Wer nach London kommt, landet automatisch auf dem Trafalgar Square. Sei es gezielt, weil man die National Gallery besuchen will (gute Wahl) oder es passiert einfach so, auf dem Weg zum Buckingham Palace, zur Downing Street oder ins West End. Immer wird man den großen, zentralen Platz queren. Und sicherlich wird man erst einmal dort verweilen, gemeinsam mit hunderten anderer Touristen. Man wird sich wundern wie groß die beiden Wasserbassins sind, man wird die nass-glänzenden Brunnen und Delphine betrachten, einen Blick auf die Eingangsfront der Gallery werfen, dann den Kirchturm von St Martins-in-the-fields ins Blickfeld bekommen und schließlich die Whitehall entlang schauen und am Ende den Turm von Big Ben ausmachen. Wer kann nicht widerstehen, den vielen roten Bussen, den Taxen, Autos und Fußgängern nachzuschauen. Geht man dann schließlich weiter, wird man sich unweigerlich an einer der vielen Treppen vorbeidrängen müssen, die zur Underground führen. Das kreisrunde rot/blaue Logo, das sogenannte Roundel, ist weltbekannt. Aber wie kommt es eigentlich, dass es auf keiner der Tube Lines eine Station gibt, die Trafalgar Square heißt? Klären wir es.

 

 

Keine Frage, die Treppe auf dem Foto führt zur Londoner U-Bahn, das ‚Underground‘ Logo zeigt es an. Aber sie führt auch zu einem Fußgängertunnel, was durch die Worte ‚public subway‘ gesagt wird. Sehr praktisch, gerade am Trafalgar Square, wo man diverse Ampelübergänge nutzen muß, wenn man ihn passieren will. Geht man stattdessen durch den Tunnel, dann ist man viel schneller am anderen Ende. Diese Treppen führen zu einem ganzen Tunnelsystem, deren Gänge sich in alle Richtungen verzweigen und in denen man schnell die Orientierung verlieren kann. Macht aber nichts, irgendwo wird man wieder herauskommen. Es ist auch deutlich zu erkennen, ab wann man sich in einem Bahnhofsbereich befindet, also ein Ticket benötigt, denn dort kommt man nur hin, wenn man eine Schranke passiert. Um die zu öffnen, benötigt man eine Fahrkarte, beispielsweise eine Oyster Card. Also nur Mut, steigen Sie hinab und fangen Sie an das geheime London zu erforschen. Es soll eine komplette zweite Stadt im Untergrund verborgen liegen. Gemeint sind die vielen nicht mehr genutzten Tube Tunnel und Stationen, die vielen riesigen Bunker zwischen Whitehall und Buckingham Palace, die vielen Strassen- und Themsetunnel etc. 

Die im Foto gezeigte Treppe, sie liegt am südlichen Ende des Trafalgar Squares, führt zum Bahnhof Charing Cross. Der Name der Station steht links neben dem Logo. Das mag zunächst überraschen, denn die Charing Cross Station ist ein gutes Stück weiter hoch, an der Strasse the Strand gelegen. Dieser Bahnhof hat es wirklich in sich. Er ist ein gigantischer Knotenpunkt, der völlig unterschiedliche Gesichter zeigt, je nach der Richtung aus der man sich ihm nähert. Stolze neun Zugänge gibt es; kleinere Schlupftüren sind da noch gar nicht mitgerechnet. Echte London Profis betreten den Bahnhof direkt von der Hungerford Bridge aus, ohne die vielen Treppen runter und dann wieder hoch zu steigen. Es gibt tatsächlich einen schmalen, versteckten Zugang, über einige hundert Meter Gitterroste, in gut fünfzehn Meter Höhe. Ich brauchte lange, um es zu entdecken. Eines Abends bin ich einfach einem Londoner mutig hinterhergelaufen. Voilà.

