen ordert man ‚Sun, sun, sun‘ oder gleich einen ‚Electric Lover‘ beim Kellner. Spätestens beim ‚Something stupid‘ sollte dann der Groschen fallen. Ja, alle Getränke sind nach berühmten Songtexten benannt. Damit will man die vielen prominenten Gäste ehren, die hier schon mal als Gast waren und ihren Durst stillten. Darunter George Harrison (Sun, sun, sun) und Prince (Electric Lover). Auch die Queen kommt gerne auf einen ‚Sparkling Hans‘ vorbei, der aber wahrscheinlich nur von George und mir so genannt wird. In der Amercan Bar ist mein Favorit der Song von Nancy und Frank Sinatra (Something stupid) und den darf man auch als ‚I love you‘ bestellen. Dabei sollte man dem Barmann tief in die Augen sehen und los geht’s.

Wem das Savoy zu teuer ist, dem empfehle ich einen Besuch im Ship & Shovell. Ein Pub der schon durch die rot gestrichene Fassade auffällt. Er ist in der Craven Passage zu finden und die geht direkt von der Craven Street ab und führt zur Charing Cross Station. Der Pub ist einzigartig. Vermutlich gibt es keinen zweiten dieser Art in England oder sogar weltweit. Hier darf man ruhig den Superlativ nutzen. Das besondere ist die Lage, man muss gar nicht hineingehen, um es zu entdecken. Der Raum ist eigentlich viel zu klein für einen Pub und deshalb hat man den Laden gegenüber gleich mit angemietet. Und so kommt es, dass dieser Pub in zwei separaten Gebäuden untergebracht ist. Dazwischen eine Straße, die glücklicherweise für Autos gesperrt ist und natürlich als willkommene Freifläche den Gästen zur Verfügung steht. Ganz schön witzig und wie in allen Westminster Pubs schmeckt sowohl das Bier als auch das Essen.

 

Ein Pub auf zwei Strassenseiten. Geniale Idee, wenn der Raum eigentlich zu klein ist.

 

Nun sind wir also angekommen, haben einen Platz gefunden und heben das Glas für einen ersten langen Schluck. Und dann ist der Augenblick gekommen, um noch eine gute Geschichte zu erzählen. Und die hat natürlich mit dem Benjamin Franklin Haus zu tun. Damals, als Franklin dort Mieter war, lebte im Erdgeschoss ein William Hewson. Er war deutlich jünger als Benjamin, aber das hinderte die Männer nicht an einer guten Freundschaft. Hewson war Arzt und Chirurg und machte sich einen Namen durch seine guten anatomischen Kenntnisse. Er hatte sich in der Craven Street neben der Wohnung auch ein Labor eingerichtet und betrieb dort eine kleine private Anatomie Schule für medizinisch interessierte Studenten. Anders als beim Mieter Franklin, geriet Hewson nach seinem Tod schnell in Vergessenheit. Das änderte sich schlagartig, als man gut zweihundert Jahre später, also vor gut zwanzig Jahren, das Haus gründlich sanieren wollte. Weil der Boden unter dem Haus bereits im Bereich des Themseufers liegt, beprobte man ihn wie üblich in solchen Lagen. Man grub also ein ca. 1 Kubikmeter großes Loch im Keller, und schaute sich dann die ausgehobene Erde genauer an. Und dabei fand man dann eine irrwitzige Menge an Knochenresten. Schon bald war klar, dass es sowohl menschliche als auch tierische Skelettstücke waren. Eine Untersuchung wurde eingeleitet und die Forensiker kamen zu ganz erstaunlichen Ergebnissen. Im Keller dieses Hauses waren Knochenteile von mindesten 28 verschiedenen Menschen verscharrt und zusätzlich 43 verschiedene Tierarten. Darunter Hunde, Katzen, aber auch exotische Meeresschildkröten. Besorgniserregend war die Erkenntnis, dass mehr als die Hälfte der menschlichen Knochenreste von Kindern stammten. Ganz sicher war William Hewson nicht zur Leichenschau befugt und schon gar nicht in der Craven Street. Aber er war auch kein ‚Jack the Ripper‘. Seine illegalen Autopsien, dienten der Wissenschaft. Jedenfalls nach seiner Meinung. Er wird also die Skelette illegal erworben haben. Vielleicht von Grabräubern oder aus Krankenhäusern. Elend gab es damals genug in London, besonders am Hafen und am südlichen Themseufer. Das sich unter den Skeletten so viele von Kindern befanden, kann mit der hohen Sterblichkeitsrate im später 18. Jahrhundert begründet werden. Hoffen wir es mal, denn unheimlich ist die Geschichte schon. 

Darauf lieber noch ein zweites Glas bestellen, vielleicht sogar einen Kurzen zum Bier dazu, das beruhigt die Nerven. „I want a shot“, wäre die korrekte Bestellung oder noch besser: „I need something to wet my whistle“. Doch diese Formulierung überlasse ich dann lieber George, denn aus seiner Kehle klingt’s authentischer.

Nun kennen Sie also meine Beziehung zu Benjamin Franklin. Mal wieder, wie so oft, spielte London dabei eine Rolle. Aber die eigentliche Frage ist noch gar nicht beantwortet. Nämlich warum Joe Biden ausgerechnet das Porträt dieses Mannes ausgewählt hat. Ich weiß es natürlich auch nicht, habe aber eine Vermutung. Das Naheliegendste ist häufig die richtige Antwort. Und in diesem Fall könnte es die gemeinsame Adresse, nämlich Pennsylvania sein. Franklin lebte dort bis zu seinem Tod und Biden wurde in dem Staat geboren. Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner. Sollten Sie einmal Gelegenheit haben im Oval Office vorbeizuschauen, dann können Sie nachfragen und mit Blick auf das Wandgemälde eine ziemlich gute Geschichte erzählen. So etwas kommt immer gut an, so kann man Freundschaften begründen. Good luck