Neuerdings passiert es mir öfters, dass Londoner, mit denen ich ins Gespräch komme, nach einiger Zeit fragen: „From where are you?“ Das macht mich dann immer ganz stolz, denn vor noch gar nicht langer Zeit stellten sie die Frage etwas anders: „You are from Germany, aren’t you?“. Diesmal kam es noch besser, ein Tourist fragt mich nämlich nach dem Weg. Der hielt mich tatsächlich für eine Londonerin und ich tat alles, um an diesem Bild nichts zu zerstören. Er fragte mich auf dem Parlament Square wie er zur Downing Street kommen könnte. Nun, das war einfach, denn er mußte nur meinem Finger folgen und die Whitehall entlang gehen. Ich wollte ihm noch hinterher rufen, dass sich der Besuch nicht lohnt, aber da war er schon losgelaufen. 

Die Downing Street ist eine kleine, nicht sehr lange Strasse in Westminster, mit einer berühmten Hausnummer, nämlich der Number 10. Dort arbeitet der Premierminister und man kennt die dunkle Fassade mit der schwarzen Haustür aus den TV-Nachrichten. Leider kann man das gute Stück nicht wirklich sehen, denn die Strasse ist an beiden Enden aus Sicherheitsgründen gesperrt. Schauen wir es uns mal von oben an, dann haben wir eine erste Orientierung:

 

Die weisse, gestrichelte Linie markiert die Downing Street. In der Mitte ist der Zugang zum Haus Nr. 10. Dort kommt aber kein Tourist hin, weil beide Enden gesperrt sind. Das ganze Areal rund um No 10 ist abgeriegelt, was man auf dem Luftbild kaum sehen kann. Typisch englisch, statt Stacheldraht nutzt man geschickt lieber die vorhandene Bebauung.

 

Mit einem Teleobjektiv und viel Mühe kann man zwar einen Teil der Fassade ins Bild bekommen, aber vorsicht, denn das Fotografieren ist grundsätzlich nicht gestattet. Dabei geht es weniger um das berühmte Haus, das ist nämlich optisch gut versteckt, als vielmehr darum, dass Besucher möglichst unerkannt rein bzw. raus wollen. An den drei Zugängen, zwei an den Enden der Downing Street und einer auf der Horse Guard Parade, patroullieren rund um die Uhr bewaffnete Polizisten. Die sollte man nicht provozieren, denn sie sind ausdrücklich autorisiert Fotografen in Haft zu nehmen. 

Die Regierungszentrale besteht eigentlich aus drei ‚terrace houses‘, die längst zu einem Gebäuekomplex zusammengewachsen sind. Besucher sind stets überrascht wenn sie durch die Haustür eintreten und sich dann schnell in unzähligen Zimmern und Fluren verlieren. Das Haus hat gut 100 Zimmer! Sie sind meistens nicht sehr groß, aber viele davon sind sehr gemütlich eingerichtet. Satte Farben und warmes Licht machen die Regierungszentrale zu einem einladenen Ort.

 

 

Die eigentlich beschauliche und doch weltberühmte Strasse im Londoner Regierungsviertel wurde nach Sir George Downing benannt. Er war ein Baron zur Zeit von King Charles II. und der gestattete ihm einen direkten Zugang zu seinem Whitehall Palace. Davon ist heute nur noch ein winziger Teil übrig, nämlich das Banqueting House, gleich gegenüber, auf der anderen Seite der Whitehall. Das geschah Ende des siebzehnten Jahrhunderts und niemand anderes als der große Christoper Wren, wurde mit der Bebauung beauftragt. Das Haus mit der Nummer 10, -ursprünglich Nr. 5-, entstand aber erst später und hatte anfangs eine helle Fassade. Man hatte gelben Klinker verwendete, der sich mit der Zeit immer dunkler färbte. Grund war der Londoner Smog aus den unzähligen Kaminen, die giftigen Ruß in die Luft bliesen. Man entdeckte die helle Farbe erst 1950, als das Haus von Grund auf renoviert werden mußte. Schnell entschied man sich, es so zu lassen und strich zusätzlich schwarze Farbe über die Steine. Eine Bombe war im Krieg (Okt. 1940) direkt vor dem Haus detoniert und hatte schwere Schäden hinterlassen. Churchill war gerade beim Abendessen, zum Glück im Garden Room, als es passierte. Anschließend mußte er in den Bunker umziehen, der noch heute existiert und eine große Anziehungskraft auf Touristen hat. 

