Nun ist sie da. Die Schreckensnachricht, die keiner haben wollte. Gleich am frühen Morgen lag sie als Zeitung auf dem Tisch. Die Schlagzeile lautete: NO JAB, NO PINT. Schlimmer geht’s nicht, der Nullpunkt ist erreicht.

Eigentlich ja gar nicht so schlimm, könnte man als Engländer meinen, denn immerhin haben fast die Hälfte ihre Impfung erhalten. Trotzdem eine Drohung, die Wirkung zeigt. Mit solchen Sachen spaßt man nicht und deshalb bricht binnen Stunden eine Protestgeheul los. Egal ob TV oder Radio, die Leute sind live am Telefon und machen sich Luft. So geht es ja nun wirklich nicht. Erst wird man monatelang trocken gelegt und wenn es dann endlich wieder losgehen soll, dann nur für Gäste mit Impfpass. Und genau da liegt der Hund begraben. Die Engländer nehmen es mit solchen Dokumenten nicht so genau. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt einen Impfausweis haben. Eher tippe ich auf eine App oder so etwas, die aber auch erst einmal mit den nötigen Daten gefüttert werden muß.

Selbst wenn es Impfpässe geben sollte, dann werden sie vom Engländer nicht sehr wichtig genommen. Ein Volk das vehement den Personalausweis ablehnt, weil er alles offen lägt, was man nie und nimmer Preis geben würde, das zeigt auch bei anderen personifizierten Daten größte Skepsis. Und der Kuddelmuddel bei der zweiten Impfdosis beweist eigentlich schon, dass es hier Lücken gibt. Auf den ersten Blick steht man ja blenden da. Die aktuelle Statistik zeigt die Anzahl der Impfdosen je 100 Personen. Ganz vorne Israel und dann schon Großbritannien. Beachtliche 44,6% haben eine Corona Impfung erhalten. Wir stehen mit 13% ziemlich abgeschlagen da. Aber so einfach wie es aussieht ist es nicht. Würde Deutschland der britischen Impfstrategie folgen, dann hätten wir immerhin 26% der Bevölkerung geschützt. Weil aber die wichtige zweite Dosis aufbewahrt wird, stehen wir erst bei der Hälfte. In Großbritannien verpulvern sie alles was im Kühlschrank lagert und verlängern gleich mal die Wartezeit zwischen erster und zweiter Impfung. Geniale Idee oder Taschenspielertrick?

Jedenfalls funktioniert es nur dann, wenn der Nachschub reibungslos funktioniert. Und da hakt es gerade gewaltig. Die EU ist kurz davor die Exporte nach GB zu stoppen. Die lassen nämlich das begehrte Serum in Belgien produzieren. Umgekehrt behindert man offensichtlich den Hersteller von AstraSeneca an der Einhaltung der Liefermengen. Und so ist jetzt ein offener Handelskrieg ausgebrochen. Ausgerechnet um den so nötigen Impfstoff. Das ist ein ziemlich starkes Stück, jedenfalls unter Freunden. Boris Johnson zeigte gleich mal sein ganzes Repertoire. Mal maulte er, drohte sogar, knickte dann schnell wieder ein und wurde schließlich ganz handzahm. Frau von der Leyen, die die Gegenspielerin in diesem Drama ist, wirkt auf mich noch immer zutiefst verschnupft über den tatsächlich vollzogen Austritt der Briten. Zusammen mit Frau Merkel und Herrn Macron scheint sie nicht wahrhaben zu wollen, was nun mal Wahrheit geworden ist. Ganz nach dem Motto: „Wenn ich den Eimer nicht kriege, dann haue ich dir die Schaufel über den Kopp.“ Und so verheddert man sich in Nebensächlichkeiten und verliert das Gespür für die wirklich wichtigen Fragen.

Johnson argumentiert, dass er bzw. seine Landsleute die Entwicklung von AstraZeneca bezahlt haben und dass deshalb auch beim Verteilen ein Vorrecht haben müssen. Frau von der Leyen weist darauf hin, dass die finanzielle Unterstützung nicht vom britischen Steuerzahler sondern aus EU Zuschüssen (80 Mio. Euro) stammte. Und als der britische Premier, der stets gerne eine Runde Politik Poker spielt, merkt, dass die so zierlich aussehende Europäerin nicht nachgibt, da wird ihm Angst und Bange. Denn die 44,6% Geimpften Landsleute brauchen jetzt ganz schnell ihre zweite Dosis. Aber die Kühlschränke sind leer und deshalb ist man in Großbritannien genauso in der Bredouille wie hier auf dem ungeimpften Kontinent.

