Seit der Brexit zum Dreh- und Angelpunkt im britischen Parlament wurde, -und das passierte ca. 18 Monate nach (!) Kündigung der Mitgliedschaft, also im Spätherbst 2018-, kann man in den TV News öfters britische Politiker sehen, die von Reportern der BBC interviewt werden. Schon bald fragte ich mich, wo denn das Studio sein könnte, wo das Ganze stattfindet. Man erkennt deutlich die Fassade des Westminster Palace im Hintergrund und hat damit einen guten Anhaltspunkt. Ich bin in Westminster einigermaßen ortkundig und wurde deshalb neugierig. Wieso war mir dort nie ein Studio aufgefallen? Das müsste doch leicht erkennbar sein, denn da sind große Fenster zur Straße. Man nutzt starke Scheinwerfer und viel technisches Zeug, alles sehr auffällig, oder nicht? 

Ich war mir sicher, dass es sich bei der Straße im Hintergrund nur um die Abingdon Street handeln konnte, denn die führt unmittelbar am Westminster Palace vorbei. Dort fahren auch die Busse, die man live im TV vorbeifahren sieht. Und dort ist auch ein Stück grüner Rasen auf dem manchmal die BBC Reporter stehen und ihre politischen Gäste interviewen, die offenbar gerade aus dem House of Commons geeilt sind, um so schnell wie möglich im Fernsehen präsent zu sein. Auf der Bild Collage rechts habe ich zwei TV-Szenen zusammengefügt: oben sieht man den bekannten Reporter John Pienaar und auf dem unteren Bild eilt Christian Fraser gerade aus der Aufnahme heraus. Er gehört zu meinen Favouriten, ich mag sein News Magazine mit dem Titel ‘Beyond 100 Days’.

Die Seite des Westminsterpalastes, die im Hintergrund zu sehen ist, ist seit den Terroranschlägen schwer gesichert. Man hat tonnenschwere Barrikaden errichtet, die verhindern sollen, dass Autos von der Strasse auf den Fußweg fahren können. Dort sind immer große Menschenmengen unterwegs und die potentielle Gefahr eines Angriffs ist permanent hoch. Die Tore zum Palast stehen jetzt nicht mehr offen, alle Eingänge werden von schwer bewaffneten Polizisten gesichert. Einerseits erlebt man hier hautnah, dass die Terrorgefahr stets vorhanden ist, andererseits fühle ich mich hier immer sicher. Man tut in London wirklich alles, um die Touristen zu schützen. Ein Restrisiko bleibt allerdings immer bestehen.

Werfen wir mal einen Blick auf die Karte, eine Satellitenaufnahme zeigt die örtliche Situation. Man erkennt den Palast, die davor verlaufende Abingdon Street, die kleinen Grünflächen auf der gegenüberliegenden Strassenseite, die schließlich direkt an das Westminster Abbey angrenzen. Dort mittendrin müsste das gesuchte Studio stehen, es sei denn, man hat ein wenig getrickst. Könnte es sein, dass man einfach ein Bild an die Rückwand eines fensterlosen Studios projeziert hat und so den Eindruck beim Zuschauer erzeugt, man stünde direkt vor dem Parlament? Durchaus möglich.

 

 

Und siehe da, auf der Aufnahme entdecke ich zwei kleine Zelte. Ich habe sie rot eingekreist. George hat mir erzählt, dass dieser Grünstreifen, genannt ‘Abingdon Street Gardens’ erst in den sechziger Jahren entstanden ist. Hier waren vorher Häuser, die im Krieg stark bombadiert wurden und dann auf den Abriss warteten. Auf eine neue Bebauung hat man verzichtet und lieber einen kleinen Park geschaffen, die betreten und benutzt werden darf. Eigentümer ist die Kirche (Westminster Abbey), nur der kleine Streifen ‘College Green’ wurde an das Parlament verpachtet. Und genau dort treffen aktuell die Politiker auf die Reporter der BBC. Ich habe es mir im Dezember noch einmal vor Ort genau angesehen und entdeckte dann auch das gesuchte Studio.

 

 

Die beiden luftigen Zelte sind die Bühne. Keine Fenster, keine Heizung, kein Komfort. Respekt, denn alle Interviewgästen trotzen dem Wetter ohne Mantel, aber mit einem Lächeln. Nun gut, die meisten sind geborene Engländer, also abgehärtet. Kälte hat denen noch nie etwas ausgemacht. Ich bin mir sicher, dass diese ‘Studios’ erst seit kurzer Zeit hier stehen. Sie sind wohl dem Brexit geschuldet, der die Engländer in turbulente Zeiten geführt hat. Normalerweise sind sie an der Politik wenig interessiert, aber wenn die Zukunft am seidenen Faden hängt, dann schaltet man doch schon mal abends das Telly ein und lässt sich informieren. Hoffen wir mal, dass ein Ausweg aus der Situation gefunden wird, der nicht nur das Verhältnis zur Europäischen Union konstruktiv ebnet, sondern vor allem die zerstrittenen Engländer wieder eint. Bis dahin müssen Barrieren, wie auf dem Bild gut zu sehen, schützend aufgestellt werden. Es sind verrückte Zeiten.

 

 

Übrigens kommen die prominenten Gäste ganz bequem und ungesehen auf den luftigen Interviewplatz. Sie können nämlich wählen zwischen ober- und unterirdisch. Entweder queren sie die Straße, wo sie immer auf viele Menschen treffen werden, die aber fast alle Touristen sind und deshalb auf ihre prominenten Gesichter nicht reagieren, oder sie machen es wie die Maulwürfe und passieren die Straße mittels Tunnel. Dann kommen Sie in einer Tiefgarage heraus, die genau unter der Grünfläche liegt. Das dürfte auch der Grund für die BBC gewesen sein, hier die Zelte aufzubauen. Jedenfalls in diesen turbulenten Brexitzeiten. Wenn es ruhiger zugeht werden Interviews normalerweise vor laufender Kamera mitten im Palast geführt. Man stellt sich in der Central Lobby auf, die auf halben Weg, strategisch günstig, zwischen dem House of Commons und dem House of Lords liegt. Unter den Augen ehemaliger Größen wie William Gladstone, Sir Stafford Henry Northcote and Lord John, 1st Earl Russell lässt es sich dort gut und stilvoll argumentieren.

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