„The proceeding will start shortly“ tönt es aus dem Fernseher. Es ist kurz vor halb vier, Montag Nachmittag. Die Sprecherin wiederholt den Hinweis alle 15 Sekunden. Man könnte verrückt werden oder sich einfach daran erfreuen, dass die Engländer stets gut informieren wollen. „Mind the gap between the train and the platform“ – „please stand clear of the doors“ – „more troubles in twenty minutes“ – „the proceeding will start shortly“ …

Gestern füllte sich das House of Commons. Ganz unplanmäßig, denn eigentlich sind noch Osterferien. Ja, in England gönnen sich die Parlamentarier mehr Urlaub als bei uns. Eigentlich nutzt man jede sich bietende Gelegenheit, um London den Rücken zu kehren und in den beschaulichen Wahlkreis zurückzukehren, wo im geräumigen Landhaus Frau, Kinder und Hund warten. Anlass für das Treffen war der Tod des Duke of Edinburgh. Man wollte ihm Respekt zollen, ihm gedenken. Die Sitzung begann deshalb mit einer Schweigeminute. Dann eröffnete der Premier Minister mit seiner Lobrede den Reigen, gefolgt vom Oppositionsführer, dann der SNP Leader, danach der ‚Father of the House‘, dann die ‚Mother of the House‘ und schließlich die Members of Parliament, abgestuft nach Alter und Bedeutung. Jeder fand lobende Worte, dankte dem Verstorbenen für seinen Dienst am Vaterland bzw. Königshaus und wusste dann noch eine Anekdote über ihn zu erzählen, die hoffentlich noch nicht bekannt war und eine gute Pointe enthielt. So war diese Veranstaltung, die viel länger als geplant bis spät in den Abend andauerte, eine Mischung aus Ehrerbietung und recht unterhaltsamen Erinnerungen. 

 

Man beginnt mit einer Schweigeminute. Alle tragen dunkle Kleidung, einige ältere MPs sind sogar im Cut gekommen. Wahrscheinlich haben sie auch den Zylinder dabei, der liegt in der Garderobe.

 

Weil noch immer die Covid Abstandsregeln gelten, konnten nur wenige der sowieso begrenzten Plätze belegt werden. Die meisten Parlamentarier waren per Video zugeschaltet. Das ist schade, denn das britische Parlament lebt von den spontanen Zwischenrufen. Egal ob Zustimmung oder lautstarken Ablehnung. Es wird zwar nie Beifall geklatscht, dafür aber die Stimme erhoben. „Hear, hear!“ „Order! I interrupt your speaking.“ „But I haven’t finished“ „Yeahhhh, hear, hear!“ … Der Duke, um den sich der ganze Nachmittag drehte, hatte seine eigene Meinung über das House of Commons. Er nannte es gerne ‚the monkey house‘. Und Michael Deacon der Scetchwriter des Telegraph, der die Debatte live vor Ort verfolgt hatte, fasste heute Morgen zusammen, was wohl der Duke of Edinburgh zur Veranstaltung gesagt hätte: „Get on with it! For pity’s sake, about a dozen of you have already said that! There are heaps of good stories about me, and hardly any of these poor saps seem to know them!“

In der Tat, man wiederholte sich, je länger der Nachmittag wurde. Alles hatte man schon erwähnt, was lobenswert klang: Das Pflichtbewußtsein, die Treue zum Königshaus, der Fels in der Brandung, die Güte, der Fleiss, die Bescheidenheit und-so-weiter-und-so-fort. Eine gute Anekdote konnte Keir Stamer beisteuern, der Führer der Labour Partei. Er hatte als 14-Jähriger an einem Ausbildungsprogramm teilgenommen, dass Prince Philip vor vielen Jahrzehnten aus der Taufe gehoben hatte und das noch heute erfolgreich praktiziert wird (Duke of Edinburgh’s Awards). Sir Keir erinnerte sich an den letzten Abend seines Trainings. Sie mußten eine Orientierungstour im Dartmoor durchführen. Es regnete wie aus Eimern und es war schon fast dunkel, als sie sich ihren Weg suchen mussten, nur mit Kompass und Karte ausgestattet. So stolperten sie durch das Gelände, in der Hoffnung die Sache zu überleben. Dann wandte er sich kurz zum Speaker und fügt lächelnd hinzu: „If that doesn’t prepare you for coming into politics, nothing will.“ Großes Gelächter im Saal.