 

 

Auf der Karte habe ich die Bahnhofshalle orange markiert. Nur von oben erkennt man wie groß die Anlage ist. Sie ist die Endstation aller Fernzüge aus dem Süden der Insel. In den unteren Etagen, und davon gibt es mehrere, sind die Bahnsteige der U-Bahnen zu finden. Hier kreuzen sich Northern- und Bakerloo Line; beide sind hochfrequentiert. In Charing Cross steigen jährlich über 20 Mio. Fahrgäste in oder aus den Undergrounds. Mit anderen Worten, der Bahnhof und das Umfeld gleichen einem Ameisenhaufen in Aufruhr. Dazu kommt noch ein 7-geschossiges Hotel, mit über 300 Doppelzimmern (no single rooms, why not?), unmittelbar im Gebäudeteil zum Strand. Sie können sich vorstellen, dass der Ein-/Ausgang zum Strand, der einen großen Vorplatz hat, immer eine Ecke ist, wo man aufpassen muß niemanden umzulaufen. Und wenn es doch passiert, dann sofort ’sorry‘ sagen, egal ob sie Ramm- oder Prellbock waren. So macht man das in London.

 

Einer der Eingänge vom Strand aus. Hinter der Fassade verbirgt sich das Amba Hotel, das Gebäude ist aber bereits die Halle zum Charing Cross Bahnhof. Man sieht das Underground Logo dezent unter dem Arkadengang. Daneben das Logo für die Railway.

 

Abends wird es hier laut, denn man gestattet Musikern auf dem Vorplatz Konzerte zu geben. Es sind ‚buskers‘, die sie auch auf dem Trafalgar Square und in Covent Garden ihr Können zeigen. Sie sind gut, oft sehr gut. Aber eben auch laut, besonders der E-Gitarrist, der stundenlang vor dem Hotel spielt. Als Fußgänger gefällt es mir, als Hotelgast wäre ich verärgert. Aber gut, wer im West End logiert, kann keine himmlische Nachtruhe erwarten.

Wann immer ich in London bin, gehe ich täglich bestimmt ein halbes Dutzend mal am Charing Cross Bahnhof vorbei. Oft biege ich in die Villiers Street ein, um Trafalgar Square zu umgehen, aber das ist abends keine gute Idee, denn die schmale Strasse ist ein Hotpot für vergnügungssuchende Teens und Twens. Hier sind die angesagtesten Clubs angesiedelt und hier findet man eine der besten Live Comic Shows in London. Alles sehr diskret, versteckte Eingänge, fast als würde man jemanden privat besuchen. Wer die Treppe nicht kennt, findet es nicht. Zu meiner Zeit, als Clubs noch Disco hiessen, waren die Eingänge ebenerdig mit blinkender Reklame auf dem Vordach. Gut, dass neue Generationen ihre eigenen Ideen entwickeln. Aber davon will ich gar nicht erzählen, sondern von einer anderen sehr merkwürdigen Sache, die hier, direkt vor der Charing Cross Station, am Ausgang zum Strand zu sehen ist. Schauen Sie selbst:

 

 

Fällt es Ihnen auf? Nein? Dann geht es Ihnen wie mir. Sobald man aber darauf aufmerksam gemacht wird, springt es einem geradezu ins Auge. Es steht ja genau vor uns, nämlich der Baum. Er wächst mitten auf dem Fußgängerweg vom Strand. Und damit nicht genug, genau an dieser Stelle liegt rechts der große Zugang zum Charing Cross Bahnhof. Es ist also ein Kreuzungspunkt für Fußgänger und da ist der Baum ziemlich im Weg. Es handelt sich um eine Eiche, eine English Oak, die noch recht jung aussieht. Ich kenne sogar ihr genaues Alter, denn ich weiß, sie wurde, noch ganz jung, im Oktober 1988, hier feierlich eingepflanzt. Ziemlich komisch, oder? Natürlich gibt es einen Grund dafür und es lohnt sich die Geschichte zu erfahren. Wie Sie das machen können? Nun, ich hätte zwei Ideen. Entweder fahren Sie ganz schnell nach London, gehen den Strand hinunter bis zum Charing Cross Bahnhof, stellen sich dann neben die Eiche und schauen rechts auf den Pfeiler der Mauer. Dort finden Sie zwei Plaketten, die die Story erzählen. Oder Sie lesen das einfach auf meinem Covent Garden Blog nach. Das ist einfacher, ein London Besuch macht aber viel mehr Spaß. However you decide, enjoy.