Ein Obelisk steht mitten in London am Ufer der Themse. Obwohl er ziemlich hoch ist (21 Meter) und ganz schön schwer (224 Tonnen), fällt er vielen Besuchern gar nicht auf. Erst wenn man davor steht, fragt man sich: „Stand das Ding schon immer hier?“ Die Antwort lautet nein, denn gefertigt wurde der Stein in Heliopolis, im alten Ägypten, vor ca. 3.500 Jahren. Ursprünglich waren es sogar drei Obelisken, der Zwillingsbruder steht inzwischen in New York und der dritte im Bunde hat in Paris eine neue Heimat gefunden. Was für eine Biografie, man könnte neidisch werden. Der Londoner Obelisk kam im Jahre 1877 per Schiff angereist und war ein Geschenk des ägyptischen Herrschers Mohammed Ali. Der dankte damit den Briten für ihre tatkräftige Unterstützung im Battle of the Nile (1798) und im Battle of Alexandria (1801). Dass der tonnenschwere Klotz erst Jahrzehnte später in London angeliefert wurde, lag an der nicht ganz einfachen Verschiffung. So ein langer, aber doch recht schlanker Stein, lässt sich nicht so einfach transportieren. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Die Londoner nahmen das Geschenk dankend entgegen und stellten die Sensation gleich an prominenter Stelle auf. Gleich neben der Waterloo Bridge, unmittelbar an der Themse, auf dem gerade fertig gestellten Victoria Embankment. Da war noch jede Menge Platz und so kam der Obelisk wie gerufen. Man hielt eine Einweihungsfeier ab und versenkte dabei, wie bei einer Grundsteinlegung, eine ‚Zeit-Kapsel‘ mit ausgesuchten Erinnerungsstücken. Sollte eine spätere Generation in ferner Zukunft die Dose finden, dann werden sie nicht schlecht staunen, wenn sie alles wieder herausziehen. Die Liste der sorgfältig ausgesuchten Zeit-Dokumente ist überraschend lang und lohnt in voller Länge aufgezählt zu werden: Da wurden 12 Fotografien der schönsten englischen Frauen eingepackt. Passend dazu eine Schachtel mit Haarnadeln. Ausserdem Zigarren, diverse Tabakspfeifen, ein komplettes Set der imperialen Gewichte, eine Nuckelflasche, Kinderspielzeug, ein Rasiermesser, einen Wagenheber und einige Meter von den Stahlseilen, die man brauchte, um den Obelisken in die senkrechte Position zu ziehen. Schließlich legte man noch ein kleines Bronzemodell des großen Steinbruders mit in die Dose und ein paar britische Geldmünzen. Natürlich durfte ein Portrait der Queen Victoria nicht fehlen, dazu ein handgeschriebener Bericht über den ziemliche abenteuerlichen Transport von Unter-Ägypten nach Südengland, ein paar technische Zeichnungen auf feinstem Kalbsleder, eine Übersetzung der eingemeisselten Hieroglyphen, mehrere Bibelübersetzungen in verschiedenen Sprachen, eine Kopie des Verses 3:16 aus dem Johannes Evangelium, dieses Wort gleich in 215 Sprachen übersetzt, einen Almanach (Jahresbuch) der Londoner High Society, einen Fahrplan der englischen Eisenbahn, eine Landkarte von London und schließlich zehn verschiedene Tageszeitungen. Was für eine Wundertüte. Wer die jemals findet, hat viel Material zum Studieren.

Der Name ‚Cleopatra’s Needle‘ ist übrigens irreführend. Die Dame, -und wir meinen damit ja wohl immer die Geliebte von Julius Caesar-, kam erst 1.400 Jahre später zur Welt. Immerhin standen damals die Obelisken noch am Nil, nahe des heutigen Kairo. Es gibt aber noch etwas anderes an dem Monument, das ganz und gar nicht richtig ist. Ich kann die Gelegenheit nutzen und ein bißchen angeben, denn mir fiel es tatsächlich sofort auf, auch wenn ich es nicht hätte benennen können. Es war ein Bauchgefühl, dass da irgend etwas falsch ist. Eigentlich hatte ich mich ganz auf die Sockel der beiden Sphinxen konzentriert, denn dort sind an einigen Stellen faustgroße Löcher zu erkennen. Das sind Schäden, verursacht durch den Einschlag einer Fliegerbombe während des ersten Weltkrieges. Ganz in der Nähe ereignete sich die Explosion und scharfkantige Schrapnelle haben dann den Granitstein beschädigt. Man hat es bewußt so gelassen, eine Erinnerung an eine beklemmende Zeit.

 

 

Als ich mir dann die beiden Sphinxe aus einer weiteren Entfernung ansah, -sie sind übrigens Nachbildungen-, fiel der Groschen. Die Katzen liegen verkehrt herum! Sie sollen natürlich den Obelisken bewachen und dazu müssen sie die Umgebung mit scharfen Blick absuchen. Diese beiden liegen aber wie Hauskatzen zu Füßen des Denkmals und strecken ihren Hintern dem Besucher zu. Wie konnte das bloß passieren? Nun, natürlich in voller Absicht. Denn es war der Herzenswunsch einer einzelnen Dame. Niemand anderes als die damalige Queen Victoria wünschte sich das Denkmal in dieser Weise und wer hätte da widersprechen sollen? Irgendwie auch ganz gut so, denn es droht keine Gefahr. Neither river-up nor down.

 

Noch was Schlaues hinterher:

Ein Obelisk stellte in der alt-ägyptischen Vorstellung eine Verbindung zur Götterwelt dar. Die ‚Spitzsäule‘ symbolisierte einen steingewordenen Strahl des Sonnengottes Re. Da ist es schon etwas merkwürdig, wenn die Engländer das Monument mit einem Bibelspruch aus dem christlichen Evangelium begrüßen. Im Vers 16:3, den man aussuchte, sagte der Apostel Johannes: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ Eine Botschaft, für den der Obelisk dann doch ein paar tausend Generationen zu alt ist, um den Sinn zu verstehen. – Oder war etwa Absicht dahinter? Hat da womöglich ein Mann mit englischen Humor die Auswahl getroffen?

 

Und noch einen Nachtrag:

Endlich hat es geklappt. Ich habe ein Foto von Cleopatras Needle, auf dem man endlich das Monument in voller Größe und Schönheit sehen kann. Es war gar nicht so einfach aufzunehmen, denn dazu mußte ich mich erst einmal auf die Themse begeben. Von Bord eines der Riverboats gelang dann die Aufnahme. Leider nur durch die geschlossene Scheibe und in ziemlich rasanter Vorbeifahrt, aber ich bin mit dem Bild glücklich. Die Ebbe hatte eingesetzt und das abfliessende Themsewasser gab die hohen Kaimauern frei. Die Löwenköpfe, die die Hochwasserlinie markieren, sind gut zu sehen.