 

Boris Johnson spricht als erster. Er war wohl gerade vom Friseur zurück, denn die durften am Montag erstmals nach 100 Tagen öffnen. Die Haare waren deutlich kürzer aber irgendwie genauso zersaust wie vorher. Ist wohl sein Markenzeichen und daran soll man nichts ändern. – Der Schotte Ian Blackford liess es sich nicht nehmen in ‚kilt and black tie‘ zu kommen. Stilsicher.

 

Mir gefiel die Rede von Theresa May. Sie blieb dem Parlament nach ihrem erzwungenen Rücktritt treu. Ungewöhnlich, denn sie könnte als Beraterin viel Geld verdienen. Aber sie widersteht, ist noch immer Abgeordnete ihres Wahlkreises, mit Sitz im Parlament. Der ist inzwischen in der zweiten Reihe, schräg hinter dem Premier Minister. Wie immer elegant gekleidet und auffälliger Halskette, durfte sie als Erste nach den Parteivorsitzenden sprechen. Und sie war die Erste und fast einzige Rednerin, die ohne Manuskript ihre Erinnerungen an Prince Philip vortrug. Flüssig, interessant, gekonnt. Und natürlich hatte auch sie eine persönliche Anekdote zu bieten. Sie erinnerte sich an einen längeren Besuch bei der Königin und ihrem Ehemann auf Schloss Balmoral in Schottland. Damals war Frau May Premier Ministerin und sie wurde von ihrem Mann, der auch Philip heißt, begleitet. Die beiden lieben Wanderungen und so riet ihnen der Duke zu einer Tour rund um das Schloss. Sie nahmen seinen Vorschlag begeistert an und starteten. Stunden später kamen sie zurück. Sie waren ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Der Duke erwartete sie schon vor der Tür und erzählte ihnen lachend: „I indeed enjoy this walk, but nomally I drove round it in a car.“ 

 

Theresa May hielt eine wirklich gute Rede. Ihr Wahlkreis liegt im Themsetal, im Westen der Stadt. Da hat sie keinen langen Weg ins Parlament.

 

Nach einer guten Stunde habe ich mich aus dem Programm ausgeklinkt. Es war unterhaltsam, sogar sehr. „Wie bitte? Eine unterhaltsame Gedenkstunde im Parlament? Gibt es so etwas?“ Ja, bei den Engländern. Sie sparen in solchen Momenten nicht mit Emotionen, aber streuen eine gute Portion lustiger Episoden zwischen die ernsteren Passagen. Mir gefällt das sehr. Obwohl ich bei englischen Beerdigungen (ich war bisher auf einer, immerhin) manchmal unsicher werde, wenn die Trauergemeinde zum Monty Python Hit ‚Always look on the bright side of life‘ mitsingt.  Dann schnippen alle mit dem Finger und summen leise mit. „Do-da-du, da-du-da-du-da-duuu …“. So weit kam es gestern nicht. Aber irgendwie herrschte gute Stimmung, viel Ehrlichkeit, Offenheit, echte Anteilnahme. Da brauchte man kein Kammerorchester und kein schwarz-weiß Foto des Verstorbenen. Durch die vielen persönlichen Erinnerungen, schien es, als wäre sein spiritueller Geist anwesend. Vielleicht oben, bei den Besuchern, verschmitzt lächelnd hinter einer Säule versteckt.