Die berühmte Haustür war übrigens nicht immer schwarz. Kurz vor dem ersten Weltkrieg hatte die Frau des damaligen Premiers sich für dunkelgrün entschieden und also wurde sie umlackiert. Nach neun Jahren kehrte man dann aber zum eleganten schwarzen Lack zurück. Die Tür ist tonnenschwer, weil sie aus Stahl gefertigt ist. Der glänzende Messingbriefkasten ist ein Attrappe, er lässt sich nicht öffnen. Es gibt übrigens auch kein Schloß und deshalb waren die Schlüssel, die Theresa May zur Amtsübernahme von ihrem Vorgänger David Cameron überreicht bekam, natürlich auch nur ein kleiner Schwindel. Dass sich die Tür trotzdem zuverlässig öffnet, sobald einer davor steht, und sei es ’nur‘ Kater Larry, liegt an der permanenten Monitorüberwachung. Man weiß im Haus stets genau, wer vor der Tür steht. Für Touristen habe ich noch einen Tipp. Es gibt eine identische Haustür ganz in der Nähe, die man wunderbar fotografieren kann. Man findet sie in der Adam Street, die parallel zum Strand verläuft, natürlich beim Haus mit der Nummer 10. 

 

Viele laufen über den Paradeplatz der Horse Guards. Kaum einer realisiert, dass die Gebäude, die auf dem Bild zu sehen sind, die Häuserzeile der Downing Street sind. Die Mauer umschließt den Garten, den ich bei den Fotos oben gezeigt habe.

 

Ich bleibe dabei, der Besuch der Downing Street lohnt sich eigentlich nicht. Warum die kleine Einschränkung? Nun, wenn man Glück hat, rauscht Boris Johnson im Dienstwagen an einem vorbei. Allerdings wird er eher den Hinterausgang zum St James’s Park nutzen und nicht vorne in die Whitehall einbiegen. Ich jubiliere immer dann, wenn ich irgendwo die Schwanzspitze von Larry entdecke. Mir ist sogar schon einmal der Fuchs begegnet, der hier längst heimisch ist. Wenn ein neuer Premier einzieht, dann entdeckt man vielleicht den Möbelwagen an der Hinterseite des Gebäudes. Und in der Weihnachtszeit kann man den Tannenbaum sehen, besonders schön am Abend, der direkt vorm Zugang zur No 10 steht. Ich würde nicht gezielt dorthin gehen, komme aber doch ständig an der Downing Street vorbei, denn sie liegt nun mal im Herzen von Westminster. Und manchmal lohnt es sich Fotos zu machen. Diese hier habe ich an dem Tag aufgenommen, als die Premier Ministerin Theresa May zurücktrat. Ich wußte nichts davon, war aber genau zur richtigen Zeit gekommen. Die Aufregung war groß.

 

 

PS: Eine Chance einmal in das Haus hinein zu kommen gibt es doch noch und ich lasse nicht locker, sie mir zu verwirklichen. Jedes Jahr im September öffnen sich zahlreiche öffentliche Gebäude in London für ein Wochenende. Dann kann man in Gebäue eintreten, die normalerweise dem Publikum verschlossen sind. Downing Street No 10 macht keine Ausnahme, ist aber so beliebt bei den Besuchern, dass man ein Ticket nur mittels Verlosung bekommen kann. Seit drei Jahren bin ich dabei, leider bisher ohne Erfolg. Aber wenn Sie mir die Daumen drücken, dann klappt es vielleicht dieses Mal. 

 

 

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