Der Sturm Baum

The Strand, London, WC2N 5HX (Charing Cross Station)

Mitten auf dem Fußweg, vor dem Eingang zum Bahnhof, steht ein Baum. Ein ungewöhnlicher Ort und doch genau so gewollt.

Der Charing Cross Bahnhof wird jährlich von ca. 40 Millionen Passagieren genutzt. Seine Hauptein- und ausgänge liegen zum Strand. Und genau dort, wo diese Fahrgäste auf die ca. jährlich 20 Millionen Touristen prallen, dort steht ein junger Baum, mitten auf dem Fußweg. Dazwischen wuseln dann noch die Gäste des Hotels, dass baulich in den Bahnhof integriert wurde. Und eine ganze Menge Taxen kurven über den Vorplatz, aber die lassen wir jetzt mal beiseite. 

Wer um alles in der Welt ist auf die Idee gekommen, hier einen Baum zu pflanzen? Und warum ist mir das erst nach etlichen Reisen aufgefallen? Nun, das liegt wohl daran, dass alle Fußgänger sehr geschmeidig dem Nachwuchsgrün ausweichen, ohne größere Kollisionen zu verursachen.

Zum Glück kenne ich jemanden, der seit dreißig Jahren im Strand zuhause ist. Er kennt jeden Stein, jedes Gesicht und alle Geschichten. Er arbeitet in meinem Hotel und ich werde ihn fragen. Und als ich zaghaft loslege: „What’s this tree all about?“ und mit dem Finger Richtung Bahnhof zeige, blitzen seine Augen auf und ich weiß, ich habe seine ganze Aufmerksamkeit gewonnen.

 

Bilder vom 16. Oktober 1987 in London. Der Sturm hat fürchterlich gewütet.

 

„Do you remember what happend the night of October 15th to 16th 1987?“ Nein, das weiß ich nicht, obwohl ich ein ziemlich gutes Gedächtnis habe. In dieser Nacht, so erzählt er mir, tobte sich ein Sturm über England aus, der der stärkste seit fast zweihundert Jahren war. Er forderte 18 Menschenleben, darunter auch ein junger Mann im Lincoln’s Inn Fields. Ein kleiner Park,  gar nicht weit von hier entfernt. Alleine in London wurden 250.000 Bäume entwurzelt. Der Botanische Garten in Kew, das liegt nahe dem Fluhafen Heathrow im Südwesten, glich einem Schlachtfeld. Überall waren die Schäden gigantisch. Es grenzte an ein Wunder, dass nicht mehr Menschen in der Metropole den Tod fanden.

Nach dem Sturm rief eine Londoner Tageszeitung ihre Leser auf, nun erst recht junge Bäume anzupflanzen. Das kam gut an und wurde überall umgesetzt. Und der Baum vor dem Bahnhof Charing Cross gehört dazu. Er wurde ganz bewußt mitten auf den Fußweg gepflanzt, um ein klein wenig mehr Aufmreksamkeit zu bekommen. Eine Plakette, gleich daneben an einem Stein, erinnert an das schreckliche Naturereignis.

Ich war viele Male an der Gedenktafel vorbeigelaufen, ohne sie zu bemerken. Das geht sicherlich den meisten Menschen so, denn wer zum Zug geht oder gerade angekommen ist, hat es meistens eilig. Dann aber nahm ich mir die Zeit, schaute mich nach der Schrifttafel um und würde fündig. Zwei Texte erinnern an das Unglück und erklären den ungewöhnlichen Ort, an dem dieser Baum gepflanzt worden ist.

 

 

Und so sieht es aus, wenn man den Strand entlang schaut, in Richtung Aldwych. Rechts der Eingang zum Charing Cross Bahnhof. Von dort fahren die Fernzüge nach Süden. Nach Brighton braucht man beispielsweise 50 Minuten. Prima Sache, besonders im Sommer. Wer mit der Underground fahren will nimmt die Treppen, die man geradeaus in der Mitte sieht. Der Baum versperrt den Fußweg, der normalerweise voller Menschen ist. Aber er hat seine Berechtigung und wird akzeptiert. Auch wenn die allermeisten sicherlich seine Bedeutung nicht kennen.