Der Engländer liebt rot. Richtig knallig und satt muß es sein. Feuerrot. Kein Wunder, denn die Farbe macht einen guten Teil der Nationalflagge aus. Die flattert auf allen Dächern und schmückt deshalb jedes Foto schon mit dekorativen Farbtupfern. Dazu kommen dann die satt roten Telefonboxen und natürlich die im gleichen Farbton lackierten Busse. Irgendwie muntert das auf, selbst an regengrauen Tagen bekommt man auf diese Weise ein kleines bißchen Wärme und Energie geschenkt.

 

 

Die Busse sind (fast) alle zweistöckig. Mit etwas Glück ist die erste Reihe frei, dann unbedingt dort hinsetzen und die Kurvenfahrt geniessen. Aber auch die anderen oberen Fensterplätze lohnen sich, wobei man unbedingt auf der linken Seite (in Fahrtrichtung) sitzen sollte. Von dort kann man nämlich den Leuten, die im ersten Stock wohnen oder arbeiten, ungeniert ins Fenster gucken. Sie glauben nicht welche Anblicke einem geschenkt werden. Eigentlich sollte man doch meinen, die Londoner hätten sich daran gewöhnt, dass alle paar Minuten ein voll besetzter Bus vorbeifährt, stimmt aber nicht. 

Eine Zeit lang hat London es mit Gelenkbussen versucht, dann aber wieder den bewährten Doppeldecker eingesetzt. Das dürfte bei den engen, kurvenreichen Strassen auch viel besser sein. Besonders in der City of London, der Square Mile,  verlaufen die heutigen Strassenzüge nicht viel anders als zur Gründungszeit, kurz nach Christi Geburt. Eng, verwinkelt, mit hohen Kantsteinen und tiefen Schlaglöchern. Wie sich da täglich die Busse, Taxen, Autos, Motorräder, Lieferwagen und Radfahrer durchmogeln bleibt mir bis heute schleierhaft. 

Die hochmodernen NRM (New Routemaster) sind mit Kartenlesern ausgestattet. Sie haben zwei Treppen und drei Türen. Wenn man einen Bus mit Schaffner erwischt, dann bleibt die hintere Tür während der Fahrt offen. Man kann also wieder ungeniert über die Heckplattform ein- und aussteigen. Überhaupt sind die Busse prima, sie kommen zwar nicht besonders schnell voran, aber als nicht Londoner freut man sich über die preisgünstige Stadtrundfahrt und genießte den Ausblick. Eine Linie wird besonders gerne von den Besuchern genutzt. Es ist der Bus No 15 von Trafalgar Square nach Blackwall und zurück. Das ist eine schöne Strecke, man folgt den alten Strassen The Strand und Fleet Street bis zur St Paul’s Cathedral, fährt dann nahe an den Hochhäusern des Finanzzentrums vorbei und landet schließlich beim Tower of London. Danach ändert sich das Stadtbild rapide, man erreicht nämlich die Gegenden, in denen die Armen leben. Auch das gehört zu London und schließlich tauchen die Wolkenkratzer der Canary Wharf auf und dort begegnet man dann schon wieder Managern in schicken Anzügen.

