Vielleicht haben sie den Namen in letzter Zeit öfters gehört? Immerhin gibt es im Kabinett von Boris Johnson einen Minister, der den Titel ‚Chancellor of the Duchy of Lancaster‘ trägt und der sich hauptsächlich mit der praktischen Vorbereitung eines harten Brexit beschäftigt. Ich spreche von Michael Gove und sage es gerade heraus: Ich mag den Mann nicht. Er hat etwas unangenehm Devotes an sich, was er schon im Kabinett von Mrs May bewies. Ein Journalist des Daily Telegraph verglich ihn mit dem perfekten Butler, der unterwürfig seinem Herrn dient und dann über die Whiskeyvorräte herfällt, sobald eure Lordschaft das Haus verlassen hat. Einen Blogbeitrag will ich Mr Gove deshalb nicht widmen, aber sein Amt ist höchst interessant. Was um alles in der Welt hat ein Minister zu tun, der offiziell der ‚Kanzler des Herzogtums Lancaster‘ ist? Verorten wir die Sache mal: Lancaster ist eine Hafenstadt in der Grafschaft Lancashire. Das liegt im Nordwesten von England, an der Küste der Irischen See. Das Herzogtum gleichen Namens ist ein beachtlich großes Stück Land, etwa doppelt so groß wie die Insel Sylt, und liegt an bzw. auf der Grenze von Lancashire (England) und Wales. Das Herzogtum wurde zur Zeit der Rosenkriege geschaffen und gehört dem Duke of Lancaster. Das ist bis heute so und der glückliche Herzog verfügt damit über einen privaten Grundbesitz, der mich staunen lässt. Wir sprechen über stolze 185 km2 Nutz- und Weideland! Alles dort, die Dörfer, die Wälder, die Fische in den Flüssen und Seen und die Erträge der Landwirtschaft gehören dem Herzog. Der erzielte damit im Jahre 2018 erstmals über 20 Millionen Pfund. Das ist eine stolze Summe.

Alles das habe ich natürlich nachgelesen, aber der Auslöser lag vor der Tür meines Hotels in London. Sie wissen es liegt an der Strasse the Strand, kurz vor der Ecke Lancaster Place, der nahtlos auf die Waterloo Bridge führt. Und genau das ist auch mein traditionell erster Spaziergang wenn ich mal wieder in London bin. Dann gehe ich auf diese Brücke und habe von dort sowohl die St Paul’s Cathedrale im Osten im Blick als auch den Westminster Palace im Westen. Ist noch alles da? Werden neue Hochhäuser gebaut? Was ist gerade eingerüstet? … 

 

Vom Strand Palace Hotel gehe ich um die Ecke auf die Waterloo Bridge. Alles liegt nahe beieinander.

 

Als ich aber im August dort war, stutzte ich. Ich war bereits auf der Brücke, schon fast über der Themse, da sah ich ein glänzendes Messingschild an dem Eckhaus. Darauf stand: ‚Duchy of Lancaster‘.  Das wunderte mich dann doch sehr, denn an diesem Ort, also Mid-City, ist eigentlich kein Ministerium angesiedelt. Die haben ihren Platz an der Whitehall, in Westminster. Ich nahm es zur Kenntnis und kriegte es dann nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte nach und selbst für meine Londoner Freunde, die dort aufgewachsen sind, war es eine harte Nuß. Die Sache ist nämlich ebenso verzwickt wie interessant. Lichten wir die Sache und fangen mit dem Herzogtum an. Zu diesem Landbesitz im Norden Englands gehören nämlich auch noch Grundstücke in London, davon die meisten am Strand gelegen. Sie sind Eigentum des Dukes of Lancaster (deshalb der Strassenname: Lancaster Place) und dienen als weitere Einnahmequelle. Die Häuser dort, alle sieben-, acht- und neuerdings sogar neungeschossig, gehören ihm und werden an Läden und Büros vermietet. Der Gebäudekomplex umfasst im wesentlichen das ‚Wellington House‘, direkt an der Ecke Strand/Lancaster Place, daneben das ‚Norman House‘, dass gerade aufwendig renoviert wird und dahinter, sehr versteckt gelegen, die ‚Queen’s Chapel‘. Ausserdem das Minsterium an der Themse, dessen Türschild mir aufgefallen war.

 

Das Wellington House an der Ecke Strand/Lancaster Place. Im Erdgeschoss ist im letzten Jahr mein Lieblingscafé eingezogen, es gehört zur Prèt-á-Manger Kette und ist mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, weil ich dort am Abend mein Reisetagebuch schreibe.

 

Nun wird es Zeit die Katze aus dem Sack zu lassen und endlich den Namen des Duke of Lancaster bekanntzugeben. Sie werden es nicht glauben, aber es ist Queen Elizabeth II. Sie hat das Herzogtum 1952 vom Vater übernommen und nutzt diesen Privatbesitz um das Leben der Royal Family zu finanzieren. Im ersten Moment wurde ich neidisch, aber realistisch betrachtet, geht es ja gar nicht anders. Sie selbst, also die Königin, ihre Thronfolger mit Familien, und zusätzlich Prinz Harry + Ehefrau, arbeiten ausschließlich für das Königshaus. Sie haben gar keine Zeit um einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Sie leben kostenfrei in London, -kein Vergnügen in einem der alten Paläste zu wohnen-, und bekommen Geld für ihren Lebensunterhalt. Diese Vorteile gelten aber nicht für die anderen Kinder der Queen und schon gar nicht für Enkel wie Beatrice und Eugene. Sehr zum Ärger des Vaters Andrew, aber der hat momentan wohl gar nichts zu melden, nachdem er bis zum Hals im Sexskandal von Mr Epstein steckt. Der Familie Windsor gehören die Schlösser Balmoral und Sandringham. Beide Haushalte werden von ihnen bezahlt und dazu gehören natürlich auch die Nebenkosten, die nicht nur Wasser und Strom betreffen, sondern vor allem den erheblichen personellen Aufwand, um die Anwesen überhaupt bewohnbar zu machen. Dafür braucht man Einnahmen und die bezieht die Königin hauptsächlich aus dem Besitz der ‚Duchy of Lancaster‘. Ihr Sohn Charles verfügt über einen vergleichbaren Besitz in Cornwall. Er ist also finanziell unabhängig von der Mutter. 

