Heute morgen wurden die Fenster geputzt und gleich danach holte ich die Christmas Boxen vom Boden. Da drin bewahre ich all die bunten Sachen auf, die Weihnachten erst richtig schön machen. Kugeln und Sterne, lustige Elche, jede Menge Weihnachtsmänner groß und klein … Normalerweise schmücke ich erst Ende November, aber was ist in 2020 schon normal? Und weil die Aussichten so finster sind, habe ich mich zum frühzeitigen Schmücken entschlossen, jedenfalls schon mal so ein bißchen. Die großen Geschütze werden erst zum Advent aufgefahren, aber ein paar kleine nette Sache dürfen jetzt schon ans Licht. Ausserdem war ich die letzten Jahre immer in London und habe deshalb bei mir zu Hause seit Jahren nicht dekoriert. Um so spannender endlich mal wieder in den Boxen zu kramen. Dieses Jahr wird es anders werden. Ich hatte ja einen Rest Hoffnung, dass ich im Dezember nach England reisen kann, aber die Vorfreude hat sich extrem schnell in Luft aufgelöst. Noch am selben Abend wurden Gerüchte laut, dass nun doch der landesweite Lockdown ausgerufen wird. Und einen Tag später hat der Premier es dann auch offiziell verkündet. Die endgültige Entscheidung steht zwar noch aus, das Parlament muß noch zustimmen, aber wenn über Nacht kein Wunder geschieht, dann wird das morgen passieren.

 

 

In meinen Kartons habe ich auch einige ‚Merry Christmas Cards‘ gefunden. Sie sind vom letzten und vorletzten Jahr, alle aus England mitgebracht. Ich hütete sie wie Schätze und das war eine gute Idee. Als ich sie heute auspackte und die lieben Grüße las, kamen sofort die Erinerungen. Ist das wirklich erst ein Jahr her? Können Sie sich erinnern, wie es letztes Jahr war? Ich helfe mal nach. Weihnachten 2019 schien wie immer zu sein. Das Wetter in London eher mild und nass, aber das störte nicht, denn sobald es dunkel wurde, erstrahlte die Stadt im Licht. Wundervolle Weihnachtsbäume vor dem Parlament, in Covent Garden und im Trafalgar Square. Gut, die Tanne dort war etwas dünn ausgefallen, sie schien kaum Nadeln zu haben, aber das fiel nur tagsüber auf, wenn die Sonne schien. Dafür hatte man zum allerersten Mal einen Weihnachtsmarkt vor der National Gallery aufgebaut. Und nachmittags trafen sich die Chöre unter der Tanne und luden zum Mitsingen ein. Auf der Southbank hatte man die ‚Twelve Days to Christmas‘ nachgestellt. Das Lied kennt jedes Kind in England und die skurillen Geschenke, die der Liebste seiner Braut bringt, wurden durch 12 Teddybären symbolisiert. Sie waren am Themseufer aufgestellt, ein bißchen versteckt, aber es sollte ja auch eine Schnitzeljagd sein. Ich hatte immerhin 11 von 12 Teddies gefunden. Und dann war ich natürlich im Weihnachtskonzert. Das muß man einfach erleben. Ein fröhliches sing-along im Southbank Center. Jeder macht mit, die Zuschauer sind früh da, denn sie haben jede Menge Weinachtsdekoration dabei. Damit wird dann erst einmal der Platz oder gleich die ganze Loge verziert. Blinkende Lichterketten, komplett geschmückte Weihnachtsbäume, Sterne, Kugeln und jede Menge Flüssiges. Mehr Weihnachten geht nicht, egal ob man 8 oder 80 Jahre alt ist, man wird mitsingen, -tanzen und -trinken. 

Dieses Jahr wird das wohl alles ausfallen. Kein Weihnachtsmarkt, kein Skating im Innenhof des Somerset Houses, keine Buden und keine Konzerte. Die Theater haben erneut geschlossen, bevor sie überhaupt richtig geöffnet hatten. England kriegt es noch immer nicht in den Griff, der Lockdown ist härter als bei uns. Im Frühjahr hat er fast drei Monate gedauert, jetzt sind vier Wochen geplant (erst einmal) und man schliesst so gut wie alles, ausser Lebensmittel und Drogerie. Schon wieder müssen die Friseure dicht machen, das kriegen sie auch nicht organisiert. Von Tag zu Tag wird deutlicher, dass der stets optimistische Boris Johnson eigentlich keinen Plan und keine Strategie hat. Immer werden leere Versprechungen gemacht und wenn die Ansteckungszahlen dann durch die Decke schiessen, duckt er sich ängstlich weg.

Bleibt nur eine Hoffnung, die Königin. Sie hatte gerade angefangen ‚business as usual‘ zu demonstrieren und nun ist es schon wieder vorbei. Natürlich reagiert man auch und gerade in der königlichen Familie auf jede Verschärfung der Gesundheitslage. Man ist sich seiner Vorbildrolle bewußt. Zwei haben sich ja schon angesteckt, Prinz Charles und wie jetzt erst bekannt wurde auch sein Sohn William. Ihn soll es ganz schön heftig erwischt haben, aber zum Glück hat er sich erholt. Eigentlich würde man Weihnachten, wie jedes Jahr, in Sandringham verbringen. Dort trifft sich die Familie über die Festtage und besucht am Weihnachtsmorgen gemeinsam den Gottesdienst. Letztes Jahr fehlte nur der Duke of York, der kurz vorher sein völlig verunglücktes Interview gegeben hatte. Wie immer waren die Kinder die Stars, obwohl die Königin einen roten Mantel trug, der gut zu sehen war, was ja auch die Absicht war. Meghan und Harry hatten schon letztes Jahr gefehlt, diese Jahr wird sie niemand vermissen. Ob aber die Königin überhaupt nach Norfolk kommt ist fraglich. Es scheint, dass man diese Jahr darauf verzichtet und stattdessen in Windsor bleibt. Das wäre dann ganz sicher ein Solidaritätsbekenntnis an alle anderen, die möglicherweise wegen der Pandemie keine Reisen machen dürfen. Ein bitterer Verzicht, denn in England ist es Tradition, dass man am Weihnachtsfest zusammenkommt. Nicht nur die Kernfamilie plus Schwiegereltern, sondern im ganz großen Kreis, aus allen Ecken des Landes. Hoffentlich kommt es anders, ich habe noch immer das Gefühl, auch dieses Jahr in England das Fest feiern zu können. Wahrscheinlich ein bißchen Selbstbetrug. Wer weiß, vielleicht hat Father Christmas doch noch die erhoffte Überraschung für uns alle dabei. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm, denn bei mir sieht es schon jetzt ein bißchen weihnachtlich aus.