Die Linie 15 hat noch etwas ganz besonderes zu bieten. Ein touristischer Leckerbissen, der komischerweise kaum beworben wird. Auf dieser Strecke werden die letzten alten Routemaster eingesetzt. Es sind ein oder zwei Busse, die im normalen Liniendienst verkehren. Ich hatte sie öfters auf dem Strand fahren gesehen, aber niemand wußte, wann so ein Bus an der Haltestelle sein wird. Dann hatte ich eines Tages Glück und es kam tatsächlich der alte Doppeldecker angedampft. Alle mussten über die hintere, offene Plattform einsteigen. Wer wollte konnte dort auch gleich die Treppe nach oben nehmen. Eine Schaffnerin liess sich unsere Karten zeigen. Nur wer eine Prepaid-Card hatte, konnte mitfahren, denn im Bus sind keine Lesegerät für Kreditkarten installiert. Meine Oyster Card wurde akzeptiert und ich konnte mir einen Platz aussuchen. Der Bus erinnerte mich an alte Hamburger Linienbusse. Beidseitig sind zweisitzige Bänke aufgereiht, sie stehen dich aneinander und man stößt mit dem Knie an die Rückenlehne des Vordermannes. Die Polster sind dünn, die Sitzfläche hart. Der Fahrer hat eine enge, völlig abgetrennte Glaskabine, allerdings kann man ihm beim Fahren zusehen, weil auch seine Rückwand zum Bus aus Glas besteht. Ich staunte nicht schlecht über die Technik. Ein dünnes Gestänge ragt vom Boden bis auf Armhöhe des Mannes. Oben ist ein Griff angebracht, den er zusammendrücken kann. Das ganze ist offensichtlich die Handbremse und wird häufig von ihm benutzt. Es scheint nicht ganz leicht zu sein, jedenfalls spannen sich seine Armmuskeln deutlich an, wenn er an dem langen Stock hantiert. Mir kommt mit der Zeit der Verdacht, dass es die einzige Bremse ist, über die der Bus verfügt. Überhaupt scheint hier alles original echt zu sein. Der Motor ächzt, wenn er den schweren Bus im schätzungsweise zweiten Gang die Fleet Street hinauf schiebt. Einen dritten Gang scheint es nicht zu geben oder er lässt sich nicht einlegen. Ich habe auch das deutliche Gefühl, dass keine Art von Federung verbaut worden ist. Der Bus kracht wie ein Bügelbrett durch jede Unebenheit, wovon es viele auf Londons Strassen gibt. Schließlich entdecke ich ein dünnes Seil, dass an der Seite, gleich unter der niedrigen Decke verläuft. Es führt in ganzer Länge durch den Bus. Die Schaffnerin fässt es immer wieder an und zieht es ein wenig runter. Ich verfolge die Schnur mit den Augen und dann fällt der Groschen. Sie führt bis in die Fahrerkabine, wo eine kleine Glocke befestigt ist. Per Seilzug kann man sie zum Bimmeln bringen und dann hält der Bus an der nächsten Haltestelle. 

 

 

Bei meiner letzten Reise passierte dann Ungewohntes. Ich erwischte den alten Routemaster gleich dreimal am selben Tag! Nein, es hat mich nicht glücklich gemacht. Ganz im Gegenteil. Das alte Ding ist so unbequem, dass ich im Stillen betete, es möge doch der NRM kommen. Ausserdem traue ich dem roten Dynosaurier nicht über den Weg. Ich habe das Gefühl man hat Motor, Reifen und Technik im Auslieferungszustand belassen. Und das war vor mindestens sechzig Jahren. Inzwischen sind die Busse auch bei Transport for London (TfL) in Ungnade gefallen. Sie sollen demnächst endgültig verschrottet werden. Prompt kam es zu Protesten. Man kann doch auf die Ikonen unmöglich verzichten, hieß es da. Und ausserdem könnte man die Dinger ja mal neu lackieren, dann wäre doch alles wieder in bester Ordnung. Ich weiß nicht so ganz, ob eine Lackschicht da ausreicht. Aber auf jeden Fall habe ich noch ein paar Fotos gemacht, bevor die Busse ganz verschwinden. Sollte es so kommen, dann können Sie sich ein Exemplar im Transport Museum ansehen. Es ist in Covent Garden und genießt bei großen und kleinen Männern besonders viel Aufmerksamkeit. Für die Damen empfehle ich die vielen schicken Shops, gleich gegenüber in den alten Markthallen. Anschließend kann man sich dann ja wieder treffen; vielleicht an der Bushaltestelle.

 

Eine Neuerung hat der Routemaster bekommen: es sind die beiden kleinen runden LED-Leuchten, links und rechts vorne auf Augenhöhe. Der Rest ist über ein halbes Jahrhundert alt und wird vom Lack gehalten.

 

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