Hübsch isse. Egal von welcher Seite man guckt. Die Brücke ist ein Schmuckstück und vielleicht eines der am meisten fotografierten Motive weltweit. Deshalb war es für mich wahrlich nicht einfach, an dem guten Stück eine neue Seite zu entdecken. Ich habe es trotzdem mal versucht. Meine erste Annäherung war eine Art Anschleichen. Statt mich zwischen die unzähligen Touristen am Ufer zu stellen, um dann mit ihnen im Gleichtakt auf den Auslöser zu drücken*), versuchte ich es von einem geschützten Platz hinter einer dicken Mauer. Die gehört zum Tower of London und der steht gleich neben der Brücke am Nordufer der Themse. Als nächstes schaute ich mir dann die beiden Fußgängerstege näher an. Sie verbinden in luftiger Höhe, -je nach Tidenstand so um die 90 Meter über dem Wasser-, die beiden Brückentürme. Über diesen überdachten Gang kann man jederzeit den Fluß queren, auch dann, wenn die Fahrbahnflügel geöffnet wurden. Ein nettes, kleines Museum ist dort oben zu finden und ein hochmoderner Fußboden. Auf etlichen Metern hat man die Stahlplatten gegen dickes Glas getauscht. Das eröffnet einen sensationellen Blick senkrecht nach unten. Man sollte schwindelfrei sein, sonst könnte die Angst größer als die Neugierde werden.

*) Der alberne Aspekt an dem Szenario ist, dass ich die einzige bin, die sich frontal positioniert hat. Also mit meinem Gesicht zur Brücke. Alle anderen stehen mit ihrem Rücken zum Motiv und bemühen sich das ziemlich große Bauwerk auf den einzigen freien Platz, oben links, neben ihrem Kopf, zu platzieren. – Ja, ich sollte nachsichtiger sein. Aber mir gehen die Selfie-Knipser mächtig auf den Wecker.

 

 

Wer lieber auf dem sicheren Boden bleibt, so wie ich, kann dort auch einiges entdecken. Beispielsweise eine falsche Lampe. Die wurde einfach zwischen die höchst dekorativen ‘richtigen’ gesetzt und ich möchte wetten, kein Mensch hat es jemals bemerkt. So etwas findet sich oft an Bauten in London. Hier handelt es sich um einen Schornstein, der früher von den Brückenwärtern genutzt wurde, wenn sie sich in ihrem kleinen Wartehäuschen, das genau da drunter liegt, einen Tee kochen wollten. Weil so ein Schornstein selten ein schmückendes Beiwerk ist, kam man auf die Idee ihn zu tarnen. Man findet das ‘fake relic’ am nördlichen Ende. Halten sie nach dem Podest Ausschau, dass keine Lampe trägt. Ansonsten ist aber alles echt und je näher man sich dem Bauwerk optisch nähert, desto mehr wundervolle Details wird man an der Fassade erkennen. Obwohl die Tower Bridge wie aus einem Märchenstück wirkt ist sie gar nicht so alt, wie man meinen könnte. Die Eröffnung fand 1894 statt, was mich wirklich überraschte. Denn der Tower, der gleich nebenan steht und optisch perfekt mit der Brücke harmoniert, wurde bereits im 11. Jahrhundert errichtet. 

 

 

Die Tower Bridge ist für mich eines der Superlative bei jedem London Besuch. Das beginnt schon im Flugzeug, wenn ich den Hals recke, um mich mit großen Augen davon zu überzeugen, dass wir wirklich gleich in dieser Traumstadt landen werden. Dann sehe ich sie, da unten ganz klein, aber unverkennbar. Dann weiß ich, dass mich ein paar sehr schöne Tage erwarten und natürlich gehe ich immer wenigsten einmal hin. Meistens allerdings öfter, denn die Brücke ist bei Tag und Nacht bildschön. Und übrigens sowohl mit Bus als auch U-Bahn leicht zu erreichen.

 

 

Das dollste Ding habe ich aber erst jetzt, ganz zufällig, erfahren. Ich wollte es erst gar nicht glauben, aber meine Quelle ist zuverlässig, denn der Mann wurde in London geboren. Er hat mir ein Geheimnis verraten, dass das Öffnen der Brückenflügel betrifft. Wann immer das passiert, es sieht spektakulär aus, egal ob man es vom Ufer aus beobachtet oder sich einmal selbst auf die Fahrbahn stellt und erlebt, wie die Straße plötzlich senkrecht vor einem steht. Die Öffnungszeiten werden übrigens im Internet bekannt gegeben (man suche nach: bridge lifting time) und es passiert gar nicht mehr so häufig. Grosse Pötte kommen nur noch selten die Themse hoch, manchmal sieht man einen Kreuzfahrer neben der HMS Belfast ankern. Aber es gibt auch andere Gelegenheiten, um die Brücke zu öffnen. Eine ganz besondere ist natürlich das Passieren der royalen Barke. Die ist eigentlich klein genug, um einfach so hindurch zu fahren, aber es geht hier natürlich um die Frage des Respekts. Man klappt die Flügel hoch, sozusagen als Gruß, als Salut an den Ehrengast, der gerade vorbeischippert. Das kann der Lord Mayor (Bürgermeister der City of London) sein, oder vielleicht ein Staatsgast oder eben die Queen selbst. Das passiert nicht oft, ist aber immer ein Volksfest wert. Und weil die Tower Bridge in London steht, hat man natürlich ein kleines, witziges Detail in die Zeremonie eingebaut. Eigentlich müsste ich sagen ‘winziges Detail’, denn es geht tatsächlich nur um 8,8°, das ist wirklich nicht viel. Aber es ist die Differenz, die man zwischen der Königin und allen anderen für angemessen hält. Im Klartext: Mind the gap. Nur wenn die Queen die Tower Bridge durchfährt, -natürlich lässt sie starke Männer rudern-, werden die Brückenflügel auf den maximalen Winkel von 88° geöffnet. Alle anderen Boote müssen sich mit weniger zufrieden geben. Dem zweitwichtigste Mann/Frau, dem Lord Mayor, werden immerhin noch 79,2° zugestanden. Das sind zehn Prozent weniger. Das setzt sich dann in bunter Folge so fort und ich fürchte wenn ich dort angepaddelt komme, wird man die Brücke keinen Millimeter öffnen. Macht aber nix, denn ich bin geübt im Kopf einziehen. Long live Britannia.

 

 

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