Bevor nun einer sagt, das ist doch alles total undemokratisch, sei erwähnt, dass die Königin seit 1992 Einkommenssteuer auf alle Einnahmen zahlt. Das war damals eine große Diskussion und wurde ohne Widerspruch von der Queen akzeptiert. Ich werde mir bei meinem nächsten Besuch die Häuser am Strand, die ihr gehören, besonders aufmerksam ansehen. Jetzt ist mein Interesse geweckt. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit mit dem netten Kaffee Betreiber zu reden, ihn zu fragen ob er mit seiner Vermieterin zufrieden ist. Und die Vorstellung, dass mein Einkauf bei Boot’s, wo ich fast immer die vergessene Zahnbürste etc. besorgen muß, letztlich dem finanziellen Haushalt der Queen dient, wird mich künftig beflügeln. Das sei ihr herzlich gegönnt. Mich beschlich der Gedanke, ob ihr womöglich auch mein Hotel gehört? Tatsächlich funktioniert dort vieles anders und es scheint in der Hand von privaten Unternehmern zu sein. Auf jeden Fall keine Hotelkette. Aber dann fiel mir ein, dass das Stück Land vorher dem Duke of Bedford gehörte und der verkaufte es Anfang des 20. Jahrhunderts an das Hotel. Aber der Titel gehörte der Familie Russell und die sind doch irgendwie verwandt mit … 

London’s Geschichte ist spannend und kann bis heute überall zwischen Westminster und der City entdeckt werden. Mein Revier, Covent Garden, war damals, so kurz nach Christi Geburt, das Dorf Lundenwic, das zwischen dem Zentrum der Kirche (St Paul’s) und dem des Königs (Westminster Palace) lag. Mid-City war nicht unbedeutend und wenn man hier gräbt, stößt man sofort auf Funde aus der Gründungszeit der Stadt. In früheren Jahren belohnte der König seine wichtigsten Männer mit Titel und Landbesitz. Begehrt waren die Grundstücke am Nordufer der Themse. Ein Palast blieb erhalten, nämlich das Somerset House. Daneben stand der Savoy Palace und dieses Grundstück gehört heute zur Hälfte der Duchy of Lancaster und zur anderen Hälfte dem Savoy Hotel, bzw. dem Konsortium das dahinter steht. Ja, das sind unermessliche Werte, aber die Besitzer wissen auch, dass sie eine Pflicht haben dem Gemeinwohl zu dienen. Und so hat beispielsweise der Duke of Lancaster, also die Queen (sie wird tatsächlich offiziell mit der maskulinen Titelform in der Grafschaft Lancashire bis heute benannt), erhebliche Geldsummen gespendet, als der Covent Garden in den späten achtziger Jahren von Grund auf renoviert wurde. Dem Gebiet drohte der Abriss, geldgierige Investoren hatten schon Angebote gemacht, als dann in höchster Not diese finanzielle Hilfe kam. Dazu kommt, das der private Besitz weitestgehenst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ich weiß das zu schätzen und freue mich über die vielen Fotos, die ich dort machen konnte, und die mir als Erinnerung viel wert sind. Ohne diese Bilder und Erlebnisse gäbe es keinen London Blog von mir.

PS: Ich sollte noch schnell erklären, warum es im britischen Kabinett einen ‚Chacellor of the Dutchy of Lancaster‘ gibt. Dieses Amt wird fast immer vom Premierminister besetzt, es hat aber keine Funktion. Mit anderen Worten, der Inhaber ist ein Minister ohne Geschäftsbereich. Und das ist nützlich für den Premier, denn damit hat er jemanden im Kabinett, der Sonderaufgaben übernehmen kann. Zur Zeit sind das die Brexit Vorbereitungen. Künftig kann es alles mögliche sein, aber es findet sich stets etwas, das höchste Priorität hat und nicht von einem Fachministerium geleistet werden kann. Das Michael Gove diese Amt vom Boris Johnson bekam war überraschend, denn die beiden sind Totfeinde, seit Mr Gove seinen Parteifreund eiskalt verraten hatte. Das war vor vier Jahren und führte dann zur völlig überraschenden Ernennung von Mrs May. Angeblich haben sich Gove/Johnson ausgesöhnt, ich kann es mir aber kaum vorstellen. Ich denke der stets bienenfleißige, normalerweise sehr unterwürfige Gove, dient als ‚Brexit Vorbereiter‘, weil im Fall des Falles der Premierminister damit gleich einen Schuldigen parat hat. Dann könnte doch noch die Abrechnung für Michael Gove kommen, der im Stillen noch immer davon träumt, irgendwann selbst in die Downing Street einzuziehen.