Im Somerset House lernte ich eine Frau kennen, die eine beeindruckende Lebensgeschichte zu erzählen hatte. Ihr Name ist Eleanor Coade und schon bald merkte ich, dass ich ihr schon öfters in London begegnet war, ohne es zu merken. Eleanor ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, eine experimentierfreudige Unternehmerin mit eigener Fabrikation und sie ist eine begabte Künstlerin, die kleine und große Skulpturen aus Stein herstellt. Aber eigentlich muß ich von Eleanor in der Vergangenheit reden, denn sie starb bereits am 16. November 1821, im Alter von 88 Jahren, in London.

Geboren wurde Eleanor Coade in Lyme Regis, ein Badeort an der Südküste Englands. Ihr Vater war ein Tuchhändler und auch die Mutter stammte aus einer Textilfabrikanten Familie ab. Schon Eleanor’s Großmutter war eine alleinstehende, erfolgreiche Geschäftsfrau, die zweihundert Menschen einen Arbeitsplatz geben konnte. So war es für Eleanor Coade vielleicht gar nicht so außergewöhnlich, dass sie unverheiratet blieb und statt einer Familie, eine Fabrik gründete. Als ihre Eltern nach London umzogen, versuchte sie sich zunächst in der City als Tuchhändlerin zu etablieren. Das war so um 1760. Als dann aber einige Jahre später ihr Vater starb, -nach einem Bankrott bettelarm-, wechselte Eleanor ihre Pläne. Sie setzte alles auf eine Karte und kaufte eine heruntergewirtschaftete Kunststeinfabrik in Lambeth, am Südufer der Themse. Heute steht dort die Royal Festival Hall, damals war es Hafen- und Lagergebiet, eine recht armselige Gegend.

Eleanor hatte mit ihrem Unternehmen schon sehr bald Erfolg. Sie war zum einen eine sehr erfahrene Geschäftsfrau, aber auch eine kluge Handwerkerin. Schon bald hatte sie ein Rezept gefunden, das hochklassige Stein versprach. Ihre Produkte waren besser als alle anderen, denn sie hatte sowohl eine besondere Materialmischung als auch ein ausgeklügeltes Brennverfahren entwickelt. Das Ergebnis war ein heller, fast weisser, porzellanartiger Stein, mit sehr glatter Oberfläche und extremer Haltbarkeit. Trotzdem liess er sich gut bearbeiten und galt zurecht als erste Wahl. Alles was daraus gefertig wurde, beispielsweise Treppenstufen oder Mühlsteine, künstlerische Urnen oder große Figuren, hat die Zeit schadlos überstanden. Weder Wind noch Wetter, weder Smog noch saurer Regen konnten dem Coade Stone etwas anhaben.

 

Der Eingang zum Twinings Teegeschäft ist erhalten geblieben. Das Portal ist weit über hundert Jahre alt und wurde aus Coade Stone gefertigt. Der Shop, immerhin das Twinings Mutterhaus, ist tatsächlich nicht breiter, geht aber tief in das Gebäude hinein. Man findet es im Strand No 216, also kurz vor dem Beginn der Fleet Street.

 

Alle großen Architekten schätzten deshalb ihre Produkte hoch ein. Gerne benutzen sie den Coade Stone für ihre Bauten; sei es Robert Adam in den Adelphi Terraces oder Sir William Chambers im Somerset House. Auch John Nash und John Soane gehörten zu ihren Kunden, um nur einige große Namen zu nennen. Trotzdem lassen sich die verbauten Steine nicht so leicht finden, denn sie wurden nicht als Wand-Baumaterial eingesetzt. Dafür waren sie viel zu wertvoll. Man benutzte den Coade Stone zur Verzierung, als Fassadenschmuck oder als Figur auf dem Dach.

 

Der Innenhof des Somerset House. Wir schauen auf den Südflügel, der mit Coade Stone Urnen verziert ist. Sie sind unter dem Giebel im mittleren Teil angebracht. Aber auch der Buckingham Palace wurde mit Coade Stone verziert und renoviert.

 

Eines der Werke haben sie ganz bestimmt schon in London gesehen. Ich spreche vom ‚Red Lion‘, der in makellos weissen Stein auf der Südseite der Westminster Bridge steht. Er war früher auf der Dach der ‚Red Lion Brewery‘, ein Stück weiter östlich in Richtung Southwark. Beim Umzug mußte er leiden, denn sein bestes Stück, also sein ‚very private piece‘, blieb leider hängen. Seitdem ist der geschlechtslose Löwe sanft wie ein Stubentiger und wacht majestätisch über die Touristen, die von morgens bis abends um ihn herumwuseln. Mir hat er auf den ersten Blick gefallen und jetzt, wo ich die Geschichte seiner Herstellung kenne und weiß, dass schon Eleanor Coane an ihm Freude hatte, mag ich ihn noch mehr.