Ich bin oft in London und eines der Fotomotive, das mich immer in seinen Bann ziehen, ist die Skyline der City. Besonders abends, bei Dunkelheit, verschmelzen die Wolkenkratzer des Financial Districts nahtlos mit den Hochhäusern auf der Canary Wharf. Bis 1962 war die Kuppel der St Paul’s Cathedral das höchste Gebäude in London. Immerhin hatte Christopher Wren der Kirche eine beachtliche Höhe von 111 Metern gegeben und damit alle Paläste bautechnisch unter sich gelassen. Inzwischen aber muß die noch immer gewaltige Kathedrale ihre ‘Backen’ gewaltig aufblähen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Die unmittelbaren Nachbarn sind dreimal so hoch und werden zahlenmäßig ständig mehr.

 

 

 

Das untere Bild habe ich im August 2018 aufgenommen. Man sieht wie aktiv in der City gebaut wird. Der drohende Brexit scheint die Investoren nicht abzuhalten, im Gegenteil. Schon im November war das neue Hochhaus, in der Mitte des Bildes, fertiggestellt und die Büroflächen vermietet. Auch am Südufer der Themse, wo bisher nur The Shard in Southwark einsam und turmhoch die ganze Innenstadt dominiert, entstanden in den letzten fünfzehn Monaten gleich zwei gewaltige Hochhäuser, beide unmittelbar an der Blackfriars Bridge. Und gerade wurde die Baugenehmigung für einen noch höheren Turm erteilt, er wird dann die City of London am Nordufer dominieren. Da kann man schon den Überblick verlieren, also versuche ich mal die markantesten Gebäude zu benennen. In der Mitte der Grafik ist schon der gerade genehmigte Neubau zu sehen, das Haus wird bereits jetzt als ‘The Tulip’ gehandelt. Alle anderen Gebäude sind inzwischen fertig und voller Menschen, jedenfalls tagsüber. Aber auch nachts lohnt sich der Abstecher in die dann menschenleeren, ziemlich schmalen Strassen, denn das Licht der Hochhäuser verwandelt die ganze City in einen magischen Ort. Man durchwandert hier Gassen, die von den Römern angelegt wurden, und ganz plötzlich, hinter der nächsten Ecke, rakt ein Bauriese mit hochmoderner Glasfassade bis in den Himmel hinein. Ich glaube das ist ziemlich einmalig.

 

 

Selbst geborenen Londonern fällt es schwer sich an das London zu erinnern, dass bis zur Milleniumswende existierte. Es ist mit dem heutigen Stadtbild kaum noch zu vergleichen. Innerhalb von einer Dekade hat sich London’s City neu erfunden. Und das ist gut so, denn es beweist, dass die Stadt mit ihren unzähligen alten Palästen und historischen Gebäuden, kein Museum ist. Damals, nach 2000, hiess der Bürgermeister Ken Livingstone und er war ein großer Befürworter von Skyscrapern. Allerdings verzichtete er zusammen mit seinen Stadtplaner darauf erst einmal ganze Areale abzureissen, statt dessen suchte man sich kleine Baulücken und bebaute diese Plätze um so höher. Deshalb sieht man neben den Riesen oftmals alte Häuser, beispielsweise kleine Kirchen, die sich zwergenhaft unter den neuen Nachbarn wegducken. Ich hoffe sie fühlen sich nicht bedroht, sondern eher beschützt. 

Es gibt in England generell weniger Bestimmungen wie bei uns, aber ein ‘Building Act’ aus dem Jahre 1894 verbot den Londoner Bauherren Gebäude zu errichten, die höher als 80ft waren. Das sind ungefähr 25 Meter, also nicht sehr viel. Diese Vorschrift mußte strikt eingehalten werden, denn sie kam von ‘ganz oben’. Es war der Wunsch von Queen Victoria, die es unzumutbar fand, dass man ihr womöglich den freien Blick vom Buckingham Palace zum Westminster Palace verbauen könnte. Schließlich arbeitete dort ihre Regierung und sie kontrollierte gerne am Abend ob noch Licht in den Büros und vor allem im Paralament brannte. Dann wußte sie, die Politiker sind fleißig, die Regierung arbeitet. – Wir sollten uns nicht zu laut amüsieren, denn wir halten es heute ganz ähnlich. Frau Merkel kann man ja auch quasi von aussen auf den Schreibtisch schauen.

 

Auch auf diesem Bild wurde das neue Hochhaus bereits eingezeichnet. Seine Form ist markant, eben eine Tulip. In der Mitte, ziemlich weit hinten ragt der schlanke BT Tower in die Luft.