Ich bin Optimist. Der Impfrechner im Internet hat mir eine erste Impfung zwischen 20. April und Ende Mai prophezeit. Wer weiß, vielleicht stimmt es? Und kann man es wagen AstraZeneca zu nehmen, wo doch so viele Zweifel aufgekommen sind? Natürlich kann man das. Selbst wenn die Thrombosefälle auf den Impfstoff zurückzuführen sind, sehe ich kein Risiko für mich. Es geht um sechs Todesfälle, deren Ursache wohl noch gar nicht eindeutig bekannt sind. Alleine die Antibaby Pille hat ein deutlich höheres Risiko bezüglich dieser Nebenwirkung. Aus guten Grund wird sie trotzdem täglich eingenommen. Und gestern, als ich mit Kofpschmerzen erwachte, -ja, ein leichter hang over-, habe ich kurzerhand eine Ibu400 geschluckt. Fast hätte ich sie wieder hochgewürgt, als ich mal auf den Beipackzettel geschaut habe. Eine armlange Liste von Gefahren wurden dort aufgezählt. Beginnend bei Herzinfarkt und Schlaganfall, wird man vor Magen-Darm-Durchbrüchen, Durchblutungsstörungen in den Beinen und dauerhaften Lebenschäden gewarnt. Tinnitus und Sehstörungen sind nicht selten und wer es subtiler möchte kann auf eine Depression hoffen. Also mal ehrlich, wer so etwas freiwillig schluckt, den kann ein Corona Impfung kaum noch Angst machen.

Ich habe jedenfalls meinen Impfpass schon mal griffbereit hingelegt. Hoffentlich wird man auch eine elektronische Alternative entwickeln, damit ich den Nachweis stets bei mir habe. Sei es beim Fliegen, Einchecken im Hotel oder, ganz wichtig, beim Pint im Pub. Wie die Engländer es regeln weiß ich nicht. Aber ich habe gehört, dass sie große Probleme haben, wenn jemand zur zweiten Impfung erscheint. Die Leute wissen nämlich meistens nicht, welchen Stoff sie beim ersten Mal bekommen haben. Und dann geht das Raten los. So mancher bekommt da wohl einen zufälligen Mix aus sehr unterschiedlichen Vakzinen verpasst. Wer weiß wozu es gut ist? Schließlich wurde die hohe Wirksamkeit von AstraZeneca auch nur durch einen dummen Zufall entdeckt. Ein Labor Mitarbeiter hatte die Dosis verschusselt und den Probanden nur halb so viel Impfstoff gegeben, als eigentlich gefordert. Als man es endlich merkte waren hunderte Menschen falsch dosiert geimpft. Zur großen Überraschung waren sie besser geschützt als die Gruppe, die die ‚richtige‘ Dosis erhalten hatte. Der medizinische Direktor fand das lustig und merkte nicht, dass schon damals das Vertrauen in die ganze Produktion auf nicht sehr stabilen Beinen stand. Well, we didn’t care – the main point was that we had lots of fun with it. Nein, das hat er natürlich nicht gesagt. Das habe ich mir gerade ausgedacht. Aber es könnte so oder ähnlich gewesen sein. Eigentlich ja gut, dass die Briten ihre Prioritäten etwas anders als wir setzen. Denn egal wie gut man plant, irgendetwas geht immer schief. Dann kann man froh sein, wenn man wenigsten mit guter Stimmung (in good spirit) untergeht.

In diesem Sinne, bleiben Sie optimistisch.

 

PS: Der Herr, den ich diesmal als Beitragsfoto gewählt habe, hat erst einmal gar nix mit dem Impfen zu tun. Er ist ein irischer Politiker und beweist mal wieder, dass man nicht gleichzeitig Eis lecken kann und dabei klug aussieht. Für Bananen in der Faust gilt das übrigens auch.