 

 

Ich glaube das erste moderne hohe Gebäude in London war der BT Tower, also der Fernsehturm, der noch heute steht. Er wurde in den 1960-er Jahren errichtet. Jahrelang galt er offiziell als nicht existent, jedenfalls war er auf keinem Stadtplan eingezeichnet. Wenn ich mich nicht sehr irre, lag das an dem dort eingezogenen Geheimdienst, der dort diskrete Funk-Aktionen veranstaltete und   die strikte Verleugnung der Adresse für die beste Tarnung hielt. Inzwischen arbeitet der MI5 und MI6 ganz offiziell in Vauxhall am Themseufer. Das Haus darf von aussen fotografiert werden, es hat eine ebenso auffällige wie ungewöhnliche Fassade. Man könnte meinen der Verhüllungskünstler Christo wäre dort aktiv geworden. Egal, kehren wir zurück zu London Hochhäusern. Erst ab 1980 fing man an auf dem ehemaligen Hafengelände, in den Docklands (Canary Wharf), eine Hochhausstadt zu errichten. Dort sind vor allem die Versicherungsunternehmen angesiedelt.

Ich denke ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung der Londoner Städteplaner in Sachen Hochhaus Bebauung war die ständige Bedrohung durch Terroranschläge. Der BT Tower, oder damals noch Post Office Tower genannt, wurde 1971 von der IRA mit einer Bombe beschädigt und später, im Jahr 1993, hat ein Terror Anschlag in der City schweren Schaden am NatWest Tower (Tower 42) verursacht. Dabei kamen auch zahlreiche Menschen ums Leben oder wurden schwer verletzt. Man scheute verständlicherweise das Risiko und vermied den Neubau von Bürotürmen, wo viele Menschen auf engsten Raum arbeiten.

Für den Financial District, und damit bezeichne ich die City of London, also das Gebiet zwischen St Paul’s Cathedral und dem Tower of London, scheint es nur eine Entwicklungsrichtung zu geben, nämlich die stetige Erweiterung. Es sind aktuell mehr als zehn neue Hochhäuser geplant und mit The Tulip wurde das erste gerade genehmigt. Dieser Turm wird höher als alle anderen sein, und das ist bemerkenswert, denn er übersteigt damit ein Höhenlimit, das bisher strikt eingehalten werden mußte. Es war deshalb nötig, weil in unmittelbarer Nähe der City Airport betrieben wird und die Häuser in der Anflugschneise liegen. Scheinbar hat man etwas ändern können, vielleicht eine neue Start- und Landeroute.

 

Mein Flugzeug wird in Heathrow landen, was weit im Westen liegt. Trotzdem kann ich die Hochhäuser der City klar unter den dünnen Wolken sehen. Die Tower Bridge dient als Wegweiser, gleich rechts davon sieht man den runden Turm der Gherkin mit seiner Spiral-Fassade. – Unten rechts erkennt man bereits das Gelände des City Airports, ein ehemaliges Hafenbecken.

 

Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell die baulichen Riesen hochgezogen werden. Wie gesagt, ich bin häufig in London, und mein erster Weg am Abend führt mich immer auf die Waterloo Bridge. Von dort habe ich freie Sicht auf die Londoner Skyline. Und immer sieht sie ein bißchen anders aus, ein bißchen weiter gebaut, so als würde ein Kind seine Bausteine mit der Zeit immer geordneter aufeinander schichten, bis schließlich alles perfekt zusammen passt. Und vor allem denke ich mir, dass es um die Zukunft des Londoner Finanzdistrikts nicht schlecht stehen kann, denn wer so beeindruckende Häuser baut, die natürlich viel (Finanz-) Macht ausstrahlen, der hat viel Geld investiert und erwartet soliden Gewinn. Ich kann zwar nicht vergleichen, denn ich war weder in New York, noch in Dubai oder gar im Fernen Osten, aber ich glaube London hat etwas ganz Besonderes zu bieten. Und das ist die sehr originelle und oftmals gewagte Mischung aus alt und hypermodern. In unmittelbarer Nähe stehen aussergewöhnliche Bauten nebeneinander, beispielsweise der nicht gerade kleine Tower of London (gebaut um 1100) und die in den Himmel ragenden Bürotürme der City (gebaut um 2012). Man versucht gar nicht erst eine Harmonisierung, die nur scheitern kann, sondern baut auf die Vielfalt. Beide architektonischen Großprojekte haben ihren ästhetischen Charakter, ihren bauhistorischen bzw. bautechnischen Wert und der wird durch die unmittelbare Nähe eher unterstrichen als verwässert. Ich bin gespannt wie sich London in den nächsten Jahren entwickeln wird. Eins ist sicher, es wird weiter gebaut werden, noch höher, noch aufregender und noch großartiger in der architektonischen Aussage. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass London die Kraft hat, all das zu integrieren. Da bin ich gar nicht bange, denn die Stadt und ihre Bewohner haben Charakter und den Mut diesen auch unter geänderten Bedingungen täglich neu zu beweisen. 

 

 

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